Tagesthemen Bub folgt Bonvivant


Ulrich Wickert verabschiedete sich am Donnerstag nach 15 Jahren von den Tagesthemen, Tom Buhrow hatte am Freitag eine - etwas zugeknöpfte - Premiere. Ob er das Zeug zum großen Moderator hat, muss sich erst noch zeigen.
Von Lutz Kinkel

Entschuldigung. Aber wenn man das Gesicht von Tom Buhrow auf sich wirken lässt, stellen sich die merkwürdigsten Assoziationen ein. Er könnte mit seinen blauen Scheinwerferaugen und dem glatten, hellen Gesicht eine Figur aus "Gattaca" sein, einem Science-Fiction-Film von 1997, in dem genmanipulierte Gesundmenschen über die Flure federn. Er könnte aber auch der Werbekampagne der Zeitung "Welt Kompakt" entsprungen sein, die mit gemorphten Babypromis um Aufmerksamkeit buhlt. Buhrow hat in jedem Fall etwas Unwirkliches an sich, über sein Gesicht schimmert eine fröhliche Bubenhaftigkeit, die sein wahres Alter (47) und den Ernst seiner Aufgabe ständig zu überlagern scheint.

Vielleicht weiß Buhrow um diesen Effekt und gab sich deswegen bei seinem Debüt geradezu angestrengt steif. Er trug einen dunkelblauen Anzug, dazu eine dunkelblaue Krawatte, sein hellblaues Hemd mit Button-Down-Kragen schien seine Körperlichkeit unterhalb des Kopfes abzuschnüren. Seine Moderation legte Buhrow betont sachlich an: Gammelfleisch, Atomkonflikt mit dem Iran, Papst Benedikt XVI - alles trug er ohne Fehl und Tadel vor. Er sprach schnell, etwas zu schnell, womöglich wollte er damit vermeiden, die Sätze unwillentlich durch Pausen und Stimmführung zu stark persönlich zu akzentuieren.

Hände wieder geparkt

Nur in sehr wenigen Momenten schien ihm die Kontrolle über sein Temperament zu entgleiten. Da zog sich die rechte Augenbraue wie von selbst ironisch in die Stirn. Oder es huschte ein angedeutetes Lächeln über seine Lippen. Dann folgte das Gespräch mit dem Korrespondenten Rolf-Dieter Krause. Buhrow fragte nach, ob sich der Iran noch durch Verhandlungen von seinem Atomprogramm abbringen ließe. Offenbar glaubte der Moderator selbst nicht an diese Option, denn er begann plötzlich zu gestikulieren, seine Hände öffneten sich und malten einen Ausdruck ungläubiger Forderung in Luft, so als müsse er die Verhandlungen der EU mit dem Iran mit eigener Kraft vorwärts schieben. Aber diese Geste dauerte nur Sekunden, dann konnte Buhrow seine Hände wieder bewusst steuern und parkte sie zur Strafe pastoral übereinander gelegt auf dem Moderatorentisch.

Immerhin: Buhrow wirkte, auch wenn man seinen bubenhaften Charme nicht übersehen kann, glaubwürdiger als sein Vorgänger Ulrich Wickert. Buhrow hat beim WDR volontiert, als Reporter für die Tagesschau gearbeitet, später war er Auslandskorrespondent in Paris und - diese Versetzung gilt als öffentlich-rechtlicher Ritterschlag - in Washington. Er ist erkennbar ein Mann der "Hard News", des politischen Zeitgeschehens. Vermutlich wird er einen angemessen Ausdruck dafür finden, wenn er Terroranschläge, Wahlen oder Unglücke moderieren muss. Wickert hingegen schien selbst in solchen Momenten immer der Bonvivant über die Schulter zu blicken. Seine Wortwahl und seine Mimik signalisierten, dass er sich nur ungern mit den Zumutungen dieser Welt beschäftigt und lieber bei einem erlesenen Glas Wein das Feuilleton studieren würde. Buhrow ist, dem ersten Eindruck nach, im Vergleich zu Wickert "straight".

"Nicht zum Arschloch mutiert"

Zehn Jahre will Buhrow die Tagesthemen moderieren, er ist mit seiner Frau und den beiden gemeinsamen Töchtern von Washington an die Elbe gezogen. Seine Chancen, gegen den lässigen Claus Kleber und die wasserklare Marietta Slomka vom ZDF-"heute journal" zu bestehen, sind gut. Allerdings muss er noch seine ureigene Mischung aus Emotionalität und Seriosität finden - und dann die journalistischen Nagelproben der "Tagesthemen" meistern. Erst im Live-Interview mit Phrasen dreschenden Politikern wird sich zeigen, wie clever und hart ein Tom Buhrow sein kann. Auch seine Fähigkeit, Nachrichten adhoc einzuordnen und frei zu sprechen, wird geprüft werden - dann nämlich, wenn plötzlich eine Katastrophe hereinbricht und den vorgefertigten Sendeplan durcheinander wirbelt. Wickert hat in einer solchen Situation, dem 11. September 2001, einen schwarzen Tag gehabt.

Die soziale Bewährungsprobe vor seinem Team wird Buhrow wohl am schnellsten gewinnen. "Glauben sie mir", sagte eine Mitarbeiterin des ARD-Studios in Washington dem stern, "ich bin seit 25 Jahren beim Fernsehen - Tom ist der Einzige, der auf dem Weg an die Spitze nicht zum Arschloch mutiert ist". Dazu passt, wie sich Buhrow aus seiner Debütsendung am Freitag verabschiedete: Mit einem strahlenden Lächeln und einem Gruß an die Kollegen im Sendeteam. Ein Moderator, der schon in der ersten Sendung darauf hinweist, dass er nur der Moderator ist: Das war mehr als eine sympathische Geste. Es war der Beleg dafür, wie klar sein Blick auf die Realität ist. Möge es dabei bleiben, auch wenn er nun unvermeidlich in die Oberschicht der Fernsehprominenz hineinwächst.


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