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TV-Kritik "Studio Amani" Flachspiele ohne Grenzen

In Studio Amani begrüßte Enissa Amani Abdelkarim
Zu Gast bei Studio Amani: "Bielefelds witzigster Kanake" Abdelkarim
© Screenshot Pro7
Wem "Versteckte Kamera" und "4 gegen Willi" nie flach genug sein konnten, der hatte bei der sechsten Ausgabe von "Studio Amani" richtig Spaß. Denn die Sendung recycelte abgestandene Showideen und wurde für alle zur Spielhölle.
Von Fritz Wilhelm

Ein Gedankenspiel: Stellen Sie sich vor, Sie sind zu einer TV-Show eingeladen, bei der Sie den Moderator kaum nennen. Natürlich überlegen Sie sich dann im Vorfeld, warum Sie eine Einladung erhalten haben, und was wohl von Ihnen erwartet wird. Jetzt stellen Sie sich vor, sie sind erfolgreicher Comedian und Kabarettist oder langjährig gedienter Bundespolitiker. Na, was glauben Sie, was von Ihnen erwartet werden würde? Dass Sie sich als Comedian von ihrer spontanen, humorvollen und blitzgescheiten Seite zeigen und sich als graumelierter Politiker jugendlich geben und ihre menschliche Seite präsentieren? In normalen TV-Formaten lägen Sie damit richtig. Nicht so bei "Studio Amani". Hier sind Gäste, die inhaltlich etwas zu bieten haben, nur Staffage, dürfen langweilige Spielchen mitmachen und sich mäßig unterhaltsame Einspielfilme mit noch dooferen Spielchen anschauen.

Versteckte Kamera im Einkaufszentrum

Zum ersten Mal hatte Enissa Amani zwei Studiogäste in ihre Sendung eingeladen. "Bielefelds witzigster Kanake" Abdelkarim war der erste. Gleich zwei Spiele musste der Deutsch-Marokkaner über sich ergehen lassen. Er hatte noch gar nicht richtig auf der Couch Platz genommen, da begann schon der Einspieler: In einem Einkaufszentrum sammelten Amani und Abdelkarim Unterschriften für so originelle Petitionen wie "Mehr Fette in Führungspositionen" (damit’s noch lustiger ist, mit einem Bild von Sigmar Gabriel versehen), "Stillpflicht in der Öffentlichkeit für hübsche Frauen" oder "Seniorensperrstunde ab 18 Uhr". Das hätten selbst Kurt Felix und Paola wegen Ideenarmut nicht bei der "Versteckten Kamera" zugelassen. Und in Zeiten, in denen eine ganze Nation über präsidiale "Schrumpelklöten“ diskutiert, können da nicht mal Kindergartenkinder drüber lachen.

Amani ohne eigenes Böhmermann-Statement

Apropos Böhmermann: Es dauerte lange, sehr lange bis Amani den Namen endlich mal in den Mund nahm. In der "Heute-Show" war das selbstredend der Aufmacher, auch sonst fast überall. Und wofür hat Amani einen Stand-Up-Teil am Beginn ihrer Show, wenn nicht genau dafür? Doch anstatt sich als Iranerin über den "Schah-Paragrafen" auszulassen, witzelte sie als erstes darüber, dass die abwertende persische Bezeichnung für Homosexuelle ein Wort ist, dass auf Deutsch soviel wie Kunde heißt. "Kunden-Center" - hihi. "Kunden-Akquise" - haha. "Der Kunde ist König" - höhö.

Als sie später Wolfgang Walter Wilhelm Bosbach begrüßte, den sie mit einem Knicks empfing und fortan WWW Bosbach nannte, sprach sie den Fall Böhmermann an. Plötzlich sollte der Politiker in zwei Sätzen sagen, wie das jetzt alles zusammenhänge und welche "Insides" er habe. Es ist ja schön, wenn eine Moderatorin ihre Grenzen kennt und das nicht selbst übernehmen will. Aber das dann seinem Gast zuzuschieben, ist auch nicht die feine Art. Fein ist auch nicht, dass diese zwei Sätze im Grunde alles waren, was Bosbach in der Show von sich geben durfte. Dabei hatte er sich extra so viel Mühe gegeben und den DJ vermeintlich cool und jugendlich mit "Ghettofäustchen" begrüßt. Die Hoffnung, hier bei der jungen Zielgruppe zu punkten, hat sich für ihn definitiv nicht erfüllt. Den Abend hätte er mal lieber mit seiner Frau verbringen können.

Kein Brot, aber noch mehr Spiele

Dann wäre ihm auch die Rubrik "Enissa hilft" erspart geblieben. Per Einspieler wurde er so Zeuge, wie Amani betrunkenen Kölnern half, indem sie sie nach dem Feiern in einem Van nach Hause fuhr. Als Gegenleistung mussten die Nachschwärmer vor laufender Kamera verschiedene Dinge machen - wie zum Beispiel sich zehnmal im Kreis drehen und dann ins Auto einsteigen, 20 Marshmallows in einer Minute essen oder bei seinem Begleiter 20 Erdnussflips im Gesicht unterbringen. Dieses Vorführen von Betrunkenen wäre selbst Jürgen von der Lippe bei "Vier gegen Willi" zu platt gewesen. Vielleicht wäre das alles nicht so schlimm, wenn nicht noch ein weiteres Spiel jegliche Art der vernünftigen, kurzweiligen und humorvollen Interaktion mit den Gästen unterbunden hätte: Abdelkarim musste nämlich nicht nur Unterschriften sammeln, sondern im Studio mit Amani Wörter von Lippen ablesen. Die denkbar einfachen Regeln las der DJ von einer Karte ab und hatte so wenigstens etwas zu tun. Kopfhörer mit lauter Musik aufsetzen und versuchen zu erkennen, was der andere sagt. Presswurst, Flachzange, Hackfresse, Helene Fischer - wieso es für das Finden dieser Begriffe einer mehrköpfigen Redaktion bedarf, bleibt ein Rätsel. Zu erkennen ist hingegen, dass die Redaktion sichtlich bemüht ist, verschiedene Dinge in der Sendung auszuprobieren und sie so zu optimieren.

Erfolgreiches (aktuell die Spiele) wird bis zum Erbrechen wiederholt, Nicht-Erfolgreiches aus der Sendung genommen. Wenn das so weitergeht, muss Enissa Amani langsam ganz schön aufpassen, dass Letzteres nicht auch sie ereilt. 


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