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Dokumentation "Rechts. Deutsch. Radikal." Thilo Mischke: "Es ist schockierend, wie menschenverachtend man sein kann"

Thilo Mischke spricht über seine Doku "Rechts. Deutsch. Radikal."
Thilo Mischke spricht im Interview über seine Dokumentation "Rechts. Deutsch. Radikal."
© gbrci/Geisler-Fotopress/ / Picture Alliance
Thilo Mischke hat in seiner ProSieben-Dokumentation "Rechts. Deutsch. Radikal." tiefe Einblicke in die rechte Szene in Deutschland gegeben. Im Interview mit dem stern spricht er unter anderem über seine Erfahrungen während der Recherche. 

Es sind Bilder, die für Aufsehen gesorgt haben: Thilo Mischke hat in seiner ProSieben-Dokumentation "Rechts. Deutsch. Radikal." die rechte Szene in Deutschland thematisiert und in zwei Stunden einen umfassenden Einblick geboten. Er hat mit verschiedenen Mitgliedern der Szene gesprochen, Experten zu Wort kommen lassen, Informationen eingearbeitet und Stimmungen eingefangen. Unter anderem auf Twitter wurde er fast durchweg für seine Arbeit gelobt.

Aber noch mehr: Nach heimlichen Aufnahmen der Doku, in denen ein AfD-Politiker zu Wort kommt, wurde dieser nun entlassen. Dieser sagte im Gespräch mit Youtuberin Lisa Licentia Migranten könne man "erschießen" oder "vergasen". Außerdem erklärte er: "Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD." Nach Ausstrahlung der Doku kam heraus: Es handelt sich um den ehemaligen Pressesprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Christian Lüth, der wegen früherer Äußerungen bereits freigestellt war. Am Montag, den 28. September, hat ihn die Bundestagsfraktion im Hinblick auf die getätigten Aussagen dann fristlos entlassen. 

Im Interview mit dem stern spricht Thilo Mischke unter anderem darüber, wie er die Zeit der Recherche erlebt, was ihn überrascht hat und wie man mit dem Gezeigten umgehen kann.

Herr Mischke, Ihre Doku hat – zumindest in mir – ziemlich viele Gefühle hochkochen lassen: Wut, Trauer, Hilflosigkeit, aber auch Angst waren dabei. Welche Emotionen kamen in Ihnen während der 18 Monate Recherchezeit hoch?

So ziemlich das ganze Spektrum der Emotionen hat sich bei mir ausgewirkt und ich habe sie alle empfunden. Man kann wirklich alle aufzählen – nur eine kann man weglassen: Hass. In einigen Momenten waren es eher stärkere Emotionen wie Abneigung oder Unverständnis, zum Teil auch große Verzweiflung.

Hatten Sie vor Ihrer intensiven Recherche Berührungspunkte mit der rechten Szene? Oder wussten Sie nur, dass es sie gibt?

Ich komme aus Ost-Berlin, ich bin wirklich so aufgewachsen, dass ich schon als Kind auf dem Schulweg Kontakte mit der Szene gemacht habe und gesehen habe, was auf der Straße passieren kann. Ich habe auch in meinem Beruf schon Berührungspunkte gehabt und mich mit Neonazis zu Gesprächen getroffen, die Szene thematisiert und Einblicke bekommen.

Waren diese Erlebnisse und Erfahrungen Anlass für diese ausführliche und intensive Doku? Oder gab es einen anderen?

Ziel der Doku war es, das rechte Spektrum in all seinen Facetten zu zeigen, Verborgenes sichtbar zu machen, klar zu machen, dass wir hinsehen müssen. Ich habe immer wieder gemerkt, wie komplex das Themengebiet ist und wir hätten zahlreiche, stundenlange Filme darüber machen können, auch in verschiedenen Ländern drehen können und uns den Nationalismus dort ansehen können. Wir haben uns dann aber entschieden, in Deutschland zu bleiben, weil das Thema hier groß genug ist und so viel hergibt, aber auch immer gefährlicher wird. Und ich wurde tatsächlich überrascht, welche Seiten wir aufgedeckt haben.

Sie haben zu Beginn der Doku gesagt, Sie hätten ein sehr einseitiges, veraltetes Bild von Rechtsradikalen. Hat sich das geändert?

Sanny Kujath, das Gesicht der rechten Jugendgruppierung "Junge Revolution", hat es in einem Gespräch in der Doku selbst gesagt: 90 Prozent der rechten Szene sind so, wie ich sie mir vorgestellt hatte, also ganz nach dem Klischee: knielange Hose, Nazi-Tattoos und so weiter. Zehn Prozent aber eben nicht. Und die haben mich zum Teil überrascht, mich tatsächlich auch verwirrt.

Was hat Sie in der Zeit am meisten schockiert? Gab es eine Person, eine Aussage, eine Situation?

