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TV-Ereignis "Der Turm" in der ARD: Leiden und Leben in den letzten Jahren der DDR

Die literarische Vorlage ist preisgekrönt, die Besetzung erstklassig: Die Verfilmung von Uwe Tellkamps "Der Turm" hat das Zeug zum herausragenden TV-Ereignis. Die ARD zeigt den Film in zwei Teilen.

Weihnachten 1982: Ganz langsam fährt die Bahn den Elbhang hinauf, die Lichter der Stadt verkümmern zu winzigen Punkten. Im Abteil sitzt ein Internatsschüler auf dem Weg nach Hause ins Dresdner Turmstraßenviertel - erwartungsfroh und ängstlich zugleich. Mit der Heimkehr von Christian Hoffmann beginnt die Verfilmung von Uwe Tellkamps preisgekröntem Bestseller "Der Turm". Thomas Kirchner hat das 1000 Seiten-Epos über das Leben der Bildungsbürger im Dresdner Stadtteil Weißer Hirsch zwischen Anpassung und Ablehnung von 1982 und 1989 allerdings komprimiert.

Regisseur Christian Schwochow ("Novemberkind") und die Produzenten von teamWorx machten daraus einen Zweiteiler fürs Fernsehen, den die ARD am 3. und am 4. Oktober, jeweils um 20.15 Uhr, ausstrahlt. Fahnenappell, FDJ-Sitzung, Wehrdienst-Drill und Stasi-Methoden sind ebenso in Szene gesetzt wie der Kampf um die Ausreise, das Arrangement mit Mangelwirtschaft, Familienfeste und fröhliches Jugendleben - subtil, differenziert und ohne Klischees. Im Unterschied zum Buch aber stehen Richard Hoffmann und sein Sohn Christian im Zentrum der Handlung.

Starke Bilder und amüsante Szenen

Die schwere literarische Kost wurde für Massenpublikum aufbereitet - ohne ausufernde Beschreibungen und Gedankenschilderungen, dafür mit starken Bildern, kurzen Dialogen und amüsanten Szenen: als die Ärzte im Wald die für den SED-Bezirkssekretär bestimmte Weihnachtstanne stehlen oder ein bestellter Notruf Oberarzt und Oberschwester die ideologische Heiligabendlitanei des Klinikchefs erspart. Berührend löst sich auch ein Streit zwischen Anne und Richard auf - im Tanz bei Stromausfall auf der Straße zu russischen Grammophon-Klängen.

Skizziert werden das Doppelleben des Chirurgen in der Villa am Elbhang und der Mietwohnung seiner Geliebten Josta (Nadja Uhl) sowie die wachsenden Spannungen in der Familie, auch wegen der Stasi-Spitzeltätigkeit des Vaters. "Er tut ziemlich alles, was wir unsympathisch und unangenehm finden an einem Menschen", beschreibt Darsteller Jan Josef Liefers die Figur. "Ein guter Chirurg mit einem eingebautem Gefühl von Überlegenheit, der denkt, dass er unabhängig von allem sein Ding dreht, allein begründet mit seiner Leistung."

Rebellion und Resignation

Richard reklamiert so viel Freiheit wie möglich für sich und setzt das auf Kosten anderer durch. "Er ist mindestens genauso ein großer Despot wie der Schuldirektor oder der Ausbildungsoffizier bei der Armee", urteilt Liefers. Sohn Christian leidet erst unter dem Erfolgsdruck, rebelliert dann aber: gegen die Obrigkeit in der Schule und beim Wehrdienst. Als Sohn aus gutem Hause, schüchtern, introvertiert und mit Herz für die Schwachen, überzeugt Sebastian Urzendowsky.

Christian, der lieber lernt und Cello übt, statt Partys zu feiern, kann nur bei Onkel Meno entspannen, mit ihm über Literatur und Politik sprechen. Dem aus bürgerlichen DDR-Elternhaus stammenden Götz Schubert war die Rolle des resignierten Intellektuellen wie auf den Leib geschrieben. "Meno ist mir ein Freund geworden." Im übertragenen Sinne zeige sich bei ihm, wie Kunst und Künstler versucht hätten, mit den sozialistischen Gegebenheiten zurechtzukommen.

Simona Block, DPA / DPA