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TV-Jahr 2006: Zuschauer überraschen Sender

Die Zuschauer haben den Fernsehsendern einiges Kopfzerbrechen bereitet. Besonders drei Sender haben sich mit einigen Projekten verkalkuliert. Aber auch die Stationen und ihr Personal sorgten für Diskussionen.

Wirtschaftlich ist nach einigen Jahren der Krise wieder Land in Sicht, doch inhaltlich hat das Medium Fernsehen wiederum ein Krisenjahr hinter sich gebracht. Denn der ehrgeizige Plan, die Zuschauer mit neuen fiktiven Stoffen an sich zu binden, erlitt bei den führenden Sendern einen Rückschlag. Vor allem die ARD, Sat 1 und das ZDF hatten mit seriellen Produktionen wenig Glück - der Zuschauer schaltete weg.

Die ARD erlebt die Misere fast jeden Tag im Vorabendprogramm, denn um 18.50 Uhr funktionierten sowohl "Das Geheimnis meines Vaters" als auch "Zwei Engel für Amor" nicht. Sat 1 legte mit seinen Telenovelas "Schmetterlinge im Bauch" und der neuen "Verliebt in Berlin"-Fassung Bauchlandungen hin. Das ZDF war nicht zufrieden mit der Resonanz auf die Tropeninstitutsserie "M.E.T.R.O.", mit dem Freitagskrimi "Stolberg" und der Serie "Die Spezialisten: Kripo Rhein-Main".

Fernsehen kämpft gegen das Internet

Das Fernsehen, das zunehmend gegen bunte Unterhaltung aus dem Internet zu kämpfen hat, erfuhr dagegen vor allem für Klassiker wie "Wetten, dass...?" oder "Wer wird Millionär?" großen Zuspruch und für die Fußball-WM bis hin zu Sönke Wortmanns ARD-Film "Deutschland. Ein Sommermärchen". Aber vor allem sorgte das Medium in der Öffentlichkeit mit Vorgängen rund um sich selbst für Gesprächsstoff - allen voran die ARD.

Die Verlegung des Films "Wut" auf einen späteren Sendetermin servierte tagelang Diskussionsstoff für Politiker und Programmverantwortliche. Die Talker Johannes B. Kerner (ZDF) und Reinhold Beckmann (ARD) verärgerten ihre Brötchengeber mit ihren Werbeaktivitäten. Die ARD überraschte mit der Vertragsverlängerung für Sportkoordinator Hagen Boßdorf, der wegen seiner Rolle bei den hoch dotierten Verträgen mit Radprofi Jan Ullrich kritisiert worden war. Einen Monat später machten die ARD-Intendanten das Vertragsangebot rückgängig - sie gaben Boßdorf eine Mitverantwortung für einen Fall von Schleichwerbung.

Jauch löst Christiansen ab

Als eine der Top-Personalien wurde der - teilweise - Wechsel von RTL-Star Günther Jauch zur ARD diskutiert. Der 50-Jährige soll vom September 2007 an statt Sabine Christiansen am Sonntagabend talken. Trotz aller Bekundungen von RTL, Jauch werde auch künftig für den Kölner Privatsender sein gewohntes Programm bewältigen, scheinen noch nicht alle Fragen geklärt, zum Beispiel ob Jauch wirklich die Moderation von "Stern TV" bei dem Privatsender fortsetzt.

Ein Wechsel vollzog sich unter großem Blitzlichtgewitter und großer Medienresonanz im späten Sommer: Tom Buhrow folgte Ulrich Wickert als Anchorman der "Tagesthemen". Auch "Tagesschau"- Sprecherin Eva Herman zog wie ARD-Kollege Tom Buhrow eine enorme Aufmerksamkeit auf sich, allerdings nicht dank der "Tagesschau", von der sie sich zurückzog, sondern wegen ihres umstrittenen Buchs "Das Eva-Prinzip".

Historiendramen feiern Erfolge

Doch nicht nur die viel diskutierten Randerscheinungen des Mediums sorgten für Diskussionen. Es gab auch Inhalte, die den Zuschauer bewegten, wie die hohen Einschaltquoten für den ZDF-Zweiteiler "Dresden" oder das RTL-Drama "Die Sturmflut" belegen. Mit guter Qualität überzeugten auch die Geschichten "Neger, Neger, Schornsteinfeger" (ZDF) und "Nicht alle waren Mörder" (ARD), die nach autobiografischen Vorlagen aus Kindheitserlebnissen während der Nazizeit entstanden.

Abschied nehmen hieß es von einem der ganz Großen: Der Niederländer Rudi Carrell, der im Juli starb, prägte das deutsche Fernsehen über Jahrzehnte mit seiner Fantasie und seinem Witz. Auch Annemarie Wendl, seit Beginn der ARD-Serie "Lindenstraße" im Ensemble, die Schauspielerin Bruni Löbel, zuletzt im "Forsthaus Falkenau" dabei, und der Regisseur Tom Toelle, der den Klassiker "Das Millionenspiel" inszenierte, starben 2006.

Carsten Rave/DPA / DPA