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TV-Kritik "Tatort" Stuttgart Der Krieg der Suppentassen


Jagdgewehre und Suppentassen: Im Stuttgarter "Tatort" geht es wild zu. Die überragende Leistung eines Theatergiganten belebt den erfrischend einfach gestrickten Ratekrimi im Fabrikanten-Milieu.
Von Gernot Kramper

Beim alljährlichen Vater-Gedenk-Gang zum Grab des legendären Firmengründers wird ein Attentat auf den aktuellen Firmenpatriachen Otto Imberger verübt. Der Porzellanunternehmer entkommt, sein Chauffeur wird tödlich verwundet. Wer kommt als Täter in Frage? Der in Unehren entlassene Betriebsleiter? Einer der beiden um die Nachfolge kämpfenden Söhne? Oder die kühl beherrschte Gattin, eine passionierte Meisterschützin?

Der Stuttgarter Krimi webt die wenig überraschende Ratespiel-Handlung in Themen wie Industriespionage und Eroberung des chinesischen Marktes ein, verliert sich aber nicht im Empören über gesellschaftliche Missstände. Die beiden Ermittler Thorsten Lammert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) agieren gewohnt souverän und zurückhaltend. Müller vorpreschend, Klare dafür mit Familienhintergrund.

Große Schauspieler

Das Rollenrepertoire ist vorhersehbar. Der brave, aber hilflose Sohn, sein schmieriger, skrupelloser Bruder, der verstörte, die Welt nicht mehr verstehende Betriebsleiter: Figuren aus der Asservatenkammer, von den Darstellern gut gelöst, lassen sie doch keinen Raum für Akzente über das Erwartbare hinaus. Schauspielerischen Genuss bereitet der Film dennoch: Viel Platz wird dem ruhigen, nuancierten Spiel des Theatergiganten Otto Mellies gegeben. Er legt den Porzellanunternehmer als Charakterstudie an: Überfordert, auch als alter Mann immer nur der Nachfolger der Gründergeneration geblieben, von Ehrgeiz zerfressen und dabei unendlich müde geworden.

Herausragend auch Ulrike C. Tscharre als Personalchefin Pia Möller, die zwischen der Loyalität zu ihrem entlassenen Vater und der Pflicht, das Geld für dessen Behandlung aufzubringen, innerlich ausgehöhlt wird.

Nervig: Alles, was eben gerade auf dem Bildschirm zu sehen war, wird regelmäßig noch einmal im Gespräch wiederholt. Unterforderungs-TV auf Zuschauer zugeschnitten, die zwischendurch mal an den Kühlschrank müssen. So verliert der "Tatort" mächtig Tempo, ohne Atmosphäre zu gewinnen.

Action zum Weggucken

Zur Lösung: Der Mörder muss der schmierige Bruder sein. Damit das nun nicht allzu platt wird, werden einige Schleifen und Überraschungen eingebaut. Sebastian Bootz lässt sich - wenig realistisch - als Undercover-Agent und Leibwächter beim Porzellan-Patron einschleusen, gewinnt dessen Vertrauen und agiert irgendwann als eine Mischung von Ermittler und Beichtvater. Das ist weniger als nur halb überzeugend, aber Derrick hat als Kommissar-Beichtvater ja auch TV-Geschichte geschrieben.

Nachdem alle Geständnisse gehört und alle Fragen geklärt sind, endet der bis dahin sehr stimmige und ruhige Film in fünf Minuten Peinlichkeit. Zunächst kommt es noch zum Finale mit Action. Quietschende Reifen, Flucht und Schüsse durch den Wald: das können andere weit besser als der SWR, hier wird sich nur unnötig blamiert. Richtig Fremdschämen darf man sich zum Schluss: Die überaus gepflegte Staatsanwältin überreicht ihrem Undercoveragenten als Ausgleich für die Mühen die Urlaubstickets für drei Wochen "All inclusive" auf den Kanarischen In­seln.


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