Es war wirklich die ehemals rechte Youtuberin Lisa Licentia, deren Aussagen mich geschockt haben. Dass aus der eigenen Szene so viel Hass kommt und eine Person so angefeindet und fertig gemacht wird, hat mich tatsächlich schockiert. Es gab aber auch andere Momente, die ganz offensichtlichen, die mich ratlos zurückgelassen haben, wie etwa die Aussagen des AfD-Politikers. Wie menschenverachtend manche Leute sein können, ist definitiv schockierend.

Gab es auf der anderen Seite auch Momente, in denen Sie Verständnis oder Mitleid hatten?

Ja, die gab es tatsächlich, obwohl ich vorher dachte, dass ich so etwas wie Mitleid in dem Zusammenhang gar nicht fühlen kann. Aber gerade mit Sanny habe ich im Gespräch immer wieder so etwas wie Mitleid oder Mitgefühl gespürt. Wenn Jugendliche, die so auf der Suche sind und noch nicht wissen, wo sie hingehören, sich so einer Bewegung anschließen und andere Jugendliche dazu bekehren wollen, dann macht mich das irgendwie traurig. Ich habe aber auch Mitleid mit solchen Leuten.

Eines Ihrer erklärten Ziele der Doku war es, Gründe für die rechte Gesinnung zu finden. Haben Sie das geschafft?

Anhand der Protagonisten, die zu Wort kommen, erfährt man als Zuschauer schon einige Gründe. Daran aber eine grundsätzliche Motivation festzumachen, ist gar nicht möglich. Sicherlich ist es aber auch die vermeintliche Stärke, die zum Teil angesprochen wurde und das Gefühl, sich in der Gruppe sicher sein zu können. Aber es ist so viel mehr.

Das ganze Thema ist wahnsinnig komplex. Würden Sie sagen, Sie haben die rechte Szene verstanden?

Nein. Das ist auch trotz der Recherche und Gespräche gar nicht möglich. Da gibt es so viele Aspekte, die Parteien, die Veranstaltungen, die sich zum Teil auch unterscheiden und mit anderen verschwimmen, das macht es noch schwieriger.

In einigen Szenen wirkten Protagonisten augenscheinlich harmlos, auch Veranstaltungen skurril und absurd, aber nicht unbedingt gefährlich. Können Sie nochmal betonen, warum die Szene so gefährlich ist?

Das muss man glaube ich gar nicht wiederholen, man muss sich nur die Statistiken ansehen, dann ist es doch klar: Allein 2019 gab fünf versuchte und zwei vollendete Tötungsdelikte, die rechtsmotiviert waren, dazu 62 Gewalttaten.

Wie kann man da gegensteuern, was kann man als Einzelner tun?

Es muss nicht immer etwas Großes sein. Nicht wegzuschauen ist schon mal das Erste. Haltung zeigen und mit den Leuten sprechen. Sie fragen, wieso sie sich so verhalten, ihnen aufzeigen, was daran fragwürdig ist und sie damit konfrontieren, auch in den sozialen Medien, auf dem Hausflur. Aber nicht belehrend. Ich habe ja auch meine Meinung zu der rechten Szene deutlich gezeigt, habe aber nie deutlich machen oder signalisieren wollen, dass meine Meinung die richtige ist. Sondern ich bin in den Dialog gegangen. Und das sollten wir alle tun.

Ich finde aber auch noch mal wichtig zu sagen, dass ich kein Experte bin. Ich weiß nicht, wie so ein Ausstieg bestmöglich vonstatten gehen soll. Ich bin Reporter, Journalist. Und ich bin auch nicht der Thilo, der sich nur mit Themen wie Syrien oder der rechten Szene beschäftigt.

Von der rechten Szene geht nicht selten Aggressivität in den sozialen Medien aus. Haben Sie nach dem Ausstrahlen der Doku selbst Hass erfahren?

Ich war selbst überrascht und habe mit einigem gerechnet, da kam aber kaum etwas. Auf Twitter sieht man ja auch, dass die meisten Reaktionen positiv sind. Meine Absicht war es auch nicht, irgendjemanden zu diffamieren. Das mache ich mit meinen Gesprächspartnern nicht. Ich spreche mit den Leuten und höre mir ernsthaft an, was sie zu sagen haben, was ihre Motivation ist. Und mit gezielten Fragen und wenn man sie ernst nimmt, kann man auch schon einiges bewirken und ihnen aufzeigen, dass in Handlungen Widersprüche bestehen und es keine Argumente dafür gibt. Ich finde auch, wir haben ziemlich neutral und wenig belehrend gezeigt, was in der Szene los ist und die Aussagen wurden ja von Anhängern der rechten Szene selbst getroffen.

Die Dokumentation "Rechts. Deutsch. Radikal." gibt es auf Joyn+ zu sehen. 


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