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"Tatort"-Kritik: Mord für Blut und Boden

Passend zur Jahreszeit verbringt Chefinspektor Moritz Eisner sein Weihnachtsfest im ländlichen Österreich - und muss einen alten Familienkonflikt entwirren. Während andernorts das Verbrechen komplex und international agiert, ist in Österreich alles an die Blutsbande geknüpft.

Von Carsten Heidböhmer

Ein unbestrittener Vorzug der "Tatort"-Reihe ist ihre Vielseitigkeit. Von der Küste bis zu den Alpen ist hier fast jede Region vertreten. Auch in der Machart unterscheiden sich die Beiträge massiv. Mal humoristisch-frech (Münster), mal großstädtisch-rasant (Stuttgart), mal gemütlich-intuitiv (Konstanz). Wie groß die Spannbreite dieses Formats wirklich ist, lässt sich jedoch am besten verdeutlichen, wenn man den Wien-"Tatort" mit dem jüngsten Neuzugang der Reihe, Mehmet Kurtulus aus Hamburg, vergleicht: Als verdeckter Ermittler hat dieser alle herkömmlichen Identitätsvorstellungen längst hinter sich gelassen. Ob Name, Familie oder die Herkunft als Deutsch-Türke - feste Zuschreibungen gibt es für diesen Mann nicht mehr. Alles ist fließend. Und auch die Verbrechen, die er aufdeckt, machen vor keinen nationalstaatlichen Grenzen mehr halt.

Im beschaulichen Österreich-"Tatort" bleibt man dagegen lieber unter sich: Hier ist die Familie noch Keimzelle allen Übels. Gerne sind die Fälle im bäuerlich-ländlichen Milieu angesiedelt. Zwar sitzt Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) eigentlich in Wien, doch immer wieder führt es ihn hinaus, dorthin, wo das urtümliche Österreich zuhause ist.

Vom Familienbesitz vertrieben

So auch im aktuellen Fall: Der Inhaber eines Steinbruchs wird in Steinach (Innsbrucker Land) tot aufgefunden. Schnell wird klar, dass sich hinter dem Mord ein Familiendrama verbirgt. Denn der Tote hat den Steinbruch samt zugehörigen Hof kurz zuvor dem Bauern Erich Gufler (Simon Schwarz) abgeluchst. Dieser muss nun mit seiner Frau und drei Kindern kurz vor dem Weihnachtsfest den 300 Jahre alten Familienbesitz verlassen. Ausgerechnet sein Bruder Heinz erhielt bei der Versteigerung den Zuschlag und zieht nun ein. Klar, dass da zwischen den Brüdern dicke Luft herrscht. So sieht man gleich zu Beginn eine zünftige Prügelszene zwischen den beiden.

Dann mischt da noch ein dritter Bruder mit, Walter, der es auf das Leben der populären Fernsehmoderatorin Agnes Aichinger (Muriel Baumeister) abgesehen hat. Diese ist vor Ort, um mit ihrer Kleine-Leute-Sendung "Akut-Agnes" über die Vorgänge um den Hof zu berichten. Agnes hatte einst mit einem hetzerischen Beitrag seinen Geliebten in den Selbstmord getrieben - das will er nun rächen. Im Dorf ist Walter ein Außenseiter. Seine homosexuelle Neigung sei "wider die Natur", wie man hier sagt.

Geduldig deckt Eisner die dunklen Geheimnisse der Familie auf. Hier findet er auch den Mörder: Es ist der Sohn des von seinem Hof vertriebenen Bauern, der sich als Erstgeborener um seinen Familienerbe betrogen sieht. Für den Erhalt der heimischen Scholle müssen eben auch unkonventionelle Methoden angewandt werde. Blut für Boden: So geht es also in Österreich zu!

Das sind also die ideologischen Abgründe, in die der Wiener Ermittler eintaucht. Nebenbei wird ihm eine Romanze mit der attraktiven Moderatorin zugestanden, sodass man sich zwischendurch eher im "Winzerkönig" wähnt. Während Harald Krassnitzer dort den Neusiedlersee von seiner schönsten Seite präsentiert, führt er im "Tatort" immer mal wieder in die ländlichen Regionen. In diesem Fall kostet die Regie die Romantik des einfachen, ruralen Österreich aus. An Heiligabend sitzen alle gemeinsam in der karg eingerichteten Stube und singen Lieder. Bei so viel weihnachtlicher Harmonie werden alte Feindschaften beigelegt: Am Ende hat der böse Bruder ein Einsehen und lässt die Familie wieder zurück auf den Hof. In Österreich - so sagt es dieser "Tatort" - ist die Welt zumindest an Weihnachten noch in Ordnung.