HOME

TV-Kritik zu "Ich kann Kanzler": Allison siegt beim Kuschel-Casting

Beim Casting zur Kanzlerwahl im ZDF haben sich alle lieb. Schließlich geht es um die gute Sache: den Einsatz gegen die Politikverdrossenheit.

Von Jan Zier

Ist es noch Casting - oder ist es schon Talkshow? So ganz genau weiß man das nicht bei "Ich kann Kanzler". Am Ende ist's ein bisschen was von beidem, garniert mit etwas gutmenschlichem "Voice of Germany"-Flair und biederer Quizshow-Romantik. Die Idee hinter der Show ist für das ZDF verlockend. Das Fernsehen kontrolliert die da oben nicht nur irgendwie mit, sondern kürt sie gleich selbst. Auch wenn das Ganze in diesem Falle bloß ein gut gemeinter Appell gegen die allgemeine Politikverdrossenheit ist. Eine Art Schaulaufen für all jene politischen Ideen ist, die so keine parteipolitischen Mehrheiten finden. Und im wahren Leben da draußen an Lobbyinteressen aller Art scheitern werden.

Allison Jones also kann Kanzlerin. Und für die 22-jährige Deutsch-Amerikanerin ist es an diesem Abend ein klarer, ungefährdeter Start-Ziel-Sieg, auch wenn sie am Ende "nur" 58,4 Prozent der Zuschauerstimmen auf sich vereinigen kann. Zum Vergleich: Bei der ersten Staffel im Jahr 2009 gewann ein gewisser Jacob Schrot (CDU), damals 18, mit 72,6 Prozent. Die "Süddeutsche" nannte ihn danach "Germany's Next Topstreber". Von ihm gehört hat man nichts mehr. Aber immerhin war er nicht im Dschungelcamp.

Allison Jones, Jura-Studentin an der Uni Mainz, Tochter einer Alleinerziehenden, ist in Debattierclubs gestählt und findet, dass es "heutzutage eher eine Strafe ist, Kinder zu kriegen". Entsprechend profiliert - oder soll man sagen: einseitig? - ist ihre "Idee für Deutschland", wie sie das beim ZDF nennen. Sie will das Kindergeld nach dem ersten Lebensjahr streichen, das Land flächendeckend mit kostenlosen Kindergärten versorgen, und alle Kids ab vier zwangsweise dorthin schicken. Das Ehegattensplittung würde sie abschaffen, dafür ein Familiensplitting einführen.

Keine Küken aus dem Debattierclub

Zeigte die ersten Staffel nur Nachwuchskräfte am Anfang einer beruflichen Karriere, waren nun auch jene zugelassen, die älter als 35 sind und nicht mehr zu "Jugend debattiert" dürfen. Zum Beispiel Hans Bulach, 44, ein Unternehmensberater aus Bayern und Chef einer Zeitarbeitsfirma. Ein wahrer Verkäufer, der mit dem Charme seines Dialekts und dem Slogan "ich bin einzig, nicht artig" antrat. Zunächst abgeschlagen. Dann kämpferisch. Schließlich im Finale. Bulach will "die Ampel am schwarzen Mast sein", er will, dass alle in die Sozialkassen einzahlen, Manager maximal eine halbe, mit Boni eine ganze Million verdienen und überhaupt alle Subventionen streichen. Maybrit Illner, die gemeinsam mit Politikberater Michael Spreng und Comedian Oliver Welke die Jury bildet, nennt ihn eine Kreuzung aus Franz-Josef Strauß und Claudia Roth. Das trifft es. Vielleicht erklärt das seinen Erfolg an diesem Abend.

Wobei, einer der vielleicht wirklich noch politische Karriere macht, ist Leslie Pumm, der einzig bekennende Parteipolitiker in der Runde, ein 18-jähriger Deutsch-Amerikaner, einer der Guido Westerwelle zum Vorbild hat, für Wahlen ab 16 und die Ehe für alle ist. Die FDP, sagt er, das war "Liebe auf den ersten Blick". Davon gibt es nicht mehr sehr viele in diesem Land. Für diese Liebe erträgt er viel Hohn und Spott. Das ehrt ihn, irgendwie. Das könnte glatt für einen Posten bei den Liberalen reichen.

Erfreulich kurzes Kuschel-Casting

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch eine Piratin mit der Runde war, die 45-jährige Susanne Wiest, standesgemäß per Online-Wahlkampf ins Finale eingezogen, eine Tagesmutter aus Greifswald, die liebenswert naiv für das bedingungslose Grundeinkommen wirbt. Und das Berthold Wagner, 34, aus Iserlohn die Quote der alternativen Kreativen erfüllt. Der Sozialarbeiter und Musiker mit dem geflochtenen Ziegenbart fordert einen Spitzensteuersatz von 80 Prozent - sein Slogan: "Die Reichen machen uns schuldenfrei". Immerhin war er mal Bürgermeisterkandidat und als solcher erfolgreicher als FDP und Grüne.

Am Ende dieses erfreulich kurzen Kuschel-Castings bekommt eine junge Studentin 18.000 Euro, um ein Auslandssemester in Japan zu bezahlen. Und sonst? Hier scheitert niemand tränenreich. Hier triumphiert niemand. Hier wird niemand vorgeführt. Hier ist alles politisch korrekt. Hier wird kein Star geboren - und schon gar keine Kanzlerin. Aber immerhin hatten hier nicht nur Streber aus den Jugendorganisationen etablierter Parteien das Sagen. Und fremdschämen muss man sich auch nicht.