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"Studio Amani" Mit Ekel-TV und Absurditäten zum Quoten-Hit?

Studio Amani hat sich binnen eineinhalb Monaten zum Sorgenkind von ProSieben entwickelt.
"Studio Amani" hat sich binnen eineinhalb Monaten zum Sorgenkind von ProSieben entwickelt. Die Quoten in der klassischen Zielgruppe sind mittlerweile in den einstelligen Bereich gerutscht.
© ProSieben
Um Studio Amani zum Erfolg zu machen, lässt die Redaktion nichts unversucht. Während manche Ideen krachend scheitern, findet die Show langsam ihre Form. 
Von Fritz Wilhelm

Es gibt nur noch wenige Momente im deutschen Fernsehen, bei denen man auf die Uhr schaut und sich fragt, ob der Jugendschutz noch eine Rolle spielt. Nicht, weil die Sendungen so viel harmloser geworden wären, sondern weil es einfach kaum noch etwas gibt, was noch nicht gezeigt wurde, und weil man in vielerlei Hinsicht schlicht abgestumpft ist.

Die Redaktion von Enissa Amani hat diesbezüglich ganze Arbeit geleistet, auch wenn sie dafür in die Schweiz reisen musste. Dort führte der vermeintliche Urschweizer Pascal die Moderatorin in die Welt der eidgenössischen "Body Modificators" ein. Es erwarteten sie Menschen mit unendlich vielen Piercings und Metallimplantaten an allen möglichen und unmöglichen Körperstellen. So weit, so bekannt. Die eigentliche Faszination des Abartigen setzte aber erst vollends ein, als es zum Live-Piercing ging. Ohne Betäubung lassen sich dabei Menschen lange Nadeln durch die Haut stechen. Auf dem Rücken oder durch die Wange – alles scheint möglich. Auch Amani musste Hand anlegen und war nach anfänglichem Ekel begeistert: "Ich mach’ ein Piercing-Studio auf ... in Teheran!"

Amani hat Spaß am Piercen 

Das "Highlight" war aber eine Frau, die an Fleischerhaken, die durch ihre Rückenhaut geführt waren, aufgehängt im Raum schwebte. Uhrencheck: Ja, es ist nach 23 Uhr. Da kann man so etwas zeigen. Studio Amani wäre aber keine Comedy-Sendung, wenn die Moderatorin die abstoßende Situation nicht humorvoll brechen würde. Dafür hatte ihr die Redaktion für das Gespräch mit der hängenden Dame z B. die Frage „Magst Du lieber ‚Cliffhänger’ oder ‚Hängt ihn höher’?“ vorformuliert. Immerhin: Besser gut bei der Neo-Magazin-Royal-Rubrik "Entscheide Dich!" kopiert, als schlecht erfunden.

Die Präsentation von Absurditäten und Extremen scheint der neueste Versuch von Studio Amani zu sein, Aufmerksamkeit zu generieren. Was in den 1990er funktioniert hat, kann doch im Jahr 2016 nicht verkehrt sein?! Nur leider strapazieren die Macher die Idee etwas zu sehr. Wo sie in der Vorwoche zu viele Spiele hatten, waren es diesmal zu viele Absonderlichkeiten. 

Kuchen auf dem Kopf

Denn außer zu den in bester Schweizer-Käser-Manier durchlöcherten Eidgenossen ging es in einem anderen Einspieler ins Thüringer Land zum Altenburger Folkloreensemble. Im Rahmen der Rubrik "Culture Clash" wurde die Deutsch-Iranerin Amani u. a. in ein traditionelles Hochzeitskleid gesteckt. Das Fremdschämrisiko war während des gesamten Einspielers ausgesprochen hoch. Doch selbst der gespielte Witz von vier älteren Damen in Thüringer Mundart (selbstverständlich untertitelt) war eher als niedlich, denn als peinlich anzusehen. Und man musste schon ein ziemlicher Griesgram sein, um nicht zu lachen, als Amani beim traditionellen Kuchentanz mit einem Brett voll Kuchen auf dem Kopf tanzte.

Tatsächlich waren es in dieser Ausgabe der Show die beiden Einspieler, die auf ihre Art funktionierten und über die gesprochen werden dürfte. Und sie belegen einmal mehr, dass Amani keine Frau ist, die auf Kosten anderer Witze machen kann oder will. Das vermeidet zwar das Fremdschämen, verhindert aber auch den ein oder anderen gewagten Witz. Sie selbst thematisierte das in ihrem Stand-Up-Teil am Beginn der Show. Mitunter etwas mühsam erklärte sie, warum sie sich immer für alles entschuldigen müsse. Bei allem Verständnis: Wenn ein Kabarettist da Bedenken hat, hat er den falschen Beruf gewählt. 

Stand Up bleibt Sorgenkind von"Studio Amani"

Die Redaktion hat dieses Problem erkannt und versucht Abhilfe zu schaffen. Zum ersten Mal wurde mit Maxi Gstettenbauer ein Stand-Up-Comedian in die Sendung eingeladen, der gute fünf Minuten Ausschnitte seines Programms präsentieren durfte. Natürlich ging das in die Hose. Fips Asmussen würde in dieser Zeit geschätzte 100 mehr oder weniger gelungene Witze abfeuern. Ein Stand-Up-Comedian braucht jedoch Zeit, um eine Verbindung zum Publikum aufzubauen und Geschichten zu entwickeln. Das gelang Gstettenbauer nicht, so dass seine Interaktionsversuche mit den Zuschauern hilflos wirkten und die Witze verpufften.

Deutlich besser lief hingegen das Interview mit der Allrounderin Katrin Bauernfeind. Zwar kämpfte Amani auch hier wieder mit den vorbereiteten Fragen und ihrer Spontaneität. Es fand aber so etwas wie ein Gespräch statt, das durch das neue Spiel "Beat Wheel", bei dem verfälschte Lieder erraten werden müssen, unterhaltend erweitert wurde. Für solche schlüssigen Programmelemente braucht eine Show aber Zeit. Und die geben sich die Verantwortlichen bisher nicht. Vielmehr wird die Sendung überfrachtet. Kein Element ist länger als zwei oder drei Minuten, bevor es zu Ende ist oder unterbrochen wird. Die Moderatorin hetzt durch die Show, als sei sie auf der Flucht. Die Hektik spürt auch der Zuschauer, der um die Uhrzeit doch eigentlich entspannen will, bevor es am nächsten Morgen schon wieder stressig genug wird.

Es sitzt noch lange nicht alles beim Studio Amani. Aber erstmalig war so etwas wie ein Aufwärtstrend zu erkennen. Das Paket wird runder, die Moderatorin sicherer. Oder bin ich nach sieben Ausgaben der Sendung einfach nur abgestumpft?   


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