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Offener Brief an AfD-Wähler "Lieber vierter ostdeutscher Mann ..."

Brief an einen AfD-Wähler: "Lieber vierter ostdeutscher Mann..."
"Ich gehe durch die Straßen und frage mich: Wo sind die ganzen AfD-Wähler? Wer war das? Du, mit dem kurzärmeligen karierten Hemd? Du, mit dem bunten Tattoo auf der Wade?"
© Christoph Kadur/stern; Stephan Pramme
Das ganze Land redet über die ostdeutschen Männer. Von denen, die zur Wahl gegangen sind, haben 25 Prozent ihr Kreuz bei der AfD gemacht – jeder Vierte. Die Autorin Greta Taubert, selbst gebürtige Thüringerin und ein "Fan ostdeutscher Männer", hat dem Rechtswähler von nebenan geschrieben.
Von Greta Taubert

Lieber vierter ostdeutscher Mann,

diesen offenen Brief schreibe ich Dir, weil ich nicht weiß, wie ich Dich erkennen kann. Ich gehe durch die Straßen und frage mich: Wo sind die ganzen AfD-Wähler? Wer war das? Du, mit dem kurzärmeligen karierten Hemd? Du, mit dem bunten Tattoo auf der Wade? Du, mit den beigefarbenen Gesundheitssandaletten? Du, mit dem Maßanzug? Du, mit dem schwarzen Kapuzenpullover? Gut möglich, dass wir uns schon begegnet sind. Vielleicht bei einem Schwatz an einem Bratwurststand im Thüringer Wald. Vielleicht bei einem Schnaps am Tresen in einer Kneipe in Tangermünde. Vielleicht bei einem Volksfest in Delitzsch.

Wir könnten in Leipziger Straßenbahnen nebeneinander gesessen, beim Wochenmarkt in einer Reihe gestanden oder unsere Kinder in dieselbe Schule gebracht haben. Wir teilen so viel: unsere Heimat, unsere Historie. Wir sind auf untrennbare Art miteinander verbunden. Und es irritiert mich, wenn ich jetzt in der Presse lese, dass "Ost-Männer so wütend" sind ("Bild"), dass sie das Etikett "Verlierer der Einheit" angeheftet bekommen ("Berliner Zeitung"), dass die neuen Länder in Statistiken wieder in so hässlichen Farben dargestellt werden.

Die Sender sind nicht da, wenn der Opa seinen Zaun streicht

Ich kenne Dich persönlich nicht. Woran liegt das? Würde ich mich nur durch die Bilder, Texte und Filme über Dich informieren, dann sähe ich: einen verbitterten, speckigen, sturen Man-wird-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Typen mit sächsischem Dialekt, der sich von allem und allen ungerecht behandelt fühlt. Einen, der den ganzen Tag mit Hassen und Demonstrieren und Flüchtlingsheime Anzünden und Galgenbauen für Angela Merkel beschäftigt ist. Denn solche Sachen erzeugen starke Bilder, die Medien einfach nicht an sich vorbeiziehen lassen können. Das hat nichts mit einer "Lügenpresse" zu tun, sondern mit der Medienlogik. Alles, was ungewöhnlich ist, krass, schrill oder politisch unkorrekt, wird eben eher zum Thema als der langweilige Alltag. Die Sender sind nicht da, wenn der Opa seinen Zaun streicht, das Auto wäscht oder "Lindenstraße" schaut. Aber sie berichten genau über die fünf Minuten des Jahres, in denen er auf einer Demo wild in seine Trillerpfeife pustet.

Ich glaube, dass Du Dir manchmal eine hässliche Maske aufgesetzt hast, um alle mal ganz tüchtig zu erschrecken. Um mal laut "Buuhhuuuuu" zu rufen, damit man auch in den umtosten Großstädten mitbekommt, dass in einem Dörfchen kurz vor Tschechien noch jemand sitzt, der auch Probleme hat. Kaputte Straßen, marode Schulen, fehlende Frauen, fehlende Arbeitsplätze, fehlende Perspektiven. Darüber hat keiner mehr geredet oder berichtet. Stattdessen haben sich westdeutsche Redakteur*innen einen Gender-Stern ausgedacht und auf Englisch bei einem Soja-Latte einen Geflüchteten adoptiert.

Es geht Dir gar nicht so sehr um den einzelnen Homosexuellen oder Vegetarier oder Syrer. Es geht Dir darum, Aufmerksamkeit zu bekommen, die in unserer Welt ja die wichtigste Währung ist. Und ich muss zugeben: Das ist Dir richtig gut gelungen. Dein Wahlzettel wurde zum Denkzettel. Über 80 Prozent der deutschen Wahlberechtigten haben laut ogottogott gerufen und angefangen, sich Gedanken zu machen, was da los ist. Wirklich, ich war dabei!

