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TV-Kritik "Günther Jauch": Hilflos im Umgang mit dem Holocaust

Günther Jauch diskutiert mit Zeitzeugen und deren Kindern zur Primetime über die Judenvernichtung in Nazideutschland. Eine der Gäste des TV-Talkers überlebte das Konzentrationslager nur, weil Dr. Mengele nach ihrer Musik verlangte.

Von Sophie Lübbert

Der Holocaust ist immer für eine Sendung gut, befand Günther Jauch. Aber er schaffte es, die Gäste, die wirklich etwas zum Thema zu sagen hatten, zu ignorieren – oder sie hinter einem Cello zu verstecken.

Günther Jauch möchte über die Zukunft reden, deshalb ignoriert er sie. Er schaut mal hierhin und mal dorthin, dann hilflos Richtung Kamera, nur nicht zum Gast links neben ihm. Sein Blick ist hilflos. Der Moderator scheint zu denken: "Wie werde ich diese Frau in der Runde los, die mir die Show kaputt macht?"

Die Frau heißt Marina Weisband, ist (noch) Gesicht und Sprachrohr der Piratenpartei, Jüdin, 24 Jahre. Sie sitzt neben Jauch und tut den Großteil des Abends nicht mehr als eben das: sitzen. Und warten. Denn Jauch hat sie zwar eingeladen, als junge Vertreterin ihrer Generation zum Thema Holocaust, aber unterhalten will er sich nicht mit ihr. Er will lieber alte Geschichten hören, von Leuten, die keine alten Geschichten zu erzählen haben, um daraus dann Konsequenzen für die Zukunft festzulegen.

Sie überlebte Auschwitz, weil sie Cello spielen konnte

Die Frage für diesen Abend ist etwas pathetisch formuliert: "Gerät Auschwitz in Vergessenheit?" Und die Antwort (natürlich nicht!) hat der TV-Talker gleich mitgebracht. Das spart Zeit. Zeit, die man gut für eine Diashow nutzen kann. Deshalb müssen seine Gäste alte Fotos von sich mitbringen. Die Aufnahmen werden, während sie sprechen, im Hintergrund eingeblendet.

Der kleine Christian Berkel sitzt vergnügt auf einer Wiese, während der große Christian Berkel, Schauspieler, im TV-Studio davor sitzt und erzählt. Von seiner jüdischen Mutter, die aus Deutschland fliehen musste. Von ihrer dramatischen Reise durch halb Europa. Und davon, dass zu Hause eigentlich nie darüber gesprochen wurde.

Dann muss Marcel Reif ran. Der Sportmoderator berichtet, immer wieder unterbrochen von einem Bild, das ihn als melancholischen Jugendlichen zeigt, wie knapp sein Vater dem KZ entgangen ist und dass er lange Zeit nicht wusste, wie er mit dessen Erfahrungen umgehen solle. Beides schlimme Schicksale, aber beide sind aus zweiter Hand und deshalb lange nicht so berührend wie die Anmerkungen, die Anita Lasker-Wallfisch zum Gespräch beisteuert. Die 86-Jährige überlebte die Konzentrationslager Bergen-Belsen und Auschwitz, weil sie Cello spielen konnte und vor Nazi-Arzt Josef Mengele musizieren musste.

"War ein attraktiver Mann, der Mengele"

"War ein attraktiver Mann, der Mengele, immer gut gekleidet", sagt Lasker-Wallfisch und dass man gar nicht glauben könne, dass ein grausamer Mensch wie er kultiviert war. Die alte Dame hat eine gnadenlos offene Art über ihr eigenes hartes Schicksal zu sprechen, um damit das Grauen noch deutlicher aufzuzeigen. Sie spricht laut, sicher, manchmal mit einem Hauch bitterer Ironie.

Doch Jauch ist das egal. Er hat vor ihren Stuhl ein Cello stellen lassen, das von der Kamera immer wieder sinnlos eingefangen wird. Er unterbricht sie, anstatt ihre Geschichte wirken zu lassen. Und als die Dame nicht erzählen will, was er gern hören würde, als sie das deutsche Nazi-Erbe nicht zur andauernden Schuld aus der Vergangenheit zementiert, sondern zur Verpflichtung für die Zukunft erklärt, da weiß er sich nicht anders zu helfen, als schließlich doch Marina Weisband anzusprechen.

"Wie viel wissen denn Ihre Freunde von den Nazis?", fragt Jauch gönnerhaft. Alles, stellt sich heraus. Vier oder fünf Mal hat Weisband den Holocaust in der Schule behandelt, zu viel findet sie; je öfter, desto unempfindlicher werde man für die Schicksale, die dahinter stehen.

2400 Drohanrufe bei einem jüdischen Gastwirt

Anita Lasker-Wallfisch nickt wild zu Weisbands Aussagen, auch Berkel findet die Worte offensichtlich gut und fügt hinzu, man dürfe die Juden nicht nur als Holocaust-Opfer sehen, sondern müsse auch den jüdischen Humor, die jüdische Feier-Festigkeit anerkennen. Jauch hingegen muss anerkennen, dass sich das Gespräch anders entwickelt als vorgesehen. Er wirft noch ein paar Zahlen in den Raum: 20 Prozent aller Deutschen antisemitisch. 2400 Drohanrufe bei einem jüdischen Gastwirt. Ist das etwa nichts?

"Fühlen Sie sich sicher, als Juden in Deutschland, heute?", versucht Jauch ein letztes Aufbäumen, einen letzten Versuch, seiner Sendung Dramatik zu verleihen, "Herr Berkel?". Jedoch Herr Berkel fühlt sich gut, "ja, absolut sicher" sogar.

Aber noch gibt es eine Chance, eine letzte, sie trägt ein senfgelbes Jackett und heißt Marcel Reif. "Fühlen Sie sich sicher?", fragt Jauch. Reif wiegt den Kopf hin und her, dann gibt er sich einen Ruck, wahrscheinlich hat auch er keine Lust mehr auf die Sendung, er gibt zu Protokoll: "Ich bin optimistisch, dass ich's hinkriege". Dann hätten wir wenigstens seine Zukunft geklärt.

  • Sophie Lübbert