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Neue Staffel "X Factor": Sehnsucht nach Bohlen

Sie kuscheln wieder: Sarah Connor und ihre Jury-Kollegen geben sich auch in der neuen "X Factor"-Staffel alle Mühe, nur kein böses Wort zu verlieren. Und so schleppt sich die Casting-Show dahin.

Von Christoph Forsthoff

Nie hätten wir gedacht, dass wir uns jemals nach Dieter Bohlen sehnen würden. Doch der Auftakt zur dritten "X Factor"-Staffel ist so ermüdend, dass der Wunsch nach dem Verbal-Terminator schon nach kurzer Zeit immer größer wird. Denn diese Jury erstirbt in Langeweile, auch die neue Idee der Backstage-Kamera samt (verstecktem) Mikro verliert spätestens nach dem fünften Kandidaten ihren Witz. Und so kuscheln sich Sarah Connor und ihre drei neuen Co-Juroren durch die zwei RTL-Stunden zur besten Sendezeit. Langeweile kann schon grausam sein …

Denn mehr oder minder musikalisch begabte Menschen tummeln sich mittlerweile auf fast allen Kanälen, den Durchbruch dank Castingshow hat allerdings bislang noch keiner von ihnen geschafft, geschweige denn den Aufstieg zum Star. Muss wohl daran liegen, dass es am Ende doch mehr braucht, als eine halbwegs fehlerfreie Karaoke-Sängerin zu sein wie Melissa Heiduk aus Bochum – und von daher dieses TV-Format (denn mehr ist es natürlich nicht) zumindest seine Unterhaltung aus der Jury und ihren Kommentaren beziehen sollte. Allein, Frau Connor hat schon Probleme mit der Formulierung kurzer vollständiger Sätze – dafür versucht sie bei jeder Darbietung ein besonders kritisches Gesicht zu ziehen –, Guano Apes-Sängerin Sandra Nasic, Rapper Moses Pelham und Scooter-Frontmann H.P. Baxxter verwechseln belanglose Plattitüden mit konstruktiver Kritik.

"Bei der Nummer der Soul gefehlt"

"Das hat mich wirklich berührt", bekundet Baxxter, nachdem J.J.Jobbagy "One" von U2 gecovert hat – wieso, weshalb, warum bleibt im Dunkeln. Aber ist vermutlich auch eh egal, da die Kandidaten ja ohnehin nur als Träger für die Werbespots zwischendurch genutzt werden – die indes erstaunlich kurz ausfallen, offenbar ist das Format auch in dieser Hinsicht ausgereizt. Und so blubbern wir uns durch den Abend: Denn ganz gleich, ob nun die 16-jährige Enya "Mary" Jost sich an Katy Perrys "Peacock" verausgabt oder der gleichaltrige Lucas Mohr Alex Clare mit "Too close" nacheifert, irgendwie finden die Juroren immer irgendwelchen netten Worte.

Das Höchste der Kritik ist da schon erreicht, wenn Nasic feststellt, "Mir hat ehrlich gesagt bei der Nummer der Soul gefehlt" – am Ende reicht’s trotzdem für dreimal X und damit den Einzug ins "Bootcamp". Wo den Kandidaten dann, aufgeteilt in vier Kategorien, vermutlich der ominöse „"X Factor" beigebracht werden soll: jenes Charisma, das den Star (aus)macht.

HB-Männchen auf Speed

Dumm nur, dass sich eben dieses nicht trainieren lässt – und unter den Teilnehmern dieser ersten Runde sich auch keiner mit selbigem findet. Sondern es eben nur für Model-Jungs reicht wie Colin Besserer, der sich nach seinem "You are not alone" von den Jurorinnen platte Anmach-Sprüche anhören muss ("… aber wir haben dir sehr gern zugeschaut") oder Andrew Fischer, der für ein paar Gitarrenakkorde zu Philip Poisels "Wie soll ein Mensch …" von Nasic zum "Virtuosen" erhoben wird. Dass der 21-Jährige von einem solchen noch weit entfernt ist, spielt keine Rolle, auch der technische Zeichner aus dem Süden Deutschlands darf mit ins Camp.

Auf wen er dort noch treffen wird, lässt sich ab heute sonntags weiter auf Vox verfolgen – für eine Fortsetzung auf RTL reicht diese Jury einfach nicht –, auf jeden Fall dabei ist "die mit den Pornoschuhen", wie eine Konkurrentin über die Pumps im Leopardenlook von Mary herzieht und damit den vielleicht besten Spruch dieses langweiligen Abends liefert; und auch die Karlsruher Band "Rune", deren Sänger Patrick Schepanek zwar stimmlich keinen Fuß auf den Boden bekommt, doch dafür zu David Guettas "Titanium" wie ein HB-Männchen auf Speed über die Bühne tobt.

Am Ende zeigt die Jury dann noch ein Herz für kleine und große Gefühle: Erst das Kölner Duo-Paar „Mrs. Greenbird“ mit einer akustischen "Too close"-Version, danach die 16-jährige Fabienne Bender mit mächtiger Stimme und "You’ve got the love" ziehen ebenfalls in die nächste Runde. Allein, dass Connor die starke Sehbehinderung der Schülerin ziemlich plump thematisiert – "wir sollten uns davon frei machen und ihr eine Chance geben" – wirkt reichlich fehlplatziert. Das mit den treffenden Worten ist eben nicht jedermanns Sache – im gut(gemeint)en wie im lästerlichen Sinn.

  • Christoph Forsthoff