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"Tatort"-Kritik: Die wilde Nummer der Bayern-Kommissare

Drogensumpf, Panik und Verfolgungsjagden: Im bayerischen "Tatort" verliert Kommissar Batic sein Gedächtnis und gerät unter Mordverdacht. Die wilde Tour de Force des verwirrten Ermittlers ist unkonventionell, dafür umso spannender umgesetzt.

Von Johannes Schneider

Jeder kennt ihn, diesen Scherz zwischen zwei echten Kerlen: Krankenhaus, der Verletzte wacht auf, sein Kumpel am Bett fragt: "Und, alles klar?" "Kennen wir uns?", fragt der Verletzte zurück. Ja ne, schon klar! Doch diesmal ist es ernst: Ivo Batic (Miroslav Nemec) hat nach einem Autounfall sein Gedächtnis verloren. Er erkennt seinen Kollegen Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) nicht mehr. Mehr noch: Er weiß nicht mal mehr, wer er selber ist. Schlimm genug, doch zum noch größeren Problem wird Batics Amnesie, als er unter Verdacht gerät, eine junge Kollegin aus dem Rauschgiftdezernat ermordet zu haben. Batic muss flüchten - ein Polizist, der zum Gejagten wird.

Zugegeben, der "Verdächtige ohne Erinnerung"-Plot ist nicht gerade taufrisch. Und dennoch ist "Wir sind die Guten" ein "Tatort", der Neues in die deutsche Krimi-Tradition bringt. Denn der Regisseur Jobst Oetzmann beweist Mut zu radikaler Bildsprache. Und dazu, einen Handlungsstrang konsequent durchzuerzählen.

Mit der Erinnerung verliert Batic auch seine Persönlichkeit

Durch die Konzentration auf eine Geschichte bekommen die Mimen Raum zur Entfaltung. Sicher, auch das kann schiefgehen, doch dank der guten Besetzung wird dieser Raum gefüllt, Miroslav Nemec wächst über sich hinaus. Wie ein eingeschüchtertes Kleinkind wirkt sein Batic in der Anfangsviertelstunde. "Ich hab' Hunger" ist sein erster Satz, als er an einer Supermarktkasse steht und seine Geheimnummer nicht mehr weiß - hilfloser geht es nicht. In jedem Blick, in jeder Geste ist seine Verunsicherung zu spüren, und so zeigt Nemecs Spiel, dass mit der Erinnerung auch die Persönlichkeit verloren geht. Was bleibt von einem Menschen, der nicht mehr weiß, was er in seinem Leben geleistet hat, wo er herkommt, und wer seine Freunde sind? In Batics Fall ein ängstliches Nervenbündel, das nichts mit dem sonst so forschen Kroaten-Kommissar zu tun hat.

Seine Impulsivität gewinnt Batic erst in höchster Not zurück. Der Festnahme durch das LKA entgeht er halbnackt, nur mit einem Handtuch bekleidet - und zwingt seinen alten Kumpel Leitmayr mit gezogener Waffe, ihm Wagen, Geldbeutel und Klamotten zu überlassen. Von nun an ist er auf der Flucht vor dem knallharten LKA-Mann Stolze (Michael Mendl) - gehetzt wie ein verwundetes Tier, geplagt von den Halluzinationen, die eine Folge des Unfalls sind.

Bilder untermalen Angst, die in Panik umschlägt

Den ganzen "Tatort" hindurch erleidet Batic also eine psychische Tour de Force. Und es ist eine Stärke des Films, dass der Regisseur Jobst Oetzmann und sein Kameramann Volker Tittel diese Extremsituationen in ebenso extreme Bilder umsetzen. In den Momenten, in denen Batics Angst in Panik umschlägt, kreist die Kamera mit Tempo um ihn herum, die Schnitte sind schnell, und die Farben röntgenhaft überzeichnet. Batics Grauen wird so auch für den Zuschauer sinnlich erfahrbar.

Die Verbindung zwischen Schauspielkunst und intensiver Bildsprache macht "Wir sind die Guten" zu einem mehr als guten "Tatort". Die Risikobereitschaft der Macher hat sich ausgezahlt. Sie haben gezeigt, dass auch bekannter Stoff fesseln kann - wenn er richtig verpackt wird.