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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier "Mann, ist der Eichmann" – über Lüth, die AfD und die Brandstifter im Biedermann

Reporter Thilo Mischke in der ProSieben-Doku "Rechts. Deutsch. Radikal."
Reporter Thilo Mischke in der ProSieben-Doku "Rechts. Deutsch. Radikal."
© ProSieben
Reporter Thilo Mischke recherchierte 18 Monate in der rechten Szene und traf dort – oh, Wunder – immer wieder auf die AfD und ihre Machenschaften. ProSieben zeigt die Doku heute Abend zur besten Sendezeit. 
Von Micky Beisenherz

Wäre es nicht so abstoßend, man müsste der AfD gratulieren, dass sie es doch noch schafft, einen zu überraschen. Und wir reden hier über die Partei, deren ehemaliger Bundesvorstand Andreas Kalbitz einem Parteifreund mit einem freundlichen Guten-Morgen-Knuffer einen Milzriss beschert hat. Nicht zuletzt deshalb ist Kalbitz mittlerweile aus der Partei geflogen.

Dass sich mit Christoph Berndt nun ein Rechtsextremist um dessen Fraktionsvorsitz in Brandenburg bewerben will, überrascht umso weniger, wenn man die Doku des Investigativreporters Thilo Mischke gesehen hat, die ProSieben heute Abend zu besten Sendezeit ausstrahlt.

In "Rechts. Deutsch. Radikal" bewegt sich Mischke in der rechten Szene und trifft dort – oh, Wunder – immer wieder auf die AfD. Neben der deprimierenden Erkenntnis, dass die rechte Szene Deutschland so effizient unterwandert wie Legionellen das Leitungswasser, wirkt vor allem die Schlüsselszene des Films nach: Da trifft sich eine rechte Bloggerin in einer Berliner Bar mit einem Mann zum Strategiegespräch. Der Mann soll sich als Christian Lüth herausstellen, zum Zeitpunkt des Gesprächs noch AfD-Pressesprecher. Was Lüth nicht weiß: Die junge Frau ist willens, aus der rechten Szene auszusteigen, und die Szene, in die er wiederum gerade eingestiegen ist, wird heimlich mitgefilmt.

Sätze, die nicht nur im Bundestag häufiger zitiert werden dürften

So kommt es zu Sätzen, die nicht nur im Bundestag demnächst häufiger zitiert werden dürften. Mit einer Lässigkeit, die sogar HC Strache irritiert hätte, plaudert der Stratege über den Zustand Deutschlands und der Partei, die für dieses Land eine Alternative darstellen will. Dafür müssten allerdings gewisse Voraussetzungen gegeben sein: "Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD. Das ist natürlich scheiße, auch für unsere Kinder. (…) Aber wahrscheinlich erhält uns das..."

Aha. Erst die Partei, dann das Land. Eine Einstellung, die man von glühenden Nationalisten so auch nicht zwingend erwartet hätte. Aber zumindest ehrlich. Wie viel Ehrlichkeit erträglich ist, das lotet dieser Film recht eindrucksvoll aus.

Auf die Frage, wie man es denn mit der Migration beziehungsweise noch mehr Migration halte, kommt es zum endgültigen Dammbruch. Hier springt dann nicht irgendwann Guido Cantz hinter den versteckten Kameras hervor, sondern der Geist von Eichmann aus dem Anzug des modernen Berliner Politikers: "Ja. Weil dann geht es der AfD besser. Wir können die nachher immer noch alle erschießen. Das ist überhaupt kein Thema. Oder vergasen, oder wie du willst. Mir egal!"

Hier redet der Sprecher der größten Oppositionspartei im Bundestag*. Und wir erregen uns über ein paar ihrer Gesinnungsgenossen auf den Treppen des Reichstagsgebäudes. Das sind Sätze, die in ihrer Kaltblütigkeit und Berechnung erschrecken.

Aber sollten sie uns wirklich so überraschen? Hat DJ Vogelschiss, Alexander Gauland nicht bereits vor fünf Jahren bemerkt, die "Flüchtlingskrise" sei ein "Geschenk für die AfD"? Derselbe Gauland, mit dem Lüth, genau wie mit Beatrix von Storch, während der Filmaufnahmen sehr vertraut telefoniert. Nein, es bedurfte keines Beweises mehr, um zu belegen, wo die AfD politisch steht. Und doch erschüttern die Aussagen eines so hochrangigen Mitgliedes der Partei*.

Die Partei als eine einzige Ausfallerscheinung

Andererseits: Wer vorher bereits sein Kreuz bei der AfD gemacht hat, dürfte bei diesen Szenen eher mehr oder minder merklich nicken, als sich entsetzt abzuwenden. Wenn eine Gemeinschaft nur noch aus Ausfällen einzelner Mitglieder besteht, ist die Partei womöglich längst selbst eine einzige Ausfallerscheinung.

Zur tragikomischen Figur gerät hier vor allem Jörg Meuthen, der wie eine Mischung aus Frank Drebin und Comical Ali versucht, die Leute glauben zu machen, die AfD sei sowas wie eine zeitgeistskeptische Professorenpartei, während sich im Hintergrund links und rechts unkontrolliert die Därme entleeren, bis der ganze Parteisitz braun ist.

Die Partei hat immer von der gezielten Provokation gelebt, vom Raumgewinn durch den Zauber des Ungefähren, das Missverständnis als Kerngeschäft. "Mausgerutscht" als Erfolgsmodell. "Ja, wenn IHR das so verstanden habt, dann tut es uns natürlich leid. Aber man darf hier ja überhaupt nichts mehr sagen."

Man muss nicht über jedes Stöckchen springen, aber wenn Goebbels einem ein Hinkebein stellt, kommt man nicht umhin, kurz abzuheben. Fast ist man dankbar für den engen Interpretationsspielraum von Lüths Entgleisungen. Tut mir leid für alle, die im nächsten Jahr eigentlich nochmal die AfD als demokratisch legitimierte Protestpartei wählen wollten, aber: Wenn Nazis einer Partei vorstehen, Nazis als Medienkoordinatoren beschäftigen und ihre Naziparolen pausenlos den Diskurs beherrschen, dann sind sie vermutlich….

….richtig, eher keine Alternative für Deutschland.

Bemerkenswert ist übrigens nicht nur die journalistische Leistung von Thilo Mischke, sondern auch die Tatsache, dass ProSieben diese Sendung zur Primetime ausstrahlt. Den Ausschlag dafür dürften wohl die Erfahrungen mit Joko & Klaas gegeben haben, die ihre 15 Minuten zuletzt dafür genutzt hatten, mit den Bildern aus Moria sehr schmerzhaften Wahrheiten zu senden. Unglamouröse, harte Szenen, die gleichwohl hohe Sehbeteiligung hatten.

Was am Ende fast wieder ein wenig versöhnt: Offenkundig gibt es in Deutschland eine signifikante Zahl von Menschen, die sich sehr wohl für das Schicksal von Geflüchteten interessieren.

Und zwar als Menschen – und nicht etwa als Lebendköder für stumpfes Wahlvolk, die man später nach belieben vergasen oder erschießen darf.   

*zum Zeitpunkt des Gespräches.

Die Dokumentation "Rechts. Deutsch. Radikal." von Thilo Mischke läuft am Montag, 28. September, um 20.15 Uhr bei ProSieben


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