HOME

TV-Kritik "Maybrit Illner": Die Anarchisten kommen!

Streitthema Schulden: Soll man sie strikt abbauen und den gesellschaftlichen Frieden aufs Spiel setzen? Oder den großen Schnitt riskieren und damit den Systemabsturz? Bei Maybrit Illner wurde ein bisschen radikal gedacht - dank des Occupy-Vordenkers David Graeber.

Von Mark Stöhr

"Braune Armee Fraktion": Maybrit Illner bot den Zuschauern in ihrer Talkshow neue Perspektiven auf den Terror von rechts

"Braune Armee Fraktion": Maybrit Illner bot den Zuschauern in ihrer Talkshow neue Perspektiven auf den Terror von rechts

Ja, die Krise ist zurück. Die Schulden-, Euro- und jetzt auch noch Die-Wähler-wählen-was-sie-wollen-Krise. Und mit ihr ist der Technokraten-Talk wieder da. Der sieht so aus: Politiker und Ökonomen beugen sich über das Problem und bekleben es mit Diagnosen und Therapien, die kein normaler Mensch versteht. "Fiskalpakt", "Eurobonds", "Schuldentilgungsfond" - laufend kommen neue Konstruktionen auf den Markt. Es wird einem ganz schwindlig angesichts der Frequenz und der vielen Fachbegriffe. Und irgendwie auch ziemlich mulmig. Denn die Lösungen heißen immer anders, das Problem heißt aber immer gleich: Krise eben.

Auch bei Maybrit Illner gestern waren lange die Krisenklempner mit den technischen Termini am Zug. Jürgen Trittin plädierte für besagten "Schuldentilgungsfond", der - soweit konnte man ihm folgen - den Zinsdruck von den besonders gebeutelten Eurostaaten nehmen soll. Und Herbert Walter, der ehemalige Vorsitzende der ehemaligen Dresdner Bank, favorisierte an Stelle der "Eurobonds" so genannte "Projekt-Bonds", die die kollektive Schuldenhaftung auf bestimmte - kapiert! - Projekte beschränken sollen. Die Algebra der Anti-Systemabsturz-Administratoren ist wahrlich kein Frühlingsfest.

Arrogant wie ein Auerhahn

Wenigstens Markus Söder hatte die Tuba mitgebracht. Er trötete Parolen wie "Der deutsche Steuerzahler kann nicht für alle Schulden in Europa haften" und - schon länger nicht mehr gehört - "In Griechenland gehen viele Rentenzahlungen an Rentner, die es gar nicht mehr gibt". Söder ist der Prototyp des hässlichen Deutschen, arrogant wie ein Auerhahn, borniert wie ein Bierdeckel. Ausgerechnet neben ihm war Theodoros Paraskevopoulos platziert, ein politischer Weggefährte von Alexis Tsipras, dem Chef der radikalen griechischen Linken. Er versprach, dass Griechenland auch im Falle einer Regierungsübernahme durch Tsipras seine Schulden zurückzahlen werde. Nur halt später.

Bis vor wenigen Monaten wäre diese Talkrunde noch brav nach Hause gewackelt. Man hätte seiner Frau oder seinem Mann am nächsten Morgen beim Frühstück erzählt, dass bei Sitzungen im Kanzleramt immer Filterkaffee, nie Capuccino gereicht wird - eine Insiderinfo von Trittin. Doch die Zeiten haben sich geändert. Das Macher-Image der Technokraten ist dahin. Der Wunsch nach der großen Lösung, der umfassenderen Umprogrammierung des Systems wächst. Weniger Algebra, mehr Anarchie: Maybrit Illner hatte den zurzeit begehrtesten Mann zu dem Thema im Studio.

Schulden muss man nicht zurückzahlen

David Graeber ist Anthropologe, bekennender Anarchist und Cheftheoretiker der Occupy-Bewegung. Er erfand den Slogan "Wir sind die 99 Prozent". In seinem neuen Buch erzählt er die letzten 5000 Jahre Menschheitsgeschichte als kontinuierlichen Konflikt zwischen Gläubigern und Schuldnern. Schulden sind für den Amerikaner ein Machtinstrument. Seine Haupthese: Man muss Schulden nicht per se zurückzahlen. Wichtig ist der Mensch, nicht die moralische Verpflichtung.

Graeber ist kein Charismatiker, eher ein stiller, im Auftreten etwas ungelenker Denker. Illner behandelte ihn wie einen Schamanen, dem man nicht zu nahe kommen will, der einen gleichzeitig aber in seinen Bann zieht. Als stünde sie vor dem Orakel von Delphi, fragte sie große Fragen: Ist der Kapitalismus am Ende? Würde unser komplettes System auseinanderbrechen, wenn alle Schulden erlassen würden? Und, fast schon bang: Strebe er, Graeber, eine Art Kommunismus an oder eine Naturalwirtschaft?

"Ja", antwortete der, "der Kapitalismus könnte in seiner derzeitigen Form nicht mehr viel Zeit vor sich haben." Es gäbe keine Wachstumsmöglichkeiten mehr, der Kapitalismus habe seine physischen Grenzen erreicht. Die Schulden müssten gestrichen und das vom Finanzsektor geknebelte System durch Institutionen ersetzt werden, "bei denen jeder was zu sagen hat."

Purer Blödsinn oder Blumiges?

Reichlich Blumiges wurde da also von dem amerikanischen Anarchisten aufgetischt - und die Runde nahm es fast ohne Widerspruch hin. Ausgerechnet Walter, der Banker, bestätigte einen großen Konstruktionsfehler im System: "Seit den 70er Jahren wurde das schwächer werdende Wachstum mit Schulden ausgeglichen." Der Start der Spirale.

Eine erstaunliche Harmonie herrschte zwischen den doch so ungleichen Diskutanten. Und man fragte sich: War das pure Höflichkeit oder ist die Ratlosigkeit der Etablierten tatsächlich so groß, dass sie langsam auch bisher Undenkbares zu denken wagen? Bei Söder allerdings kann man davon ausgehen, dass er nur eines dachte: Purer Blödsinn.