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"Tatort"-Kritik: Lena Odenthal und das männliche Versagen

Alkoholexzesse und Männerrituale beim Spezialeinsatzkommando: Als ein Kollege bei der Jagd auf einen bewaffneten Junkie erschossen wird, ermittelt "Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal in den eigenen Reihen. Dabei stößt sie auf Tabus und männliches Versagen.

Von Kathrin Buchner

"Tatort"-Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) liegt bewusstlos neben funkenden elektrischen Leitungen im Containerhafen. Stromschlag, diagnostiziert der Notarzt, es könne zu Kammerflimmern mit Kreislaufzusammenbruch kommen. Das hält die taffe Kommissarin nicht davon ab, sich mit Verve in die Ermittlungen zu stürzen und sich sogar mit dem Polizeidirektor anzulegen. Immer, wenn es spannend wird, presst sie ihre Hand an den Brustkorb. Stiche im Herzen wird Odenthal in dieser Krimifolge haben, symptomatisch für diesen "Tatort", der mit ziemlich viel Pathos erzählt, was Machogehabe und mangelnde Kommunikation anrichten kann.

Im Mittelpunkt von "Tödlicher Einsatz" stehen die Mitglieder eines Spezialeinsatzkommandos (SEK): Sie leben fast alle in einer Reihenhaussiedlung, Kinderwagen im Vorgarten, Sitzecken im Segmüller-Stil, warmes Beige bestimmt die Einrichtung. Ihre Frauen sind sexy blonde Frisösen oder geduldige Hausfrauen. Die Polizisten lesen ihren Kindern Gute-Nacht-Geschichten vor, kuscheln mit deren Stofftieren oder lümmeln mit der Schnapsflasche vorm Fernseher. Aber eins tun sie nicht: reden, reden über ihren Stress, ihre Überlastung, was es bedeutet, tagtäglich im Einsatz ihr Leben zu riskieren.

"Die Guten" entpuppen sich als Komplett-Versager

Schließlich sind sie harte Hunde, echte Kerle. "Wir sind die Guten", sagt ihr Chef, ein Typ mit stahlblauen Augen und grobgliedriger Silberkette, alleinerziehender Witwer. Wie der Pate in einem Mafiafilm hat dieser Thomas Renner (Heikko Deutschmann) die Truppe eingeschworen zu einem Männerbund mit Korpsgeist und Familienanschluss. Versagen wird gedeckt, wer aussteigen will, wird als Verräter bestraft. Als die Möchtegern-Elitetruppe einen Junkie, der eine Tankstelle überfallen hat, beim Treffen mit seinem Dealer stellen soll, wird bei diesem Routineeinsatz ein Polizist erschossen und lange schon schwelende Konflikte brechen auf.

Die Kamera ist auf Augenhöhe mit den Protagonisten, hält nah auf die Gesichter, schnelle Szenenwechsel und Verfolgungsjagden sorgen für ein hohes Tempo. Anfangs ist die Story verwirrend, zu viele Gesichter und Namen, zu viele Verbindungen. Der SEK-Pate protegiert seinen Schwiegersohn in spe, der von dem toten Polizisten ausgebildet wurde und deren Familien Nachbarn sind. Der Junkie ist dann auch noch ein alter Schulfreund des Schwiegersohns. Plakativ inszeniert Regisseur Bodo Fürneisen die Entgiftung des flüchtenden Junkies Florian (wechselt großartig vom diabolischen Süchtigen zum zitternden Elendshäuflein: Mirco Kreibich). Wie ein Opfertier auf der Schlachtbank vegetiert er in einem ehemaligen Schlachthof mit Neonlicht und weißen Fliesen, ein Ort, in dem einen auch ohne kalten Entzug das Grauen beschleicht.

Tabu: Schwule in Elite-Truppe

Erst in der zweiten Hälfte des Krimis fügen sich die einzelnen Geschichten wie ein Mosaik zusammen zu einer gemeinsamen Aussage: die Sprachlosigkeit der Männer, die sie auf ganzer Ebene versagen lässt. In der Liebe, in der Familie, im Beruf. Der erfolgreiche Notar (überzeugend: Rudolf Kowalski), der sich von seiner Frau getrennt hat und dessen Sohn sich im Stich gelassen fühlt und zum Junkie wird. Der getötete Beamte, der bei einem Einsatz die Nerven verlor, ohne Not einen entflohenen Häftling erschossen hat, unter Angstattacken leidet, von seinem Vorgesetzten erst gedeckt und dann eliminiert wird. Der Elite-Polizist, der einen Mann liebt und sich aus Angst vor Vorurteilen nicht traut, diese Liebe öffentlich zu leben. Da wird dann auch noch das letzte Tabu bemüht, Homosexualität, undenkbar bei Polizeielitetruppen, Bundeswehr oder Profifußball, wo es um primär-männliche Tugenden geht, und man gemeinsam nackt unter der Dusche steht. Am Ende steht der Mann an sich ganz nackt da in diesem "Tatort".

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