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Deutscher Fernsehpreis: Mordsgaudi im Stadl der Eitelkeiten

Ein Jahr ist es her, dass Marcel Reich-Ranicki die TV-Branche mit seinen Tiraden aufscheuchte. Bei der Verleihung des diesjährigen Fernsehpreises ging es gesitteter zu: Nur ein Volksmusik-Duo wagte die Provokation.

Von Katharina Miklis, Köln

Der erhobene Zeigefinger von Marcel Reich-Ranicki schwebte über der Verleihung des elften Deutschen Fernsehpreises in Köln. Sein Zorn vom vergangenen Jahr war noch immer allgegenwärtig. Ja, es musste angesprochen werden, damit man das Thema einmal vom Tisch hatte. Und Thomas Gottschalk erledigte das gleich zu Beginn. Mit dem Preis für "Wetten dass..?" als beste Unterhaltungssendung in der Hand polterte er im Reich-Ranicki-Tonfall: "Eine Katastrophe, den Preis bekommen zu haben. Die Katastrophe wäre aber größer gewesen, wenn ich ihn nicht gekriegt hätte."

Die Branche entdeckt die Krise

Manch einer fragte sich, warum gerade Gottschalk, der mit Stefan Raab und Mario Barth nominiert war, den Preis bekommen hatte. Auch Gottschalk selbst schien sich nicht sicher zu sein. Vielleicht war es ein Orden für seine gute Reaktion im vergangenen Jahr, als er Reich-Ranicki auf der Bühne besänftigte. Zumindest muss man dankbar sein, dass es nicht Barth getroffen hatte. Und immerhin: Dieser Preis zeigte, wie es zurzeit ums deutsche Fernsehen steht: Neue Shows fehlen. Sat1-Chef Guido Bolten nahm - bevor das TV-Publikum dazu geschaltet wurde - sogar das böse K-Wort in den Mund: Krise.

Ja, sie ist da. Ebenso wie die guten Vorsätze, ihr zu begegnen. Mit noch mehr Qualität wolle man ihr trotzen, heißt es, und die "twitternde, bloggende Jugend, die sich immer weniger fürs Fernsehen interessiert" als Chance verstehen. Nicht als Risiko.

Und dennoch. Das Lachen ist der Branche nicht vergangen, dafür sorgten am Samstagabend die Moderatoren Anke Engelke und Bastian Pastewka als schunkelndes Volksmusik-Duo Anneliese und Wolfgang. Unter dem Deckmantel der zweiten Identität konnten sie - das ist der Schlämmer-Effekt - der Branche den Spiegel vorhalten, den sie so nötig braucht. Veronica Ferres, Marco Schreyl, so mancher wurde im Stadl der Eitelkeiten vorgeführt. Eine Mordsgaudi. Auch der NDR-Drehbuchskandal um Doris J. Heinze oder der Qualitätsverfall im Fernsehen dienten für Gags. Wolfgang und Anneliese dürfen das.

Kein Skandal, aber viele Sticheleien

Schade, dass zwischendurch auch noch die Preise vergeben werden mussten. An denen gab es größten Teils nichts zu meckern, wenn sie auch so aufregend waren wie ein abgestandenes Glas Sekt. Senta Berger wurde für ihre Rolle in "Schlaflos" als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet, Josef Hader nahm den Preis als bester Hauptdarsteller für seine Rolle als verzweifelter Frauenmörder in dem ZDF-Film "Ein halbes Leben" entgegen. Matthias Schweighöfer für seine Rolle als Reich-Ranicki ("Mein Leben") und Axel Milberg ("Tatort") gingen neben ihm leer aus.

Den Preis für den besten Fernsehfilm - Dieter Wedel hatte es bereits auf dem roten Teppich vorhergesagt - bekam "Mogadischu" unter der Regie von Roland Suso Richter. Der Sat1-Zweiteiler "Wir sind das Volk", mit den meisten Nominierungen Favorit des Abends, bekam den Preis für den besten Mehrteiler, das beste Buch sowie die beste weibliche Nebenrolle - ausgezeichnet wurde Anna Fischer. Warum Horst Schlämmer bei einer mainstreamigen Veranstaltung wie dem Fernsehpreis gegen die abgesetzten "TV-Helden" (RTL) in der Kategorie Comedy verlor, wie eine RTL-Produktion wie "Der Lehrer" tatsächlich als beste Serie ausgezeichnet werden konnte - das bleiben die Geheimnisse der Jury.

Auch wenn der große Skandal ausblieb, nutzten manche der Geehrten ihre Dankesreden dazu, auf Missstände hinzuweisen. Während Silke Zeitz ("Bestes Drehbuch" für "Wir sind das Volk" und "Woche für Woche") mit den Worten "Mich gibt's wirklich!" auf den Fall Heinze anspielte, und auch Produzent Nico Hofmann ("Mogadischu") in diesem Zusammenhang um "neue Solidarität" bat, übte Claus Kleber weitaus subtilere Kritik am System und den Intrigen beim ZDF. Er bedankte sich vor allem beim ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, dessen Vertrag aus politischen Gründen nicht über 2010 hinaus verlängert werden soll. Er habe Kleber dazu gedrängt, das Reportagestück "Die Bombe" zu machen, für das ihm nun der Deutsche Fernsehpreis überreicht wurde. Die, die gemeint waren, wussten, was Kleber ihnen damit sagen wollte.

Am Ende des Abends wurde Alfred Biolek für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Die Ehrung musste man nicht, wie im letzten Jahr, vorziehen, weil es den Geehrten vor Langeweile und Fassungslosigkeit nicht mehr auf dem Stuhl hielt. Ja, er nahm ihn an. Bezweifelt hatte das aber auch niemand. "Verehrter Marcel Reich-Ranicki", sagte der 75-jährige Talkmaster, nachdem er den Obelisken von Alice Schwarzer überreicht bekommen hatte, "ich bitte um Verständnis, ich nehme den Preis an". Trotzdem ließ auch er in seiner Dankesrede Kritik am deutschen Fernsehen vernehmen. Er stünde zu dem Medium Fernsehen, sagte er. Aber: "Es gibt auch vieles, was mir im Fernsehen nicht gefällt". Da geht es ihm ähnlich wie vielen Zuschauern. Die Quoten des gestrigen Abends fielen miserabel aus.