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TV-Kritik "Wetten, dass ..?": Lustig, lustig, tralalalala

Boris Becker und Michelle Hunziker sollten "Wetten, dass ..?" zu altem Glanz verhelfen. Genützt hat's wenig. Dann brach auch noch der Shitstorm über Markus Lanz herein.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Erfüllt das Christkind wirklich jeden Wunsch? Und wenn ja, kann es dann auch machen, dass "Wetten, dass…?" abgeschafft wird? Denn so viel Glühwein kann man gar nicht runterkippen, um sich die Sendung schön zu trinken. Auch Fremdschäm-Momente und der obligatorische grobe Schnitzer blieben nicht aus. Dabei hat alles so schön angefangen.

"Kurz vor Weihnachten, da haben sich alle lieb", stellte Markus Lanz in der jüngsten Ausgabe der ZDF-Sendung am Samstagabend fest, die diesmal aus Augsburg kam. Vielleicht war's auch ein versteckter Appell. Nach dem Motto, alle haben sich gefälligst lieb zu haben. Kollektive Herzenswärme. Und niemand meckert mehr gegen Markus Lanz. Der nämlich hatte den Medien vorgeworfen, sie würden seine Show kaputt schreiben.

In einem aktuellen stern-Interview ließ er seinem Ärger freien Lauf. Darin beschuldigte er vor allem Online-Medien, sie würden ihn attackieren, um mehr Klicks zu kriegen. Doch was tun, wenn kaum Anlass ist, "Wetten, dass..?" zu loben? Lanz wirkte zwar nicht mehr so verbissen musterschülerhaft wie sonst, fast schon könnte man ihn lässig nennen, was aber, sorry, am hohen Langeweile-Faktor nichts änderte. Hier eine Zusammenfassung.

Der Höhepunkt des Abends

Den wollte eigentlich Boris Becker für sich verbuchen. Via Twitter legte er bereits Tage vorher seine Köder aus. "Vielleicht gibt's ja wieder eine #news wie beim letzten Mal", gab er sich geheimnisvoll. Damals hatten Lilly und er ihre Hochzeit angekündigt. Nun machten Baby-Gerüchte die Runde. Dann saß Becker auf der Couch, nebendran Gattin Lilly, und Lanz geiferte nach der Sensation, die jetzt wohl verkündet werden würde. Stimmt doch, oder? "Ich muss alle enttäuschen. Meine Twitter-Hand geht manchmal mit mir durch. Meine Augen lassen nach. Ich sehe manchmal gar nicht, was ich schreibe", plapperte Boris. Ach, so ist das: Nepper, Schlepper, Bauernfänger. Nach dem Höhepunkt des Abends wird seither verzweifelt gesucht.

Der lustigste Spruch

Auf Michael "Bully" Herbig ist Verlass. "Haben wir einen Bauern im Publikum, der Single ist? Wenn wir für den eine Frau finden, haben wir 'ne super Quote", witzelte der Comedian und Filmemacher. Ein klarer Seitenhieb auf die sinkenden Zuschauerzahlen der vergangenen "Wetten, dass..?"-Ausgaben. Lanz wollte diese Anspielung wohl nicht kapieren, überging sie einfach. Schade. Es hilft, auch mal über sich selbst zu lachen. Anstatt permanent andere ganz dringend zum Lachen bringen zu wollen, was ja doch nicht funktioniert. Und Fremdschämen garantiert. Vielleicht ist es ja Trotz, warum Lanz es dennoch immer wieder probierte. Etwa mit dieser Bemerkung, über die er sich selbst blendend amüsierte und inklusive Carpendale-Parodie vortrug: "Mein liebster Satz von Howard Carpendale ist: Früher war es nicht so wichtig, ob was falsch war oder richtig." Aha. Besser wieder rüber zu Bully. Der brachte in der Tupperdose seines Sohnes ein Pausenbrot mit. Der Grund: "Das letzte Mal hat es ja länger gedauert." Kein Brüller, aber solider Humor. Viel lustiger wurde es nicht.

