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"Tatort"-Kritik: "Breaking Bad" Wiener Art

Mit der Geschichte einer Rentner-Gang, die Crystal Meth schmuggelt, kehrt der "Tatort" aus der Sommerpause zurück. Doch den lahm inszenierten Fall kann leider auch der große Peter Weck nicht retten.

Von Carsten Heidböhmer

Der pensionierte Polizist Reinhard Sommer (Branko Samarovski, l.) ist undercover in einem Altenheim Drogenschmugglern auf der Spur. Rentner Paul (Peter Weck) ahnt nichts.

Der pensionierte Polizist Reinhard Sommer (Branko Samarovski, l.) ist undercover in einem Altenheim Drogenschmugglern auf der Spur. Rentner Paul (Peter Weck) ahnt nichts.

Es ist nicht ohne Ironie, dass sich just in dem Moment, da der "Tatort" aus der Sommerpause zurückkehrt, sich die urlaubsreife Ermittlerin anschickt, zur Erholung nach Kreta zu fliegen. Ist das wirklich der lange vermisste Sonntagabendkrimi? Wären da nicht die altbekannten Gesichter von Bibi Fellner (wie immer grandios: Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) - man hätte denken können, versehentlich das ZDF eingeschaltet zu haben, wo zeitgleich eine Dora-Heldt-Verfilmung ausgestrahlt wurde. Denn mit einem "Tatort" schien der Film lange Zeit nichts zu tun zu haben.

Als wollten sich die Macher (Buch: Uli Brée, Regie: Harald Sicheritz) dem Tempo des Altersheims anpassen, in dem ein Großteil der Folge spielt, tuckert die Handlung gemächlich vor sich hin und nimmt erst nach 20 Minuten etwas Fahrt auf. Bibi Fellners Vater ist in jenem Altersheim in der Steiermark verstorben und hinterlässt seiner Tochter - obwohl bettelarm - mehr als 30.000 Euro. Woher hatte der alte Mann das viele Geld. Auch wenn gar kein Verbrechen vorliegt, stellen Fellner und Eisner Nachforschungen an. Hängt der Geldsegen etwa mit den Busreisen zusammen, die jeden Mittwoch vom Altersheim aus nach Ungarn starten?

Es ist natürlich eine hübsche Idee, dass eine Gruppe rüstiger Senioren heimlich Crystal Meth ins Land holen. Eine nette Hommage an "Breaking Bad", jene amerikanische Erfolgsserie, die erst vor wenigen Tagen mit mehreren Emmys ausgezeichnet wurde. Doch diese Referenz gereicht der "Tatort"-Folge "Paradies" nicht zum Vorteil, zeigt sich in der Gegenüberstellung doch überdeutlich, dass zwischen den avancierten US-Produktionen und durchschnittlicher deutsch-österreichischer Krimikost ein Qualitätsunterschied herrscht, der mindestens so breit ist wie der Atlantische Ozean.

Der Traum von einem Lebensabend im Süden

Doch es war bei weitem nicht alles schlecht in diesem Film. Vor allem das Wiedersehen mit dem vor Schauspiellust sprühenden Peter Weck tröstet über vieles hinweg. Der 84-Jährige verkörpert den einst reichen Paul Ransmayr, der von seiner Tochter um sein Erbe geprellt und ins Heim abgeschoben wurde. Und der nun von einem Ziel angetrieben ist: raus aus diesem primitiven Seniorenheim, "aber nicht erst in der Blechkiste". Er braucht Geld für sein "Paradies", das der Folge den Titel gab, dem Traum von einem Lebensabend im Süden.

Dieser Antrieb ist so stark, dass Ransmayr bereit ist, krumme Dinge zu tun. Zunächst stiftet er andere Rentner zum Schmuggeln an und liefert die Drogen dann gegen gutes Geld bei seinem Enkel ab. Und als der auf die Rentnergang keine Lust mehr hat und sich neue Vertriebswege aufbauen will, zieht er ihm seine Richard-Wagner-Büste über den Kopf. Nun ist sein Enkel sicher nicht der einzige Mensch, der sich von Wagner erschlagen fühlt, aber in diesem Fall ist es tödlich ausgegangen. Damit ist auch das Ende von Ransmayr besiegelt: Er springt vom Dach seiner Firma, vor den Augen seiner Tochter, die sie ihm einst entriss.

Was Moritz Eisner immerhin die Erkenntnis bringt: "Alte Leute sind gefährlich, die haben nichts mehr zu verlieren." Einiges zu gewinnen hat dagegen die "Tatort"-Reihe, die sich zu Beginn der neuen Saison noch nicht in Topform zeigt, aber noch Steigerungspotenzial hat.