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"Tatort"-Kritik: Biedere Altlasten

Der Titel des gestrigen "Tatort" klingt ähnlich scheußlich wie das "Wort des Jahres" Abwrackprämie. In "Altlasten" geht es um Demenz, Verantwortung und den Generationenkonflikt. Der schwäbische Krimi kommt passend zur nachweihnachtlichen Gemütslage.

Von Kathrin Buchner

Wir haben sie hinter uns, die feierliche Familienzusammenkunft unterm Weihnachtsbaum, die allzuoft zum Kriegsschauplatz wird, wenn Festtagsstimmung in pure Aggression umschlägt und alte Fehden unter Verwandten aufflammen. Da scheint der Zeitpunkt passend gewählt für einen "Tatort", der sich der Frage widmet: Wer kümmert sich um Oma und Opa, wenn sie gebrechlich und pflegebedürftig sind?

Es ist eine Geschichte, wie sie alle Tage in jeder Familie in Deutschland vorkommen kann und häufig nicht mal entdeckt wird, weil der Amtsarzt nicht so genau hingeschaut hat. Wenn ein alter Mensch stirbt, vermutet man nichts Böses, da zaudert man nicht lange bei der Ausstellung des Totenscheins. Im schwäbischen "Tatort" mit dem unschönen Titel "Altlasten" hat der Doktor aber genau hingegeguckt und eine Obduktion angeordnet. Die bringt ans Licht, dass der 80-jährige Willi Schubert an einer Überdosis Schlaftabletten gestorben ist, die ihm an seinem 55. Hochzeitstag per Heidelbeerkompott mit Schlagsahne verabreicht wurde. Selbstmord ist ausgeschlossen. Der alte Mann war zu zittrig, um ohne Hilfe essen zu können.

Heiteres Mörderraten im Wohnzimmer

So spielen die Stuttgarter Ermittler Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) heiteres Mörderraten im Familienkreis. In bester Miss-Marple-Manier dürfen die Verdächtigen im heimischen Wohnzimmer ihre Geschütze gegeneinander auffahren. Der Frontverlauf ist klar ersichtlich: Der Sohn, Versager, schwarzes Schaf und notorisch pleite, schießt aus Neid gegen den Rivalen, den erfolgreichen Schwager, der sich die Gunst des Schwiegervaters erobert hatte. Der Schwager wiederum steckt knietief in einer Ehekrise. Seine Frau will eigentlich Karriere machen, fühlt sich vernachlässigt und überfordert von der Pflege der Eltern, der demenzkranken Oma und der Sorge um die eigenen Kinder, von denen eines behindert ist.

Dick aufgetragen also, der klassische Konflikt zwischen Selbstverwirklichung und Verantwortung, das Drama um die ältere Generation, die aufs Abschiebegleis kommt. "Altlasten" eben, für deren Entsorgung man jedoch noch nicht mal eine Abwrackprämie bekommt, so zynisch es auch klingen mag.

Doch Regisseur Eoin Moore und Drehbuchautorin Katrin Bühlig sind alles andere als Zyniker. Sie entwerfen keine Monster, sondern zeichnen Menschen, die hin- und hergerissen sind zwischen berechtigen Eigeninteressen und der Aufopferung für andere. Ihre Geschichte mit der so aktuellen Thematik ist allerdings recht bieder umgesetzt. Daran ändert auch die Kameraführung nichts, die die Verdächtigen umkreist.

Stereotype Storyführung mit Details angedickt

Immerhin, sie brechen die auf den ersten Blick so stereotype Storyführung mit ein paar Kleinigkeiten auf, was Esprit und Tiefe verleiht. Da ist der Hausarzt in der Budget-Bredouille, da sind die starken Schauspieler Inka Friedrich und Andreas Schmidt, die man aus der wunderbaren Kinokomödie "Sommer vorm Balkon" kennt. Und da ist die großartige Bibiana Zeller, die Oma Schubert in ihrer geistigen Verwirrtheit, zwischen Zerbrechlichkeit und Durchsetzungskraft, so facettenreich darstellt. Deren Ehe so scheckheftgepflegt und stabil war wie der Schneewittchensarg, das Volvo-Coupé mit gläsernem Dach, das es genauso so selten gibt wie eine Smaragdhochzeit.

"Altlasten" ist ein "Tatort", der im richtigen Augenblick kommt, der den Zeitgeist trifft und im richtigen Umfeld spielt. Ist doch Stuttgarts Kommissar Bootz als einziger von allen Ermittlern der 15 Teams der ARD-Krimireihe mit Familie zu sehen. Einer Vorzeigefamilie wie aus der Margarine-Werbung, mit hübscher Frau, zwei niedlichen Kindern, Wuschel-Hund und nerviger Schwiegermutter. "Altlasten" finden sich überall.

  • Kathrin Buchner