HOME

Profiabenteurer Giel Beelen: Komasaufen mit Hollands Jackass

Immer bis an die Schmerzgrenze: Im niederländischen TV sorgt ein hageres Männchen mit seinen lebensgefährlichen Selbstversuchen für Aufsehen. Der 31-jährige Giel Beelen lässt sich für seine Reality-Show "Faktor Giel" lebendig begraben, in einer Kühltruhe einsperren und sogar foltern.

Von Albert Eikenaar, Amsterdam

Giel Beelen, 31, hat sich bisher noch immer selbst überlebt. Auf den ersten Blick ein schmächtiges, hageres Kerlchen mit einer zu großen Eulenbrille und Mütze mit dem Schirm im Nacken. Alles in allem der Prototyp vom Jungen von nebenan. Aber der Schein trügt gewaltig. Beelen ist ein moderner Profiabenteurer, der für sein TV-Programm "Faktor Giel" extreme Herausforderungen sucht. Die Grenze des Zumutbaren zieht er dort, wo er sich wirklich in Lebensgefahr begibt. Dann bricht er ab, auch wenn er selbst oft das Gefühl hat, er könne noch weitermachen.

Beelen lässt sich lebendig begraben und säuft sich ins Koma

Insgesamt hatte Beelen 18 Experimente im Programm, drei pro Sendung. Bis Mitte August ist die Sendung einmal pro Woche im dritten niederländischen, öffentlich-rechtlichen Programm zu sehen. Auch Deutsche können im Grenzgebiet via deutschem Kabelbetreiber das dritte NL-Programm empfangen.

Beelen lässt sich lebendig begraben, säuft sich bis ins Koma, verbringt zwölf Stunden bis zur Unterkühlung in einer Gefriertruhe bei minus 18 Grad Celsius, fährt sein Auto 24 Stunden auf einer Rennstrecke, nimmt wie manche Radrenn-Profis eine Überdosis Dopingmittel, läuft untrainiert einen halben Marathon im Smog von Peking (an dem jährlich 400.000 Chinesen sterben) und lässt sich foltern, wie die Häftlinge von Guantánamo Bay.

Experimente mit realistischem Alltagsbezug

Ziel des Profi-Masochisten ist es, unter der Aufsicht von Ärzten, Technikern und Wissenschaftlern, zu zeigen, was passiert, wenn Menschen sich in lebensbedrohliche Extremsituationen begeben. Die Experimente haben, meint Beelen, alle einen realistischen Alltagsbezug. "Es gibt nun mal Verrückte, die 24 Stunden nonstop gen Süden brettern und dabei ihr Leben und das ihrer Familie aufs Spiel setzen ". Tatsächlich kann der Zuschauer mitverfolgen, wie Beelen auf seiner Nonstop-Tour fast am Steuer einschläft. Reaktionsvermögen und Konzentration schrumpfen gegen Null. Die Tour auf einer sicheren Rennstrecke ohne Gegenverkehr mutet trotzdem wie ein Crashtest an. Beelen landet total erschöpft im Sand neben der Straße. Mittels seines Selbstversuches sollen andere Übermütige gewarnt werden: Mach unterwegs mal Pause, statt nur zu rasen.

In Holland rutschen bei Autounfällen jährlich etwa 500 Menschen in ihrem PKW in einen Fluss oder Kanal, 50 von denen ertrinken. Beelen will wissen, wie es sich anfühlt, hilflos vom Wasser auf den Boden eines Autos gedrückt zu werden. Dabei ertrinkt er fast selbst. Taucher holten ihn in letzter Minute raus. "Meine Mitfahrerin pinkelte vor Angst in die Hose. Machte nichts. Alles war sowieso nass", schmunzelt der "Experimentator".

"So lange ich mich selbst schwätzen hörte wusste ich: Ich lebe noch"

Als Herausforderung empfand Beelen auch das lebendig begraben sein. Welchen Bezug das Experiment zur Wirklichkeit hat, erklärt Beelen anhand einer Statistik: 43 Prozent der Niederländer fürchten lebendig begraben zu werden. "Es war wirklich zum verrückt werden. Nachdem der erste Sand auf den Sarg gefallen war, hörte ich absolut nichts mehr. Es herrschte tödliche Stille da unten. Ich konnte nur eines tun: reden. So lange ich mich selbst schwätzen hörte wusste ich: Ich lebe noch".

Ganze 15 Minuten blieb er lebendig begraben. Als er bereits fast am Ersticken ist findet er die Not-Sauerstoffflasche nicht. Im allerletzten Moment buddelten ihn die Totengräber, die über Funk mit ihm verbunden sind, wieder aus. Beelen stieg kreidebleich aus der Kiste, sein Gesicht so weiß wie sein Anzug. "Alles war sehr vage. Ich erinnere mich eigentlich an nichts mehr", so Beelen.

Als das schlimmste "Experiment" empfindet der TV-Abenteurer die Folter, der er sich als "Terrorist" im nachgestellten Gefängnislager Guantánamo Bay aussetzte. "Schrecklich. Unmenschlich". Beelen konnte sie nicht ertragen. Es war das erste und einzige Experiment, das Beelen vorzeitig abbrach. "Ich musste mit nackten Füßen auf Eis stehen oder mir wurde der Kopf unter Wasser gehalten". Von der lauten Terrormusik drohte er verrückt zu werden. Sie war nicht zu ertragen. Als er dann noch ein elektrisches Gerät sah, mit dem ihm die Folterer Stromstöße verpassen wollten, flippte er total panisch aus. "Das nicht, das nicht auch noch, dachte ich". Seine Tränen konnte er nicht mehr zurückhalten. "Das war das Ende".

Sender wehrt sich gegen schlechte Kritik

Die Serie läuft noch drei Wochen. Sie wird in der Presse nicht gerade positiv bewertet. Es fehle an zusätzlichen seriösen Hintergrundinfos zu den verschiedenen Experimenten. Der Sender wehrt sich dagegen. Das Programm sei für die jüngeren Zuschauer gedacht, die im digitalen Zeitalter schnelle, kurze Reportagen, statt langweilige belehrende Geschichten, konsumieren wollten. Es ginge schließlich um Unterhaltung, nicht um tiefschürfende wissenschaftliche Reportagen.

Beelen selbst begreift seine extremen Selbstversuche als "gesellschaftliches Engagement". Aber was hat ein zwölfstündiger Aufenthalt in einer Gefriertruhe bei minus 18 Grad mit dem täglichen Leben zu tun? "Mehr als man denkt", erklärt Beelen. "Im Winter, wenn es in Holland friert, laufen hunderttausende Niederländer die "Elfstedentocht", die Elfstädteschlittschuhfahrt, von 200 Kilometern. Ich habe jetzt gezeigt, welcher Wahnsinn es ist, seinem Körper stundenlang solche Temperaturen zuzumuten. Und denke an die Menschen, die fast unbekleidet und unvorbereitet auf die Zugspitze zurennen. Das ist in Deutschland doch die Realität, oder?"

Themen in diesem Artikel