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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Meutherei im AKW – ideologische Kernschmelze im braunen Wunderland

Jörg Meuthen beim Bundesparteitag der AfD in Kalkar
Jörg Meuthen beim Bundesparteitag der AfD in Kalkar
© Rolf Vennenbernd / DPA
Die AfD traf sich zum Bundesparteitag in einem ehemaligen AKW, das mittlerweile als Freizeitpark genutzt wird. Ein irres Konzept, aber nicht ganz so abwegig wie der Gedanke, die AfD sei eine zivilisierte Volkspartei, findet Micky Beisenherz.

Man möchte Jörg Meuthen fast gratulieren. Die AfD hat ein Rentenkonzept – und das sieht nicht vor, ihn in ebendiese zu schicken. Dabei deutete auch an diesem Wochenende vieles darauf hin, dass den Parteivorsitzenden das traurige Schicksal seiner VorgängerInnen ereilen würde. In gewohnter Vernunftsverachtung hielt die lauteste Opposition Deutschlands ihr Bundestreffen mit rund 550 Leuten ab. Und weil ihnen Präsenz deutlich mehr liegt als Präsens, durfte das Ganze nicht wie bei modernen Bündnissen digital geschehen, sondern eben analog. In einem ehemaligen AKW, das mittlerweile – klar, was auch sonst – als Freizeitpark "Kernies Wunderland" genutzt wird.

Dort kann man angeblich Softeis und Pommes essen, soviel wie man möchte – oder wie es bei den Tweedhooligans heißt: "Ernährungskonzept". Muss man auch erstmal schaffen: Die AfD kommt ins AKW, und bringt das Toxische einfach selber mit! Sieben Jahre ist die Partei alt. Und so benimmt sie sich auch. Die Atmosphäre hatte dann auch tatsächlich viel von Tobehalle, so leidenschaftlich traten die Delegierten dort an die Mikrofone. Man kam sich mitunter fast vor, als hätte man versehentlich in die letzte Doku von Thilo Mischke gezappt.

Gauland musste mit Nasenbluten ins Krankenhaus

Überdies gab es einige Ramponierte zu bestaunen: Höcke mit Schramme auf der Nase, wieder einer mit Pflaster am Kinn, Gauland musste mit Nasenbluten ins Krankenhaus. Es sah aus, als sei Andreas Kalbitz kurz zum Hallo sagen vorbei gekommen. Dem war natürlich nicht so. Dennoch holte sich Meuthen eine blutige Nase, zumindest metaphorisch.

Auch wenn Kalbitz nicht persönlich anwesend war, so hängt der Partei doch arg sein Chanel No.88-Hautgout in den Klamotten. Möglicherweise aber ist der Muff bereits die komplette Partei und Meuthen hat das noch nicht ganz mitbekommen. Der Mann wehrte sich jedenfalls lautstark gegen von Gauland geprägte Begriffe wie "Corona-Diktatur", die leidenschaftlichen Flirts mit den "Querdenkern" und seltsame Aktionen wie zuletzt die, als AfD-Vertreter sich als kriminelle Schleuserbande gerierten, um Reichstrojaner in den Bundestag zu lotsen.

Es ist ja auch ein undankbarer Job. Da bist du Bundessprecher und versuchst tapfer, dir öffentlich den Eindruck einer bürgerlichen Partei drauf zu lackieren, damit Onkel Uwe an Heiligabend von der Professorenpartei schwärmen kann, während der Rest der Mannschaft schon lange die Bomberjacke anhat. Stehst da als Vorsitzender vor rund 500 meut(h)ernden Mitgliedern, von denen du nicht weißt, wer bereits als V-Mann für den Verfassungsschutz arbeitet, während du dich mit gerade mal sieben Prozent Richtung Bundestagswahl schleppst.

Und sei es nur, weil die Brandners dieser Welt die Maske so tief runtergezogen haben, dass sie fast drüber stolpern. Wahlen werden in der Mitte gewonnen, so heißt es. Weil die Partei ihre innere Mitte aber längst irgendwo rechts draußen gefunden hat, wirkt Meuthen zusehends wie einer, der versucht beim Whack-a-Mole die Glatzen zu erwischen.

Der Biedermann braucht die Brandstifter

Womöglich ist es auch nur eine schöne Live Aufführung "Bad Cop, very Bad Cop". Nicht, dass irgendwer noch auf den Gedanken kommt, dass der matte Akademiker ideologisch so weit weg von Höcke ist. Rechts möchte man schon sein – nur soll das bitteschön ein wenig leiser geschehen. Der Biedermann braucht die Brandstifter. Nur, ob die den Biedermann noch lange behalten wollen, das darf zumindest stark bezweifelt werden. Und die Köpfe von Petry und Lucke schauen traurig von oben überm Kamin herab auf Gauland, der zufrieden den Chantré schwenkt, goldig-braun im Lichte des Feuers schimmernd.

Vielleicht ist es am Ende doch weit weniger irre, zu glauben, man könne ein AKW zu einem Freizeitpark machen als die AfD zu einer zivilisierten Volkspartei.


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