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"Tatort"-Kritik: Der Tote an der Tivolibrücke

Ein schwuler Enthüllungsjournalist, alte Gewerkschafter, junge Aufsichtsräte und ein Praktikant namens Panini - kein Wunder, dass die Kommissare Batic und Leitmayr in diesem vielköpfigen Tatort Schwierigkeiten hatten. "Um jeden Preis" ist eine komplizierte Geschichte um Solidarität, und wie weit man für sie geht.

Von Ingo Scheel

Es gab noch nicht mal einen richtigen Mord aufzuklären: Rainer Truss, ein Journalist mit hehren Idealen, hat sich an der Münchner Tivolibrücke nächtens aufgehängt. Ein Freitod, soviel steht fest, gäbe es da nicht den einen oder anderen auffälligen Fingerabdruck am Geländer und einen letzten Anruf ausgerechnet beim Gewerkschaftsboss und Aufsichtsrat Leo Greedinger (Thomas Sarbacher).

"Tatort"-treue Zuschauer dürften sich hier zunächst verwundert die Augen gerieben haben. Hatte der nicht letzte Woche noch Lena Odenthal bei rotem Wein und weißem Trüffel schöne Augen gemacht? Und richtig - schon zum dritten Mal steht der Name des Hamburger Schauspielers allein in diesem Jahr auf der Besetzungsliste vom "Tatort".

Schauspielerknappheit, Casting-Seilschaften oder schlicht und ergreifend deutsche TV-Krimi-Realität? Ein Blick in die Annalen spricht für Letzteres: "Der Kommissar" hatte einst seinen Peter Fricke, "Derrick" setzte auf Pierre Franckh, der "Tatort" mag seine Thomas Sarbachers, Andreas Schmidts und Martin Feifels. Wenn die Schar der Kommissare schon immer unübersichtlicher wird, dann sieht man doch zumindest bei den suspekten Subjekten gern mal vertraute Gesichter.

Falsch verstandene Solidarität

"Um jeden Preis" nun ist der mittlerweile 53. Fall der Münchner Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), die diesmal vom jungen Italiener Panini, einem Polizeischüler aus Verona, unterstützt werden. Der Kern der Geschichte: Solidarität, und wie weit man für sie geht. Leo Greedingers Vater Hans, ein Gewerkschafter alten Kalibers, vernichtet Beweismaterial, das seinen Sohn, der in engem Kontakt mit dem toten Truss stand, belasten könnte. Und das, obwohl er dessen Berufsauffassung nicht unbedingt teilt, wie der Zuschauer in einem mit grobem Keil ins Dialog-Drehbuch gehauenen Vater-Sohn-Gespräch erfährt.

Hauptkommissar Batic, der in Jugendtagen mit Greedinger junior auf Sportfreizeiten fuhr und fast zur Familie gehört, will seinem einstigen Busenfreund den Rücken freihalten. Das geht bis hin zum Zurückhalten von Beweismitteln, als er kurzerhand eine Videokamera des toten Journalisten unterschlägt. Auch Kollege Leitmayr hat seine Vorstellungen von Solidarität. Der Amtsmissbrauch Batics bringt ihn zwar in Rage, Konsequenzen gibt es jedoch nicht. Greedinger selbst rutscht auf dem schmalen Grat zwischen Solidarität und Korruption schließlich ab. Um den Standort seines Unternehmens zu retten und den angestrebten Posten zu erringen, nimmt er Bestechung, Betrug, eine selbst zugefügte Schusswunde und einen toten Journalisten in Kauf.

Die Wahrheit liegt auf dem Platz

Nicht zuletzt dem unübersichtlichen Personal ist es geschuldet, dass dieser durchaus zu mehr taugende Plot nie so richtig zupackt. Medienberater und Journalisten, Praktikanten und Überväter, Ex-Gewerkschafter, Medien-Mogule, Mütter, Schwestern, Söhne und ein verwaister Wellensittich - alle mühen sich ebenso redlich wie erfolglos, das Laufrad der Geschichte in Gang zu halten. Nur beim Wodka mit der Journalistin Kropp atmen Batic und Leitmayr, und damit auch dieser "Tatort", einmal kurz durch. Ebenso ganz am Ende, wenn es zum zweiten Mal auf den verschneiten Bolzplatz geht, Praktikant Panini kurz den Toni macht und Abschiedsgeschenke verteilt. Ende gut, irgendwie doch alles gut - und auf dem Fußballplatz sind wir eh alle gleich.

Ciao, Ciao, Panini. Und auf bald, Thomas Sarbacher. Der hat bereits seinen nächsten "Tatort" abgedreht. Nach zuletzt Saarbrücken, Ludwigshafen und München, zieht es ihn demnächst zu den Kollegen Ballauf und Schenk nach Köln.