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TV-Kritik "Roche & Böhmermann": Hitler-Vergleiche ohne Selbstzensur

Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen frech und innovativ sein will, dann geht es dorthin, wo es niemand sieht: Also läuft die neue Anti-Talkshow von Charlotte Roche & Jan Böhmermann auf ZDF.Kultur.

Von Jan Zier

Charlotte Roche ist wieder da. Als Talkshow-Moderatorin. Zwei Jahre, nachdem sie bei "3 nach 9" rausgeflogen ist, weil sie für Radio Bremen und Giovanni di Lorenzo irgendwie doch zu spontan, zu versaut und zu wenig bürgerlich-distinguiert war, zwei Jahre danach also darf sie nun im Spartensender ZDF.Kultur ran. "Roche & Böhmermann" heißt das einstündige Format sonntags um zehn, das die sonst auf Feuchtgebiete spezialisierte Autorin nun erfolgreich dem kleinen Digitalkanal angedient hat, gemeinsam mit dem Moderator und Satiriker Jan Böhmermann. Ein Format so kreativ, dass es das vor langer, langer Zeit auch bei Radio Bremen mal hätte geben können. Eine Talkshow für alle, die keine Talkshows mögen.

Und eine Sendung, die offensiv dazu steht, dass es nicht um irgendwelche geladenen Gäste geht, sondern eben ganz genau um das: "Roche & Böhmermann". Das hat den erfreulichen Nebeneffekt, dass hier niemand vorbeikommt, um sein neues Buch, den gerade anlaufenden Film, die eben herausgekommene CD oder wenigstens die eigene Partei zu promoten. Oder um über irgendein aktuelles Thema zu reden, den Euro, die Griechen, die Rente, was auch immer. Das unterscheidet diese Talkshow liebenswerterweise von so ungefähr allen anderen.

Wider Erwarten kommen alle Gäste zu Wort

Gäste gibt es natürlich trotzdem, und wider Erwarten kommen sie auch alle mal zu Wort, pro forma zumindest. In diesem Falle sind das Sido, der brave Mainstream-Rapper. Sven Marquardt, ein Fotograf, der auch Türsteher in dem Berliner Techno-Club "Berghain" ist. Marina Weisband, die bis vor Kurzem Bundesgeschäftsführerin der Piratenpartei war. Britt Hagedorn, die auch Moderatorin ist, aber im fiesen Privatfernsehen. Und Jorge González, gelernter Nuklearökologe und "Germany's Next Topmodels" schwuler Catwalktrainer.

Von ihm erfahren wir, dass er genauso wenig Ökostrom bezieht wie Sido, der neuerdings auf Vorbild macht. Von Marquardt hören wir, dass er nicht so gerne kifft, und von Hagedorn, dass ihr davon kotzübel wird, auch wenn sie sonst gerne "etwas derber ins natürliche Sein" eintaucht. Am meisten Redezeit außer den Protagonisten der Sendung ergattert Frau Weisband, die uns erzählt, dass man von der eigenen politischen Wichtigkeit richtig abhängig werden kann, dass andererseits aber auch jeder irgendwie Politiker ist.

Frech, eitel, ironisch und innovativ

Wie gesagt, es geht also nicht wirklich um etwas. Aber das zu wollen, hat hier auch niemand ernsthaft behauptet. Das wichtigste an den Gästen sind deshalb die lakonischen Filmchen, mit denen sie präsentiert werden und die ein wenig an die NDR-Satiresendung "extra drei" erinnern. Selten kamen Hitler-Vergleiche so subtil und sympathisch daher wie hier.

Ansonsten gibt es bei "Roche & Böhmermann" neben edlem Whiskey und allerlei Retro-Charme viele kreative Ideen - von denen aber noch nicht alle wirklich funktionieren. Die Sache mit dem Buzzer etwa, einer Klingel, die der Selbstzensur dienen soll, aber nicht mal von den Moderatoren wirklich genutzt wird.

"Roche & Böhmermann", das ist öffentlich-rechtliches Fernsehen so frech, eitel, ironisch und innovativ, wie es nie sein darf, wenn die Gefahr besteht, dass das auch wirklich Leute gucken. Der Marktanteil von ZDF.Kultur liegt aktuell bei 0,1 Prozent. Das sind im Schnitt irgendwas zwischen 40.000 und 100.000 Menschen. Aber immerhin: Sie trauen sich wieder. Und vielleicht strahlt es ja doch aus.

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