Skandal beim NDR Eine filmreife Affäre


Wegen Drehbuch-Mauscheleien hat der NDR seine Fernsehfilmchefin Doris J. Heinze gefeuert. Doch der Fall wirft weitergehende Fragen auf.
Von Peter Luley

Der Vorgang klingt fast wie ein Krimi-Drehbuch: Ein großer TV-Sender suspendiert seine renommierte Filmchefin, die mit den Stars auf du und du steht, weil er plötzlich feststellt, dass diese jahrelang Vetternwirtschaft betrieben und Drehbücher ihres mit einem Pseudonym getarnten Ehemanns angekauft hat. Die Pressemitteilung, die der NDR gestern Abend in eigener Sache herausgab, aber ist keine Fiktion, sondern ganz real: "Der NDR hat mit sofortiger Wirkung seine Redaktionsleiterin Fernsehfilm Doris J. Heinze suspendiert und bereitet eine fristlose Kündigung vor." Die Geschasste habe eingeräumt, "dass ihr Ehemann in den Jahren 2001 bis 2009 über zwei Produktionsfirmen insgesamt fünf Drehbuchaufträge für Fernsehfilme erhalten hat".

Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" hatten den Sender veranlasst, möglichen "Verfehlungen bei der Auswahl und Vergabe von Drehbüchern in der Redaktion Doris J. Heinze" nachzugehen - beim NDR wusste angeblich über all die Jahre niemand, dass sich hinter dem Pseudonym "Niklas Becker" Heinzes Ehemann Claus Strobel verbarg.

Die "Zeit" schwärmte vom "Heinze-Touch"

Die Angelegenheit besitzt eine gewisse Fallhöhe. Zum einen, weil die 60-jährige Heinze, die 1991 zum NDR kam, eine überaus prominente TV-Redakteurin war. Als Verantwortliche für die norddeutschen "Tatort"-Kommissare und "Polizeiruf"-Ermittler beackerte sie eines der wichtigsten Felder der Fernsehunterhaltung. Schon 1999 bescheinigte ihr "Die Zeit" eine "eigene Handschrift sowohl als Autorin als auch als Redakteurin" und schwärmte gar vom "Heinze-Touch", den ihre Arbeiten besäßen. Die TV-Managerin galt als Vertraute von Stars wie Veronica Ferres und Maria Furtwängler; und während Letztere als Hannoveraner Ermittlerin Charlotte Lindholm vor allem für gute Quoten sorgte, gelang Heinze jüngst mit der Einführung des türkischstämmigen Hamburger "Tatort"-Ermittlers Cenk Batu (gespielt von Mehmet Kurtulus) auch eine echte Innovation und ein Kritikererfolg.

Zum anderen aber wirft der Skandal allerhand Fragen auf: Wie etwa kann es sein, dass über einen so langen Zeitraum niemand die gefälschte Existenz des Drehbuchautors "Niklas Becker" bemerkte, dem in ARD-Presseheften gar ein Wohnsitz in Kanada angedichtet wurde? Immerhin gehört zu dessen nun beanstandeten Werken auch ein ambitionerter Film wie "Katzenzungen" (2003), den der renommierte Regisseur Thorsten C. Fischer ("Der Liebeswunsch", "Romy") als Co-Autor und Regisseur verantwortete. Und sind nicht gerade im öffentlich-rechtlichen Fernsehen die langwierigen Drehbuchentwicklungsprozesse berüchtigt, in denen Autor, Regisseur, Produzent und Redaktion um die Endfassung der Stoffe ringen?

Tatsächlich bekundet auch Thomas Schreiber, Programmbereichsleiter Fiktion und Unterhaltung beim NDR, sein "Erstaunen" über den Fall. Er führt zur Begründung, dass dieser sich so habe entwickeln können, das "außergewöhnliche Standing" Doris J. Heinzes an sowie das Funktionieren "geschlossener Systeme": Im Fall der vier "Niklas-Becker-Filme" sei es so gewesen, dass die Produzentin Heike Richter-Karst, die mit der Münchner Firma AllMedia Pictures GmbH die Filme betreut hatte, in Kontakt mit dem Autor und der Redaktion gestanden habe – und sie habe gewusst, wer sich hinter dem Pseudonym verberge. Auch Richter-Karst muss ihre Aufgabe nun mit sofortiger Wirkung ruhen lassen. Der fünfte inkriminierte Drehbuchauftrag wurde von der Firma Oberon Media Service Film GmbH aus Grünwald in Rechnung gestellt, aber nicht verfilmt. Noch mysteriöser liegen die Dinge im Fall des im Mai ausgestrahlten Film "Die Freundin der Tochter", und in den Credits wird als Autorin "Marie Funder" genannt – offenbar eine weitere falsche Identität.

25.000 Euro Honorar für ein "Tatort"-Drehbuch

Ebenfalls rätselhaft bleibt das Motiv Heinzes für die Mauschelei - schließlich durrfte sie sich bis zuletzt selbst als Drehbuchautorin verwirklichen. So schrieb sie unter anderem (gemeinsam mit Hape Kerkeling) die Komödien "Club Las Piranjas" und "Willi und die Windzors"; aber auch die Romanze "Der Mann von gestern", die zufällig heute in der ARD zu sehen ist (23.25 Uhr), stammt aus ihrer Feder. Und auch ihr Gatte hat unter seinem Klarnamen Claus Strobel eine - wenn auch bescheidene - Filmografie als Autor und Regisseur vorzuweisen. Warum also die Camouflage? Hätte es nicht Wege für Heinze und ihren Mann geben müssen, Drehbücher ordnungsgemäß, womöglich bei anderen Sendern bzw. Redaktionen einzureichen? Oder geht's um Geld? Um die 25.000 Euro beträgt das Honorar etwa für ein "Tatort"-Drehbuch, bei Wiederholung des Films im Ersten erhält der Autor ein Wiederholungshonorar - das jedoch erhalten Senderangestellte nicht, im Gegenteil: Wenn Festangestellte zugleich als Autoren tätig werden, beziehen sie nur den halben Honorarsatz. Doch alle Spekulationen über finanzielle Beweggründe führen zum selben Ergebnis: Die Summen, um die es geht, stehen in keinem Verhältnis zum Karriere-Risiko, das Heinze einging und das ihr bewusst gewesen sein müsste. "Vollkommen unverständlich" nennt denn auch Schreiber ihr Verhalten.

In jedem Fall behält die Causa Doris J. Heinze auch auf den zweiten Blick die Aura eines Krimi-Drehbuchs. Nur das fernsehübliche Happy-End scheint der Protagonistin hier verwehrt zu bleiben: Bis auf Weiteres hat nun Schreiber die Leitung der Fernsehfilmredaktion übernommen.


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