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TV-Kritik "Schlag den Raab" Verschlaf den Raab


Für die einen war es "Schlag den Raab", für die anderen die längste Schlaftablette der Welt. Wer jedoch bis zum frühen Sonntagmorgen durchhielt, erlebte schlussendlich doch noch ein wenig Drama und Tränen.
Von Ingo Scheel

Steven Gätjen wird kaum bewusst gewesen sein, und das ist nicht wirklich neu, was er da eigentlich gesagt hatte. Und wie sträflich seine Aufforderung den Rest des Abends, ja, des frühen Morgens ignoriert werden sollte. "Ihr könnt ruhig ein bisschen Gas geben", waren seine Worte. Stefan Raab und Kontrahent Alexander, Zollhundführer am Frankfurter Flughafen, stiefelten allzu gemächlich in die obere Etage des ans Studio grenzenden Schwimmbads, Richtung Eis-Rennstrecke. "Pedalo", das erste Spiel, hatte Raab gewonnen. "Stimmt's" konnte Alexander für sich entscheiden. Früh hatte er damit das Schicksal abgewendet, das seinen Vorgänger ereilt hatte. Zu null hatte Berufssoldat Oliver in der letzten Sendung verloren.

Im dritten Spiel nun stand "Eis-Kart" auf dem Programm. Gas gegeben wurde hier jedoch zum ersten und letzten Mal in der 33. Ausgabe von "Schlag den Raab". Wer dem Rennrichter bei einer der wortreichsten Regelerklärungen seit Hans Rosenthals "Dalli-Klick" zuhörte, dabei ungeduldig Nüsschen in die Knabberampel nachfüllte, der ahnte bereits, dass es diesmal zäh werden würde. Und wer bei "Unser Star für Baku" schon staunte, wie man so wenig Programm in so viel Sendezeit verpacken kann, dem präsentierte sich Raab und sein Team erneut als unbarmherzige Zerdehner der Zeit.

21.36 Uhr zeigte das Zeiteisen, als das dritte (!) Spiel gestartet wurde. Am Ende wurde es "ein enges Höschen", wie Kommentator Frank Buschmann süffisant kommentierte, Raab punktete knapp zur 4:2-Führung. Enge Höschen gab es auch beim nachfolgenden Spiel. Vom Rennanzug ging es in die Badebüx, vom Eis-Parcours hinab unter die Wasseroberfläche. Ringetauchen war angesagt. Raab hatte hier das Nachsehen. Und so ging es schließlich ein paar Runden ausgeglichen und spannungsarm weiter. Raab kassierte, Alex blamierte und mittendrin zeigten zwei Jungs von Mando Diao im Showblock, wie es aussieht, wenn man auf der Suche nach Bühnenoutfits fürs neue Projekt in den Altkleidersäcken von Gregorian wühlt.

Gähnen beim x-ten Durchlauf

Den zähesten Spielblock, seit man zuletzt Grautiere mit vier Buchstaben auf 9Live raten konnte, bot schließlich Spiel 6. Aus blauen Maiswürmer und etwas Wasser sollten die Kontrahenten eine Kette zwischen zwei Pfeilern basteln. Selten wurde Primetime im TV so zäh in den Orkus gesendet wie hier. Gefühlte drei Tage benetzten die beiden die blauen Würmer, klebten und bappten zusammen, fluchten und verwarfen, probierten erneut, bis Alex schließlich gewann. Auf der "Schlag den Raab"-Facebook-Seite ahnte man da bereits, dass es nicht eben besser werden würde. "Jetzt kommt Tischdecke", kommentierte ein Fan namens Marvin, "Gääähn" erwiderte Markus, "Heute ist sehr langweilig", brachte es Birgul auf den Punkt.

Tischdecke - das bedeutete, selbige unter Gläsern wegzuziehen, ohne dass diese vom Tisch fallen oder kaputt gehen. Sieht einmal gut aus, sieht zweimal toll aus, macht auch beim dritten Mal noch Ah, beim x-ten Durchlauf aber eben nur noch "Gähn". Eine geschätzte Stunde beackerten sich die beiden, bis Alex das Spiel schließlich für sich entschied. Wer jetzt noch wach war, erlebte, wie Raab bis auf 57:21 davonzog und gerade als man meinte, dem drögen Drama würde nun endlich ein verdientes Ende gesetzt werden, stieg der Sympath-Mann vom Frankfurter Zoll kurzzeitig wie Phoenix aus der Asche. Gewann das Glücksrad und wusste danach allzu genau, wo was liegt. Beim Geographie-Spiel erwies sich der Herausforderer als äußerst kompetent und erspielte sich schließlich einen nicht mehr für möglich gehaltenen Matchball.

Kurz vor zwei Uhr war es zu diesem Zeitpunkt und wer jetzt noch einmal mit Kissenabdruck im Gesicht auf der heimischen Couch aufwachte, der kam schließlich in den Genuss eines allzu tragischen Finales. "Torwand" hieß das entscheidende Spiel. Nicht etwa der Sportstudio-Klassiker - links oben, rechts unten je ein kreisrundes Loch, knapp über Ballgröße - sondern eine stark vereinfachte Variante mit einem riesigen Loch in der Mitte. Das Ende kam jäh, abrupt und schmerzvoll. Raab lupfte die Pille so ungelenk wie effektiv in die scheunentorgroße Öffnung. Alex dagegen versemmelte. Aus, aus, aus - das Spiel war aus. Fassungslos brach der Herausforderer zusammen, wurde unpassenderweise von Konfetti berieselt und auch "One Moment in Time" von der seligen Whitney dürfte wenig Trost gespendet haben. Fünf Minuten große Gefühle für knapp sechs Stunden Vorspiel - eine ungleiche Rechnung an diesem überlangen Show-Samstagabend.

Ingo Scheel

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