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"Tatort"-Kritik: Tödlicher Gruß aus der Vergangenheit

Illegale Waffenschieberei, korrupte Zollbeamte und Auftragskiller - in "Tödliche Tarnung" wird endlich das Geheimnis um Kommissar Lannert gelüftet. Dabei muss er allerdings ein paar Dämonen aus der Vergangenheit um die Ecke bringen. Und der "Tatort" entdeckt das Gesetz der Serie.

Von Kathrin Buchner

Spenden Sie regelmäßig bei einer Hilfsorganisation, schmieren Sie den Fahrer eines Kurierdienstes mit ein paar läppischen Hundertern und wickeln Sie eine einsame Zollbeamtin um den Finger. Jetzt müssen Sie nur noch ein paar hochkalibrige Waffen, Panzerabwehrwaffen, Kalaschnikows besorgen, die Sie ohne weitere Hindernisse in die Krisengebiete dieser Welt verschiffen, und Sie werden ein gemachter Mann oder Frau sein. Ach ja, einen Auftragskiller brauchen Sie auch noch. Außerdem gute Manieren, Bildung sowie eine ordentliche Portion Chuzpe und die nötige Dosis Skrupellosigkeit.

"Tödliche Tarnung" ist - ganz nebenbei eine Anleitung zum perfekten Schmuggeln. Doch das eigentliche Thema dieses Stuttgarter "Tatorts" ist ein anderes: Es geht um die Aufarbeitung der Vergangenheit von Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller); des verschlossenen Nordlichts im Team der munteren Schwaben. Lannert ist ein Eigenbrötler mit Oldtimer-Porsche und Narben auf Körper und Seele, der statt eines Familienfotos eine Pistolenkugel auf seinen Schreibtisch stellt.

Dass dieser einsame Wolf sein Geheimnis lüftet, wird schon in der ersten Einstellung überdeutlich inszeniert: Kommissar Sebastian Bootz (Felix Klare) tritt frühmorgens unangemeldet in seine Wohnung, öffnet die Tür in das Leben von Lannert, erst einen Spalt, am Ende sperrangelweit. In kurzer Zeit wird der Kommissar von seiner Vergangenheit eingeholt: In einer Wiese unweit des Stuttgarter Flughafens finden die Ermittler den erschossenen Zollbeamten Uwe Scheer. Die tödliche Munition stimmt mit der Kugel auf Lannerts Schreibtisch überein.

Lannert legt Lebensbeichte ab

Lannert legt also unwillig die Lebensbeichte ab: Jahrelang war er als verdeckter Ermittler dem Waffenschieber Victor de Man (Filip Peters) auf der Spur. Ein Wolf im Schafspelz, weltgewandt und gebildet, zwischen den beiden entwickelt sich so etwas wie Freundschaft. Als sie sich in einem Hamburger Café treffen, entdeckt die kleine Tochter Lannerts ihren Papa durch die Glasscheibe. Sii rennt über die Straße, ihre Mutter hinterher, beide werden überfahren. Durch einen fatalen Zufall ist nicht nur die Tarnung des Undercover-Ermittlers aufgeflogen und seine langwierige Ermittlungsarbeit umsonst, auch sein Leben ist zerstört. Vor dem Krankenhaus, in dem seine Tochter stirbt, jagt der von de Man angeheuerte Auftragskiller Lannert eine Kugel durch die Brust. Ein denkbar ungünstiger Ort für einen Mord, Sanitäter und Ärzte sind sofort zur Stelle, Lannert überlebt.

Geschickt verknüpft Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt die Vergangenheit mit dem aktuellen Mordfall an einem Zollbeamten, der sein Schmiergeld in Leih-Ferraris und schöne Frauen investiert und von einer liebeshungrigen Kollegin gedeckt wird. Regisseur Rainer Matsutani inszeniert ein spannendes Showdown im Kampf gegen die Zeit: Die Kommissare erkennen die falsche Fährte de Mans, sie brechen in letzter Minute den Start eines Flugzeuges ab und finden gefährliche Waffen gut getarnt als Hilfsgüter.

Über drei Folgen wurde die Entwicklung von Kommissar Lannert durchkomponiert, diese Konsequenz ist ungewohnt im "Tatort". Offensichtlich setzt man bei der ARD den Erfolgsfaktor Serie auch in der Primetime ein. Ein Langzeit-Konzept als Rezept für die kontinuierlich hohen Einschaltquoten des traditionsreichen Sonntagabendkrimis in den vergangenen Monaten. Das ganze wird ein bisschen unterfüttert mit Hausfrauen-Philosophie, "jeder möchte ein anderes Leben führen" und Herzschmerz. Spannende Fälle plus kontinuierliche Weiterentwicklung der Charaktere der Protagonisten. Die Erfolgsformel heißt Krimis und Küsse - bahnt sich da eine emotionale Liaison mit der Sahneschnittchen-Staatsanwältin an oder geht's doch weiter mit der studentischen Nachbarin? Zu diesen privaten Verwicklungen gibt es Themen mit Zeitgeist und politisch-gesellschaftlicher Relevanz. Ein Konzept, das funktioniert und Spaß macht.