Der beste Moderator des Abends

Vorgesehen für diesen Job waren bekanntlich Markus Lanz und Michelle Hunziker. Aber Ina Müller kann's halt einfach besser. In ihren hohen Hacken wäre sie zwar fast die Showtreppe hinunter gestolpert, aber auch das konnte sie nicht erschüttern. Sie saß bisweilen auf der Couch als wäre sie Gastgeberin des Abends, und es stand ihr gut. Gewohnt souverän brabbelte sie drauf los. Lieblingsthema: Hausschlachtungen, die sie als Kind oft erlebt hatte. Als sie bei Bully Schweiß auf der Stirn entdeckte und erleichtert konstatierte, dass nicht nur ihr so heiß sei, konterte der: "Ich habe Angst, dass ich geschlachtet werde." Überhaupt, Ina und Bully. Lockerten mit erfrischendem Geplänkel die Show auf. Lanz wollte da auch mitmachen. Aber: Keine Chance. Dass er sich dennoch wiederholt drum bemühte, wirkte peinlich.

Gast mit dem größten Sympathiefaktor

Das hören wir natürlich gerne, dass einer extra Deutsch gelernt hat für seinen Auftritt bei "Wetten, dass..?". ABBA-Star Björn Ulvaeus beispielsweise. Er erzählte von seinem dreiwöchigen Crash-Kurs in Deutsch. Und dieses Deutsch konnte sich sehen lassen. Er war neben Michael Bublé und Olivier Martinez der einzige internationale Gast. Keine Diva-Allüren wie man sie etwa von Hollywood-Stars kennt. Stattdessen wirkte er wie der nette Kumpel von nebenan. So viel Warmherzigkeit war selten.

Nervensäge des Abends

Kitschalarm gleich zu Beginn. Michael Bublé im Duett mit Michelle Hunziker. Schlendern durch Schneegestöber und trällern "Walkin in a Winter Wonderland". Hilfe! Man möchte schon jetzt am liebsten umschalten. Bei Michelle der Verdacht auf Vollplayback. Zumal sie, wenn sie nicht singt, nur über eine überschaubare Anzahl von Vokabeln verfügt. Wer hätte schon gedacht, dass sie Wörter wie "Winter Wonderland" drauf hat, wo sich ihre Kommentare doch meist in "Super" und "Du schaffst es" erschöpfen"? Jedes Gespräch, das sie beginnt, führt garantiert in die Belanglosigkeit. Dazu noch ihr Gekicher als Dauerstörgeräusch. Das nervt.

Die beste Wette

Sie kann innerhalb von 30 Sekunden jedes Wort nach der Anzahl der Buchstaben abzählen und diese danach alphabetisch sortieren: Nina Kaimer aus Augsburg. So mauserte sie sich zur Wettkönigin und gewann 50.000 Euro. Wer's nachmachen will kann mit diesem Beispiel üben: Koalitionsvertrag. Lösung: aaegiiklnoorrsttv. Wer hingegen ein Faible für Knäckebrot hat und zugleich für Musik von ABBA, kann es so machen wie Regina und Ralf Grafunder. Er knabberte am Knäckebrot, sie erriet an den Knuspergeräuschen, um welchen ABBA-Song es sich dabei handelte. Ein sympathisches Paar, das bei der Wahl um den Wettkönig auf Platz drei landete. Hinweis: Zum Üben verbraucht man gut 100 Packungen in vier Monaten.

Shitstorm des Abends

Auf Twitter brach ruckzuck ein Sturm der Entrüstung aus. Anlass war die Stadtwette. Die Aufgabe: 25 Paare sollten sich als Lokomotivführer Jim Knopf und Lukas verkleiden. Dazu der dann zigfach kritisierte Hinweis aus der Show: "Jim Knopf muss natürlich schwarz sein, mit Schuhcreme, Kohle, was auch immer." Auf Twitter hagelete es anschließend Rassismusvorwürfe. Mit dem besonderen Verweis auf "Blackfacing", eine rassistisch geprägte Theater- und Unterhaltungsmaskerade. Ungeschickt war die Aussage auf jeden Fall. Und die Stadtwette an Peinlichkeit nicht zu überbieten.

  • Sylvie-Sophie Schindler