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"Tatort"-Kritik: Die Terroristin, die in die Wanne pinkelt

Verfassungsschutz, Terroranschläge und ein afrikanischer Diktator: "Tatort"-Kommissarin Charlotte Lindholm kämpft mal wieder gegen die ganze Welt. Dann tauchen auch noch Gespenster aus ihrer Vergangenheit auf. Und die Terroristin sitzt in ihrer Badewanne.

Von Carsten Heidböhmer

Quietscheente und Knarre: Wer bedroht Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) in der Badewanne?

Quietscheente und Knarre: Wer bedroht Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) in der Badewanne?

Das gibt es nur bei Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler): Als sie am Abend eines anstrengenden Arbeitstages in der Badewanne ausspannen will, steht auf einmal mit gezückter Waffe eine Terroristin vor ihr, entkleidet sich und setzt sich zu ihr in die Wanne. Schließlich pinkeln die beiden Frauen gemeinsam ins Wasser. Das haben sie schon früher so gemacht. Denn die Terroristin und die Kommissarin - sie sind Freunde aus frühesten Kindertagen.

Bei keinem anderen "Tatort" ist der Ermittler so stark privat involviert wie bei den Fällen von Charlotte Lindholm. Nahezu jede Folge fußt auf einer persönlichen Verstrickung der Ermittlerin in den Fall. Zunächst fing sie eine Liaison mit ihrem Vorgesetzten an und leistete öffentlich Trauerarbeit, als dieser im Dienst ums Leben kam. An ihrem Beispiel erlebte die Fernsehnation, wie eine Kommissarin schwanger ihren Dienst verrichtet und diskutierte parallel zu Ursula von der Leyens Familienpolitik über die Vereinbarkeit von Kind und Berufstätigkeit. Wenn Charlotte Lindholm im Umfeld der Atomtransporte im Wendland ermittelt, wird sie automatisch mit ihrer umweltbewegten Vergangenheit konfrontiert. Und wenn eine Terroristin im beschaulichen Hannover auftaucht, landet sie direkt in ihrer Badewanne.

Die ständige persönliche Betroffenheit

Obwohl diese ständige persönliche Betroffenheit der Kommissarin gründlich nervt, ist die aktuelle Folge "Das Gespenst" ein höchst spannender Fall geworden, der interessante Anstöße liefert zu der Frage, wie weit ein Rechtsstaat gehen darf, um terroristische Gefahren abzuwenden. Dass diese Diskussion nicht immer automatisch in Guantánamo enden muss, belegte dieser gelungene Film.

Ausgangspunkt sind die beiden einstigen Freundinnen: Während "die wilde Lotte Lindholm" auf Seiten des Staates Mörder jagt, hat sich Manuela Seehausen (Karoline Eichhorn) in Afrika einer terroristischen Gruppe angeschlossen. Jetzt ist sie wieder in Deutschland aufgetaucht und hat vor dem Hannoveraner Flughafen einen Polizisten erschossen. Schnell gelingt es Lindholm, die Täterin zu fassen. Doch dann schaltet sich der Verfassungsschutz ein und lässt sie unter fadenscheinigen Argumenten wieder frei.

Trotz eindeutiger Warnungen ermittelt die Kommissarin weiter und erfährt, dass ihre Freundin als Verbindungsfrau für den deutschen Verfassungsschutz arbeitet und die in Afrika operierende terroristische "Osburg-Gruppe" ausspioniert. Weil ein brutaler Machthaber aus Äquatorial-Afrika in einem Hannover Krankenhaus operiert wird, hat die Gruppe ihr Einsatzgebiet nach Deutschland verlegt - im liberalen Rechtsstaat scheint Tyrannenmord einfacher möglich als in einer hochgerüsteten Diktatur.

Wie weit darf der Verfassungsschutz gehen?

Lindholm muss zwei Gegnern gleichzeitig bekämpfen: Auf der einen Seite die Terroristen, die für eine vorgeblich gute Sache einen Menschen ermorden wollen. Auf der anderen Seite den Verfassungsschutz, der es mit der Einhaltung der Rechtsgrundlagen, die er zu schützen vorgibt, selbst nicht so genau nimmt. Oder wie es der zwielichtige Verfassungsschützer Klaus Ritter (Hansa Czypionka) sagt: "Wir müssen zu allem fähig sein, nur so werden wir den Terroristen ebenbürtig."

Dank ihrer kühlen, unnahbaren Art gelingt es Lindholm, sich von keiner der beiden Seiten einnehmen zu lassen. Die Argumente überzeugen sie nicht: Weder billigt sie Terroristen das Recht zu, im Namen der Gerechtigkeit brutale Diktatoren zu ermorden, noch tritt sie für einen wehrhaften Staat ein, der buchstäblich über Leichen geht, um sich zu schützen. Charlotte Lindholm verkörpert das gute Gewissen und die moralische Integrität des Rechtsstaats, der eben nicht nur von Terroristen, sondern in gleichem Maße von übereifrigen Beschützern bedroht wird.

Am Ende ist die Terroristin tot. Der Verfassungsschützer wird wohl davon kommen: Er hat rechtzeitig alle Spuren seiner kriminellen Verstrickungen beseitigen können. Die Terroristin ist tot, er wird aber weiter Gesetze beugen und brechen können. Da bleibt noch viel zu tun für Charlotte Lindholm. Wenn ihre nächsten Fälle wieder so spannend und stringent erzählt sind, nimmt man ihre permanenten persönlichen Verstrickungen gerne in Kauf.