VG-Wort Pixel

Start "The Voice of Germany" Die Illusion vom großen Glück


Gleich zum Start wird klar: "The Voice of Germany" bewahrt sich auch in der dritten Staffel sein Gutmenschen-Image und erzählt nebenbei allerlei Aufsteiger- und Outsider-Geschichten.
Von Jan Zier

Es ist im Grunde ein großer Schwindel. Und gar nicht "ehrlich". Aber das macht gar nichts. Denn die Leute glauben daran, und darauf kommt es an. Natürlich zählt auch hier nicht "nur die Stimme", wie die Macher nicht müde werden zu behaupten. Aber sie zählt halt doch immer noch mehr als bei anderen Casting-Formaten. "The Voice of Germany" ist die große Illusion vom großen Glück. Fernsehen eben.

Auch in der dritten Staffel lebt "The Voice" von seinem Image als Gutmenschen-Show. Deswegen fällt hier keiner richtig durch, schon gar nicht mit irgendeinem fiesen Kommentar. Wir sind ja nicht bei Bohlen! Hier wird niemand vorgeführt, sondern höchstens aufs nächste Mal vertröstet, so wie Tümay Zoroglu, der junge Kioskverkäufer und Metal-Fan, der sich gefühlig was beweisen will und also beim nächsten Mal wieder vorsingen darf. Und wenn dann doch mal einer der "Coaches" den Kandidaten nicht bei sich im Team haben will, dann sagt er wenigstens, dass es toll ist, dass er weiter dabei ist. Oder ist es ein Zufall, dass der einzige, der in den "Blind Auditions" auch vor allen Zuschauern versteckt wird, optisch ein wenig wie ein Nerd daherkommt? Immerhin: Mit seiner eindrücklichen Version von Rihannas "Diamonds in the Sky" wäre Jonas Pütz wohl auch so weitergekommen. Zu Recht.

"The Voice" als letzte Chance?!

Hier dürfen halt auch Leute was werden, die nicht so telegen aussehen. Hier werden Leute wieder heimgeschickt, die auch in Model-Castings eine Chance gehabt hätten. Hier werden Aufsteigergeschichten erzählt. Hier werden Idealisten prämiert. Also kommt der Schwarze Ashonte Lee weiter, der sich als Bauarbeiter durchs Leben schlägt, viele Kinder von vielen Frauen hat und auch mal Taxi gefahren ist, "Dolo", der mit einem Song von Alicia Keys antritt und "The Voice" als seine letzte Chance sieht.

Alle wollen ihn, Nena und The Boss Hoss, aber auch die beiden Neuen, also Max Herre, der den Erfinder des Jammer-Pop, Xavier Naidoo, ersetzt. Und Samu Haber von Sunrise Avenue (das waren die mit "Hollywood Hills"), der jetzt statt des Iren Rea Garvey von Reamonn die Rolle des Typen mit dem süßen Akzent spielt. Nur dass der Finne zudem auch noch blaue Augen und Lausbuben-Charme hat.

"Du bist so real"

Auch Andreas Kümmert ist einer dieser Anti-Helden in der Show. Ja, er kann wirklich singen, er ist sogar schon Berufsmusiker, aber sein Rauschebart, dieses Holzfäller-Hemd und das leicht Moppelige geben der Show halt auch viel Gelegenheit, sich einmal mehr in ihrem Selbstbild zu bestätigen. "Du bist so real", sagt Herr Haber. Deswegen darf so einer auch ganz am Schluss der Dramaturgie auftreten.

Gerne genommen sind übrigens auch Frauen wie Nilima Chowdhury - nicht nur wegen des Migrationshintergrunds, sondern weil sie mit 30 ihren sicheren Job bei der Botschaft für die Musik aufgegeben hat. Ansonsten kann auch etwas Promi-Unterstützung nicht schaden - zum Beispiel weil der Chef ein sogenannter Starfrisör ist oder man nicht nur voll viele Tattoos hat, sondern auch mit Nena in einer Band spielt. Bei Männern kommt ja was Emotionales immer ganz gut. Jedenfalls dann, wenn es nicht aufgesetzt wirkt. Dann darf man auch etwas schüchtern sein, so wie Peer Richter, noch dazu, wenn man gerade erst 18 ist. Bei Frauen hingegen wird die selbstbewusste Rampensau immer wieder ganz gerne genommen. Erst recht, wenn sie erst 16 ist, so wie Debbie Schippers, der Gute-Laune-Flummi.

Eine solide Stimme ist auch hier nicht alles. Aber wenigstens ist ohne sie auch hier alles nichts.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker