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Kritik zum Schweizer "Tatort": Premiere mit Timing-Problemen

Mit reichlich Verspätung kam der neue Schweizer "Tatort" in die ARD. Und siehe da: Sofia Milos ist so schlecht wie befürchtet, die Inszenierung schwankt zwischen Action und Behäbigkeit.

Von Carsten Heidböhmer

Mit vier Monaten Verspätung hat die ARD "Wunschdenken" ausgestrahlt, die erste Folge des neuen Schweizer "Tatorts". Grund für die Verzögerung waren Zweifel an der Qualität des Films. Nathalie Wappler, Kulturchefin des Schweizer Fernsehens, hatte unter anderem bemängelt, die Folge enthalte Klischees und lasse lokale Atmosphäre vermissen. Nun beendete der überarbeitete Film die "Tatort"-Sommerpause.

Da entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass der neue Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) seinen Dienst in Luzern verfrüht antritt. Das Timing stimmt einfach nicht. Bis vor Kurzem arbeitete Flückiger noch für die Seepolizei in Thurgau, in dieser Funktion hatte er einige Auftritte im Bodensee-"Tatort" an der Seite von Eva Mattes. Jetzt hat sich der Kommissar zur Luzerner Polizei versetzen lassen, wo er demnächst die Leitung der Fachgruppe "Leib und Leben" übernimmt. Vorher möchte er aber noch einen Segelurlaub am Vierwaldstättersee verbringen.

Arbeit statt Urlaub

Er will sich nur schnell bei seinem neuen Chef vorstellen und dann weiterreisen, doch da ahnt der Zuschauer bereits: Mit dem Urlaub wird's wohl nichts. Denn natürlich gibt es schon eine Leiche, die sich der Neue mal schnell anschauen soll. Und dann wird auch noch der Spitzenkandidat einer rechtspopulistischen Partei entführt. Flückiger soll die Lösegeld-Übergabe koordinieren.

Das ist durchaus spannend gemacht, wie die arme Ehefrau mit dem Geldkoffer am Bahnhof auf den Entführer wartet. Dank furioser Schnitte und Perspektivwechsel entsteht große Dramatik, auch wenn gar nichts passiert. In solchen Szenen hat der neue Schweizer "Tatort" durchaus internationales Format.

Abgeschmackte Bettszene

Doch leider gibt es Momente, in denen Tempo und Niveau massiv abfallen. Richtig überflüssig ist die Affäre zwischen Flückiger und seiner amerikanischen Kollegin Abby Lanning (Sofia Milos, bekannt aus "CSI: Miami"). Zwar will zwischen den beiden einfach kein Funke überspringen - doch das Drehbuch (Nils-Morten Osburg, Regie: Markus Imboden) zwingt sie zu einer abgeschmackten Bettszene. Die bereits im Vorfeld gescholtene Sofia Milos wirkt tatsächlich wie ein Fremdkörper in diesem Film: Die US-Schauspielerin sieht aus wie viele ihrer Hollywood-Kolleginnen, die sich ihre Lippen aufspritzen und die Nase schlank schnippeln lassen, um ein 08/15-Gesicht zu bekommen.

Das ist schade, denn der "Tatort" gewinnt zunehmend an Fahrt. Schon bald stoßen die Ermittler darauf, dass beide Fälle zusammenhängen: Der Tote aus dem See hat mehrfach in dem Gefängnis eingesessen, das der entführte Politiker geleitet hat. Und so weitet sich der Kreis der Verdächtigen schnell aus. Bis zu der überraschenden Auflösung, in der sich die Ehefrau des Politikers als Täterin entpuppt, schlägt die Geschichte so manchen Haken.

Insgesamt hinterlässt der erste Fall einen zwiespältigen Eindruck: Der Film besticht durch tolle Schauplätze, hinreißende Landschaftsaufnahmen und kühle Architektur. Er ist rasant und bietet Action wie in einem Hollywood-Film, auf der anderen Seite sind die Dialoge oft behäbig, immer geht Tempo verloren. Vielleicht ist das alles typisch Schweiz: Die Uhren ticken in der Alpenrepublik nicht langsamer, aber einfach anders.