Wenn der Journalist Thilo Mischke sich in Abenteuer stürzt, stürze ich gern hinterher

Aber Du musst die Fratzenmaske jetzt wieder abnehmen. Nicht mehr mit sich überschlagender Stimme "Buh" rufen. Nicht mehr hässlich sein. Damit aus einem Schreck keine Angst wird. Weil Angst schlimmer ist als eine kaputte Dorfstraße. Der Prozess ist ja längst im Gang: Das mediale Abziehbild des ostdeutschen Mannes macht Angst und wird zum Prototyp der Bedrohung. Und das tut mir wirklich weh. Ich bin nämlich ein großer Fan ostdeutscher Männer. Ich höre gern den absurden Reimen des Rappers Käptn Peng alias Robert Gwisdek zu, lasse mich von dem Singer-Songwriter Clueso einlullen oder von dem DJ Paul Kalkbrenner auf elektronischen Bässen wegtragen. Wenn der Journalist Thilo Mischke sich in Abenteuer stürzt, stürze ich gern hinterher. Und wenn der Poetryslammer Julius Fischer ein Buch im ostdeutschen Kleinverlag Voland & Quist veröffentlicht, gehe ich mit Glücksgefühlen zur Premiere. Ich bewundere, wie der Aktivist Michael Bohmeyer für das bedingungslose Grundeinkommen kämpft und der Künstler Philipp Ruch künstlerische Interventionen gegen Genozide unternimmt. Wusstest Du, dass das auch alles Ostdeutsche sind?

Überhaupt sind eigentlich alle Männer, die ich liebe und jemals geliebt habe, Ostdeutsche: Opa, Vater, Bruder, Mann. Dazu kommt ein weiter Kreis von ostdeutschen Freunden, Nachbarn, Bekannten, die ich sehr mag. Ich bin gern in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern unterwegs und beschäftige mich nicht nur aus beruflichen Gründen mit Menschen, die mir ihre Geschichten erzählen.

Ihre Väter taugten nicht mehr als Rollenmodelle

Was mir dabei immer wieder aufgefallen ist: Auch 28 Jahre nach der Wende lassen sich bei allen noch Spuren dieser gemeinsamen historischen Erfahrung finden. Wer 1989 bereits einen Funken Bewusstsein hatte, musste erleben, wie die alten Gewohnheiten und Gewissheiten von heute auf morgen erodierten. Dem Mann wurde damals von einem Tag auf den anderen alles genommen, was ihn irgendwann mal zum Macker gemacht hatte: Seine beruflichen Fähigkeiten wurden oft nicht mehr gebraucht, sein selbst zusammengeschraubter Trabbi wurde zum Witzobjekt, sein Stil galt als grausam, seine Lieblingsband oft als krampfig. Mit dieser kulturellen Entwertung muss man ja auch erst mal umzugehen lernen. Ich habe als Kind erlebt, welche Anstrengungen die erwachsenen Ostmänner unternommen haben, sich den neuen Realitäten anzupassen. Sie wollten unter keinen Umständen auffallen.

Exzentrisches oder lautes Auftreten in der Öffentlichkeit ist bei ostdeutschen Männern bis heute eher selten anzutreffen. Ich habe die meisten Männer als große Pragmatiker erlebt, die versuchen, lieber keine ideologischen Diskussionen anzuzetteln, sondern sich halt so durchzuwursteln. Die aktuellen rechtspopulistischen Schreihälse sind übrigens westdeutsch sozialisiert: Alexander Gauland ist gleich nach dem Abitur in die BRD geflüchtet, Björn Höcke ist gebürtiger Westfale, Jürgen Elsässer ist in Pforzheim geboren, Götz Kubitschek stammt aus Oberschwaben. Ich verstehe nicht, wieso Du, lieber vierter ostdeutscher Mann, Dich ausgerechnet von diesen aufmerksamkeitssüchtigen Westimporten aufwiegeln lässt – um dann selbst in der Öffentlichkeit als gefährlich zu gelten.

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Bei jenen Ostmännern, die 1989 noch Kinder waren, bedeutete die Wende eine Stunde null. Alles, was ihre Eltern und Lehrer ihnen gesagt, gezeigt, empfohlen hatten, war obsolet. Ihre Väter taugten nicht mehr als Rollenmodelle – weder um sie zu übernehmen, noch um sie zu bekämpfen. In diesem Vakuum experimentierten die jungen Wilden mit der Freiheit herum.

In Chefpositionen sitzen mittlerweile eher Ostfrauen als Ostmänner

Es gab nichts, von dem sie sich abgrenzen mussten. Und auch sonst gab es nichts: kein Erbe, keine Netzwerke, keine Immobilien. Ein Teil zog in den Westen und verleugnete sich selbst, um irgendwie doch noch an Kohle zu kommen. Ein Teil experimentierte mit Extremismus und Drogen, um irgendwie überhaupt was spüren zu können. Und ein Teil erfand sich eine neue Welt.

Die Ostmänner, die ich liebe, hatten keine Lust, in den Westbetrieben karrieremäßig nach oben zu klettern. Bis heute gibt es unter den 190 Vorständen von Dax-Unternehmen nur drei Ostdeutsche. Und auch in anderen Chefpositionen sitzen mittlerweile eher Ostfrauen als Ostmänner. Das ist bedauerlich, aber manchmal habe ich die Vermutung, dass die neuen Ostmänner auch gar keine Lust auf diesen Eiertanz um Geld, Macht, Status haben. Sie haben die Freiheit gekostet, Mann! Die lassen sie sich doch jetzt nicht wieder von irgendeinem anderen System wegnehmen. Sie arbeiten Teilzeit, kümmern sich um ihre Kinder, engagieren sich ehrenamtlich, legen einen Garten an und pflanzen Utopia. Und Du, lieber vierter ostdeutscher Mann, kannst das auch!

Ich glaub an Dich!

Deine Greta Taubert


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