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"Tatort"-Kritik: Eine Sterbehelferin wird ermordet

Bleierne Düsternis im "Tatort": Eine ermordete Lobbyistin, eine verzweifelte Mutter, die ihr schwer leidendes Kind erlösen will, und ein Anwalt, der Geschäfte mit dem Tod macht. Ulrike Folkerts als Lena Odenthal sieht man sogar weinen - "Der glückliche Tod" litt an Betroffenheitspathos.

Von Kathrin Buchner

Wenn Hauptkommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) aus ihrer Wohnung geht, blickt sie durch ein Schaufenster, hinter dem alte Leute wohnen, die ihr fidel zuwinken und von Pflegerinnen gefüttert werden. Das ist die Klientel, an die man normalerweise denkt, wenn das Wort "Sterbehilfe" fällt. Greise, die ihr Gedächtnis verloren haben und im Altersheim dahinsiechen. Todkranke Krebspatienten, die ihr Leben gelebt haben und sich einen würdigen Abgang mit Hilfe einer Pille wünschen, damit sie nicht weiter leiden müssen.

Um das Positive gleich vorweg zu nehmen: Es ist der Verdienst dieser Ludwigshafener "Tatort"-Folge, dass sie einem auch andere Altersgruppen als Kandidaten für die Sterbehilfe nahebringt. In "Der glückliche Tod" handelt es sich die neunjährige Julia Frege (Julia Kunkat). Sie leidet an Mukoviszidose, einer Stoffwechselerkrankung, die dazu führt, dass Julias Magen und Lunge nur noch eingeschränkt funktionieren. Sie hat schreckliche Hustenanfälle und isst fast nichts mehr. Früher oder später wird sie ersticken oder verhungern, weswegen ihre völlig verzweifelte Mutter Katja Frege (Susanne Lothar) auch illegale Mittel in Kauf nimmt, ihrer Tochter das Leiden zu verkürzen und einen sanften Tod zu verschaffen.

Krude Geschichte mit düsteren Gestalten

Drehbuchautor André Georgi und Regisseurin Alrun Goette spinnen allerdings eine ziemlich krude und spannungsarme Geschichte darum herum: Da wird eine junge Frau ermordet gefunden, auf ihrem Handrücken hat sie eine Telefonnummer geschrieben, die zu den Freges führt. Sabine Brodag arbeitete für den Schweizer Sterbehilfeverein "Charontas", der auch in Deutschland Lobby für Sterbehilfe betreibt. Im Laufe des Krimis wird sich herausstellen, dass Brodag, die teure Klamotten und Taschen besitzt, illegal mit Sterbehilfe-Pillen gehandelt hat. Davon weiß allerdings ihr Chef nichts, der Vorsitzende des Vereins, Dr. Scheuren (Nikolaus Paryla), ein zerstreut wirkender Medizin-Professor, den 15 Jahre Arbeit auf der Kinderkrebsstation geprägt haben.

Außerdem ist da noch Rechtsanwalt Michael Heymann (Frank Giering), Typ armes Würstchen, aber ohne Skrupel, der mit Brodag nicht nur eine Liebschaft hatte, sondern ihr auch beim Geschäft mit den Pillen fleißig geholfen hat. Dramaturgisches Beiwerk sind noch die nervige, im achten Monat schwangere Frau des Rechtsanwalts und ein verzweifelter Handwerkermeister, der den von Brodag unterstützten Freitod seiner 17-jährigen Tochter rächen will.

"Ihre Angstellte war die Reiseleiterin"

Während der Ermittlungen darf Kommissar Kopper (Andreas Hoppe), ein erklärter Gegner der Sterbehilfe, kräftig rumpoltern und so plakative Sätze wie "Spritze verpasst und dann Stairways to heaven" oder "Sie betreiben Sterbetourismus und Ihre Angestellte war die Reiseleiterin" loslassen. Die Folkerts dagegen erleben wir im weiblicheren Outfit mit längeren Locken und deutlichem Zwiespalt. Einerseits ist sie schroff wie eh und je, geht rüpelhaft auf die Verdächtigten los. Ihre Fragen kommen unvermittelt und knallhart wie Pistolenschüsse, Höflichkeitsformeln wie "Guten Tag" sind im Folkerts-Kosmos überbewertet.

Doch Kommissar Lena Odenthal entdeckt im Laufe der Ermittlungen ihre zarte Seite, ihre Zuneigung zu dem kranken Mädchen, vergießt sogar ein paar Tränen an dem Bett der Sterbenskranken, die genau weiß, dass sie keine Chance hat und deren kleiner Bruder Nils (Jannis Michel) um ihre Spielzeuge feilscht. Das sind die schönsten Szenen des Krimis, das Zusammenspiel der beiden Kinder, die Unbefangenheit, wie der Bruder mit dem Tod seiner großen Schwester umgeht.

Doch diese Szenen haben viele Zuschauer wahrscheinlich gar nicht mehr gesehen, weil sie schon nach einer halben Stunde weggeschaltet haben. Es ist ihnen nicht zu verdenken: Denn die "Tatort"-Macher haben schon mehr als einmal bewiesen, dass sie schwere Themen packend umsetzen können. Diesmal ist es leider nicht gelungen. Zu viel Pathos, zuviel düstere Bilder, zuviel theatralisches Leiden, zuviel Betroffenheit, "Der glückliche Tod" scheitert an Überambitioniertheit. Schade eigentlich. Übrigens: Der Mörder war der Rechtsanwalt.