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TV-Kritik zu "Anne Will": Anne - ganz allein im Thema

"Das Internet tötet unsere Kinder!" So dramatisch wollte Anne Will über Cyber-Mobbing diskutieren - im Anschluss an das Doku-Drama "Homevideo". Damit stand sie ziemlich allein da. Denn die Gäste wussten wenig zu sagen.

Von Sophie Lübbert

Mit ein bisschen Humor macht selbst Mobbing mehr Spaß. Das weiß auch Anne Will und versucht es zu Beginn der Sendung mit einem kleinen Witz zur Auflockerung ihrer Runde: "Wir sollten keinen Sex mehr haben", schlägt sie grinsend vor. Dann könne auch niemand mehr pornografische Videos ins Netz stellen. Leider ist Wills Bemerkung so unpassend wie diese Ausgabe ihrer Talk-Sendung unnötig.

Denn das Thema, dessen sie sich annehmen will, lautet: Cyber-Mobbing. Inspiriert durch den Film "Homevideo", der zuvor in der ARD lief, möchte Will über virtuelle Diffamierung von Jugendlichen sprechen. Das Problem ist: Es gibt nichts zu diskutieren - so sehr die Moderatorin auch bemüht ist, das Thema als aufregendes, neues Phänomen zu verkaufen.

"Ich kenne da andere Statistiken"

"Cyber-Mobbing bedeutet Mobbing im Internet", lässt sie die Zuschauer und ihre Gästerunde mit beschwörender Stimme wissen. Dann rattert sie stolz Statistiken herunter: Jeder dritte Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren habe schon Erfahrung mit virtuellem Mobbing gemacht. Bei solchen Zahlen scheint eine Diskussion überfällig. Gut, dass Will sich endlich darum kümmert - oder auch nicht. Denn Wills Gäste mögen der Moderatoren-Meinung nicht folgen.

"Ich kenne da andere Statistiken", erklärt Webaktivistin Anke Domscheit-Berg, in der Runde offenbar als Buhmann vorgesehen. Nur: Sie verweigert die zugedachte Rolle und hat selber Zahlen mitgebracht. Die zeichnen ein weniger dramatisches Bild; das virtuelle Mobbing habe sogar abgenommen. Außerdem biete das Internet auch Hilfe für Opfer: In Chatrooms oder Foren könne jeder Hilfe von ähnlich Betroffenen bekommen.

Cyber-Mobbing ist nicht die Regel

Doch so leicht lässt sich Will ihr Thema nicht kaputt machen. "Ist doch alles so irre schnell im Internet", haucht sie und blickt hilfesuchend die anderen Gäste an. Aber auch die sind anderer Meinung.

Jugendpsychiater Michael Winterhoff empfiehlt wenig überraschend einen Besuch beim Jugendpsychiater und betont seine Erfahrung in der Behandlung von Tätern und Opfern. "Cyber-Mobbing ist nicht die Regel", fügt er zum Entsetzen der Moderatorin hinzu, die virtuellen Diffamierungen seien nur ein Teil des gesamten Psychoterrors. Und da gelten althergebrachte Weisheiten: Jeder kann zum Opfer werden.

"Wir haben hier eine Diskussion über Mobbing"

Und jeder kann Talkshowgast bei Will werden, selbst wenn er nichts zu sagen hat. So wie Lisa Loch, die vor zehn Jahren dank ihres Namens eine kurze, schmerzhafte Karriere bei Stefan Raab hinlegte. Raab machte sich über sie lustig, daraufhin wurde sie in der Schule gemobbt. Aber jetzt ist alles wieder gut, weil Raab Schmerzensgeld zahlte. Schön. Findet auch Lisa, die im dekorativen Cocktailkleid dasitzt und wenig sagt, wovon zudem gar nichts im Gedächtnis bleibt - zu lange her, zu weit weg vom eigentlichen Thema und zu positiv, um die eventuelle Brisanz des Themas der Sendung zu illustrieren.

Das schafft auch Lehrer Wolfgang Kindler nicht, der als "Mobbing-Experte" angekündigt ist. Fachkundig analysiert er: "Wir haben hier eine Diskussion über Mobbing". Gut, dass es endlich jemand bemerkt hat - nur hat auch er nichts zu sagen. An seiner Schule gebe es zwar Mobbing, aber nicht unbedingt virtuelles und auch nicht mehr als früher, gibt er zu. Er scheint fast ein schlechtes Gewissen zu haben, dass er der enttäuschten Will keine besseren Nachrichten überbringt. Genau wie Rechtsanwalt Christian Schertz, Spezialist für Medienrecht, der kurz von seinen eigenen Cyber-Mobbing-freien Schulerfahrungen aus den 80er Jahren berichtet und dann kaum mehr etwas sagt.

"Frieden werde ich wohl nicht finden"

Die Sendung kommt erst in Fahrt, als Michaela Horn auftritt. Ihr 13-jähriger Sohn wurde virtuell gemobbt und brachte sich daraufhin um. Horn weiß bis heute nicht, wer ihn so weit getrieben hat - Facebook verweigert ihr die Accountdaten ihres Sohnes, die IP-Adresse des Täters kann sie so nicht rausfinden. Horn ist so aufgewühlt, dass sie kaum sprechen kann. "Frieden werde ich wohl nie mehr finden", sagt Horn, aber das interessiert Will kaum. "Man muss sich wehren", liest sie von ihrer Moderationskarte zusammenfassend ab und hat damit Recht - vor allem gegen überflüssige, hysterische Sendungen wie diese hier.