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"Tatort"-Kritik: Ein Allgäu-Hitchcock mit Macken

Ein "Tatort" ohne blöde Witze und ohne soziale Betroffenheit - das ist doch was! Spannend war "Bluthochzeit" mit Eva Mattes dazu. Da wollen wir mal nur ein bisschen meckern.

Von Frank Thomsen

Krimis folgen für gewöhnlich einem Schema, das im Englischen "Whodunit" heißt: Wer hat es getan? Wer ist der Mörder? Beim "Tatort" vom Bodensee war das am Sonntagabend anders. Zwar gab es auch hier gleich zu Beginn einen Toten. Doch die Frage, die Kommissarin Klara Blum und das Publikum beschäftigte, lautete: Wer wird der Mörder sein? Und: Kommt es überhaupt zum Mord?

Die Geschichte ist schnell erzählt: Eine Braut - schön, jung, blond - wird von vier jungen Männern entführt, es ist ein Brauch bei Hochzeiten, der Bräutigam muss seine Angetraute suchen und auslösen. Einem der vier Männer jedoch geht es nicht um diesen Spaß. Er hat es auf die Braut, gespielt von Petra Schmidt-Schaller, und ihr Leben abgesehen. Welcher der vier es ist und ob er es schafft, das macht die Spannung aus. Das Allgäu präsentiert sich dazu düster, bedrohlich und - abgesehen von den Protagonisten - menschenleer. Die vier jungen Männer sind mit Schauspielern besetzt (Hannes Wegener, Matthias Ziesing, Thomas Fränzel und Godehard Giese), die jeder der Figuren so viel Abgründiges verleihen, dass man sich alle als Mörder vorstellen kann. Und die abgeklärte Schwermut, mit der Eva Mattes stets die Kommissarin gibt, passt gut in diese "Tatort"-Folge, verleiht sie dem Ganzen doch Erdung.

"Suspense" ist noch so ein englischer Genre-Begriff, er heißt: Spannung oder, den lateinischen Ursprung wörtlicher nehmend, in Unsicherheit schweben. Genau das hat der "Tatort" geschafft: dass man als Zuschauer in Unsicherheit schwebte und sich dabei gut unterhalten fühlte. Das ist ja schon mal eine ganze Menge.

Rahmenhandlung zu vollgepackt

Trotzdem gibt es etwas zu meckern: Die Rahmenhandlung war unnötig überfrachtet. Denn sie handelte außerdem von: einem reichen Vater, der seine Tochter nicht versteht; einem blonden Engel, dem der Teufel im Leib steckt; einem älteren Mann, der ein junges Ding heiratet; einem Sohn, der erleben muss, dass sein Vater seine große Liebe heiratet. Auch dieser "Tatort" kann nämlich nicht ganz widerstehen, das große Ganze abzuhandeln: Reiche sind auch nicht glücklich, und Geld ersetzt Liebe nicht.

Und es war auch nicht hilfreich, dass der Tiefgang über weltenkluge Sprüche erzeugt werden sollte von der Marke: "Du gehörst mir." - "Ich will ein neues Leben anfangen." - "Er kennt von allem den Preis, aber von nichts den Wert." Was man so sagt, wenn es nicht das Leben, sondern das Fernsehen ist. Tja, und dass Seilbahnen plötzlich losfahren und ganz viele Polizeiautos rein zufällig zwei Sekunden nach dem einsamen Showdown der Kommissarin eintreffen - das ist geschenkt, so eine Story muss ja rasch vorwärts gehen, 90 Minuten sind schnell um.

Dennoch: "Bluthochzeit" (Regie: Patrick Winczewski; Buch: Stefan Dähnert) gehört in der starken ARD-Krimireihe "Tatort" zu den besseren Folgen. Die Geschichte war spannend, gut gefilmt und überwiegend sehr gut gespielt. Und: Es gab keine blöden Kommissarswitze.