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Kritik zu Schweizer "Tatort" Zwischen zwei Welten


Wieder einmal zerrt der "Tatort" ein Tabuthema ans Licht. Im zweiten Fall aus Luzern tut er dies sogar lange recht gekonnt – bis die Jagd nach dem Täter allzu eilig beendet wird.
Von Dieter Hoß

Luzern liegt nicht in Schweden. Luzern liegt – natürlich – in der Schweiz. Und doch: Wären da nicht das Alpenpanorama und der Schweizer Tonfall gewesen, man hätte sich im zweiten "Tatort" mit dem Luzerner Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) über weite Strecken in einem jener skandinavischen TV-Krimis wähnen können, die in den vergangenen Jahren wegen ihrer schmerzhaft lakonischen, oft geradezu unerbittlichen Erzählweise so beliebt, erfolgreich und auch zahlreich geworden sind. Die Zutaten waren allesamt vorhanden: die Detailverliebtheit bei der Darstellung forensischer Ermittlungsmethoden; wiederkehrende starre Landschafts- und Stadtansichten, die das Auge unwillkürlich nach entscheidenden Hinweisen suchen lassen; Kommissare, denen ihr Privatleben in die Arbeit pfuscht, und eine Musik, die ständig verspricht: Da ist noch mehr!

Natürlich war da mehr. Was zunächst wie ein rasch lösbarer, eher simpel gestrickter Mord aus Eifersucht und Geltungsbedürfnis zweier karrieregeiler Mediziner wirkte, machte Flückiger und sein Team ungewollt mit dem Schicksal von intersexuellen Menschen bekannt.

Nicht mehr "per se" krank

Tatsächlich ist die Lebenssituation von Zwittern auch heute noch ein Tabu. Unsere Gesellschaft hat zwar immer weniger Probleme mit Homosexualität und Transsexualität, doch dass ein Mensch nicht eindeutig einem der beiden Geschlechter zugeordnet werden kann, das ist gesellschaftlich längst nicht akzeptiert. Dass Transexuelle nicht "per se" krank sind, zu dieser Feststellung hat sich der Deutsche Ethikrat erst im vergangenen Februar durchringen können. So wird häufig schon im Säuglingsalter auf operative Weise ein Geschlecht "festgelegt". Den Betroffenen wird dieser Eingriff meist verschwiegen und sie werden in ihrer Erziehung besonders streng in ihre Rolle als Mädchen oder Junge gezwungen. Das Tabu bleibt also selbst im engsten Umfeld bestehen. Die seelischen Folgen können verheerend sein. Das Unwissen über die eigene Identität löst nicht selten Depressionen aus; Selbstmorde sind vergleichsweise häufig.

"Sie haben ein Mädchen aus ihr gemacht, sie ist aber nie eins gewesen", erklärte im "Tatort" eine verzweifelte Mutter den Freitod ihrer Tochter, in dem das Motiv für den Mord zu Beginn des Films lag. Denn das Mordopfer, der Mediziner und Klinikleiter Dr. Peter Lanther (Benedict Freitag), war ein Verfechter der Frühoperationen - und ließ sich von der inzwischen umstrittenen Praxis auch nicht abbringen. Dadurch stürzte er, so die Geschichte dieses Falls, viele seiner Patienten und deren Familien ins Unglück.

Anders als in manch anderem "Tatort" ist es Autor Urs Bühler in seiner "Skalpell" betitelten Story gelungen, das gesellschaftliche Thema dem Kriminalfall nicht schlicht aufzustülpen. Stattdessen entwickelt er den Fall, indem man immer mehr Facetten der die Situation Intersexueller kennenlernt. Da sich Flückiger und Co. nur allmählich der ihnen völlig fremden Materie nähern können, ist es auch für die Zuschauer spannend, langsam durch den Vorhang zu schauen. Als dann gar Co-Ermittlerin Brigit Bürki (Anna Schinz) unter den Verdacht der Verdunklung gerät, weil sich ihre ebenfalls intersexuelle und von Lanther operierte Schwester umbringt und daher als Verdächtige gelten muss, ist das Fremde und das Unglück plötzlich ganz nah.

Jeder Schweizer ist ein Wilhelm Tell

Haben die Luzerner nach äußerst holprigem Start also einen interessant und spannend erzählten "Tatort" geschafft? Ja, wäre da nicht das bittere Ende. Kurz vor Schluss übergibt Flückiger im Gefängnis einer vielfach vorbestraften Intersexuellen ihre Krankenakte und somit endlich ein Stück Identität zurück. Dazu setzt er seine als Angehörige ebenfalls betroffene Kollegin Brigit und alles wird plötzlich gut. Von dem Moment an verliert die Geschichte aber ihren Halt, sie gewinnt nicht an Dynamik, sondern wird nur rasch zu Ende gebracht. Der Kommissar findet seinen Mörder also in aller Eile, obwohl dieser nur einmal kurz in Erscheinung tritt und sich lediglich über die Angabe seines Berufes verrät (erstklassiges Aktenstudium, Herr Kommissar! Befragt wurde der Mann durch die Kollegen). Zu allem Überfluss ist die Tatwaffe eine Armbrust, weil ja bestimmt in jedem Schweizer ein Wilhelm Tell steckt.

So entpuppt sich dieser "Tatort" auch selbst als Zwitter aus zwei Erzählweisen. Eine eigene, besondere Identität gibt ihm das leider nicht. Man wünscht sich eher, Luzern möge vielleicht doch in Schweden liegen.


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