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TV-Kritik "Günther Jauch": Wer mag mit Angie spielen?

Am Thema Koalitionspoker kann man sich zu Tode quasseln. Günther Jauch kümmert das nicht. Was sein Talk bringen soll, man weiß es nicht. Ein bisschen Soap-Opera gibt es zu allem Übel gratis mit dazu.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Eben noch haben im "Polizeiruf 110" Kommissar und Spurensicherung behutsam "Heile, heile Gänschen" gesungen, nun ist Günther Jauch an der Reihe, und man könnte sagen, er schaltet sich ein mit dem Abzählreim "Ene, mene, miste". Kindergeburtstag am Sonntagabend, wenn man nur wüsste, wem man gratulieren sollte.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte neulich zumindest die Puste, zig gelbe und - kaum - brennende Kerzen auszublasen. Aber wer überhaupt mag denn mit Angie spielen? Wer müsste sich beim Topfschlagen besonders ducken? Wer bleibt bei der "Reise nach Jerusalem" ohne Stuhl? Noch ist nichts entschieden beim Koalitionspoker. "Wer traut sich zu regieren?", fragt Jauch deshalb in seiner Talkrunde. Und macht damit auch nichts anderes als sich an das bereits tagelange Rätselraten dranzuhängen.

Noch mehrere Sendungen zu dem Thema?

Was das bringen soll, man weiß es nicht. Und man hat Angst, dass das noch wochenlang so weitergeht. Wenn sich die Politiker also überhaupt nicht darum scheren, sich lächerlich zu machen - "Wir machen uns ab einem gewissen Punkt in der ganzen Welt lächerlich", unkt Talkgast Julia Klöckner - dann sollten sie wenigstens Erbarmen haben mit den TV-Zuschauern und sich ihnen zuliebe zusammenreißen. Klöckners Prognose ist jedoch alles andere als verheißungsvoll: "Herr Jauch, es wird für Sie noch Anlass geben, mehrere Sendungen zu diesem Thema zu machen." Dabei verspricht die CDU-Politikerin null Erkenntnisgewinn: Jauch am Sonntagabend könne, so weist sie den Moderator resolut in die Schranken, nicht das ersetzen, was hinter verschlossene Türen gehöre.

Jauch mag solche Spielverderberei nicht gelten lassen. Also versucht er es mit "Ich sehe was, was du nicht siehst." Und er sieht: Klöckners Jäckchen ist moosgrün. Aha, eine Andeutung auf den Wunsch-Koalitionspartner? Die stellvertretende Parteivorsitzende rollt zwar nicht mit den Augen, aber es hört sich so an, als würde sie es tun. Dann kontert sie nonchalant: "Ich überlege natürlich, was ich anziehe. Ich überlege, ob ich Ihnen gefalle, Herr Jauch."

Ob sich da wohl was anbahnt? Schalten Sie wieder ein, wenn es heißt "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Und dann werden Sie auch erfahren, ob aus Günther und Claudi ein Paar wird. Denn Günther Beckstein hat glühende Worte gefunden, um sich von Claudia Roth zu verabschieden. "Ich werde die Claudi vermissen", liest er, per Einspieler zugeschaltet, aus einem Brief vor. Angesichts dieser zarten Liebeserklärung kommentiert Talkgast Winfried Kretschmann: "Da hat sich der Abend schon gelohnt." Na bitte, kaum macht Jauch auf Soap-Opera kriegt er Punkte. Wie wäre es demnächst mit einem Mode-Special: "Neue Legislaturperiode, neue Hosenanzüge - was steht Merkel wirklich?"

Da kann einem der Kopf schonmal schwirren

Zurück zur Politik. Und die ist wohl nicht so leicht zu durchschauen. Jauch zumindest meint: "Uns schwirrt der Kopf vor lauter Optionen." Dabei ist die Sache durchaus übersichtlich: Große Koalition oder Schwarz-Grün oder Rot-Rot-Grün. Und genug, um auszuzählen: Ene, mene, miste. Was es aber erst mal nicht braucht. Jakob Augstein beispielsweise plädiert entschlossen für Rot-Rot-Grün. Der Publizist sagt, er bedauere, dass die SPD dafür nicht den Mut habe. Dabei sollte sie "das mit der Macht" ernst nehmen und sich mit den Linken arrangieren, denn "die verschwinden nicht mehr".

"Die Große Koalition aber ist schlecht für das Land", so Augstein. Er verstehe nicht, was die Leute daran so toll fänden. Leute wie Wolf von Lojewski beispielsweise, der gegenüber sitzt und sich so anhört als wäre die Große Koalition das einzig Wahre. Julia Klöckner ist zwar mit ihrem Bauch, wie sie sagt, bei Schwarz-Grün, aber ihr Gehirn auch bei der Großen Koalition. Und sie betet so gleich das dazugehörige Mantra: "Mit uns gibt es keine Steuererhöhungen."

Der SPD-Politiker Thorsten Albig und Winfried Kretschmann von den Grünen haben zwar so ihre Bedenken, was die Große Koalition betrifft, für den einen ist die Person Angela Merkel schwierig, der andere sorgt sich um die Energiewende, aber letztlich geben auch sie sich geschlagen.

Laut Parteienforscher Oskar Niedermayer dauerten die längsten Koalitionsverhandlungen in Deutschland 73 Tage. Bis wann eine Regierung gebildet sein müsse, da gäbe es keine Frist. Aber: "Man müsste bis Weihnachten fertig sein", orakelt er.

Wer dann wohl mit wem Schlitten fährt?

  • Sylvie-Sophie Schindler