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TV-Kritik

"Maischberger – Die Woche": Panik auf allen Ebenen: Werden Menschen "geopfert, um Cafés am Leben zu halten?"

Wir alle befinden uns in einem deutschlandweiten Testfeld. Kommen die Corona-Lockerungen zu spät oder zu früh? Im TV-Talk von Sandra Maischberger stiegen Christian Lindner und Karl Lauterbach im Streit um die richtige Corona-Strategie in den Ring. 

von Andrea Zschocher

Bei Sandra Maischberger diskutierten die Gäste um die richtige Corona-Strategie

Den einen geht es zu schnell, den anderen kann es nicht schnell genug gehen - bei Sandra Maischberger diskutierten die Gäste um die richtige Corona-Strategie

"Der Schalter ist umgelegt, von verboten zu erlaubt", sagte Sandra Maischberger zu Beginn ihrer Sendung. Und zweifelte dann den ganzen Talk über daran, ob das so eine gute Idee ist, mit all den Lockerungen und den Entscheidungen auf Landesebene. So wie Maischberger geht es sicher vielen Menschen dieser Tage. Es gibt die, die die Lockerungen kaum erwarten können, die agieren wollen, als sei Corona plötzlich vorbei. Und dann sind da jene, die zur Besonnenheit mahnen, die den Lockdown noch etwas aufrecht erhalten wollen, weil nicht so klar ist, wie die Alternative aussieht. Dazwischen stehen viele Bürger und wissen nicht recht wohin mit sich.

Zu Gast bei Sandra Maischberger waren:

  • Peter Altmaier, CDU (Bundeswirtschaftsminister)
  • Christian Lindner, FDP (Bundesvorsitzender)
  • Karl Lauterbach, SPD (Gesundheitsexperte)

Sowie als Kommentatoren:

  • Eva Quadbeck (Parlamentskorrespondentin)
  • Johannes B. Kerner (Moderator)
  • Gabor Steingart (Journalist)

Panik auf allen Ebenen

Bei "maischberger – die woche" bildeten insbesondere Karl Lauterbach und Christian Lindner die beiden gegensätzlichen Pole der Gesellschaft ab. Wieso genau diese Beiden seit Wochen durch alle Politiktalkshows Deutschlands tingeln, ist klar: Sie verbreiten so schön Panik. Der eine warnt vor einem zweiten Lockdown, dem anderen gehen die Öffnungen nicht schnell genug. "Als Epidemiologe ist das für mich ein gefährlicher Tag", erklärte Lauterbach. "Wir brauchen jetzt Glück", warnte er und erklärte, dass seiner Auffassung nach, nicht jedes Bundesland selbst entscheiden sollte, wie es mit Lockerungen verfahren will. Auch die Neuinfektionsrate mit 50 Infizierten pro 100.000 Einwohner sei ihm zu hoch, er hatte, wie Angela Merkel, für 35 plädiert.

Lockerungen: Für und Wider

Christian Lindner dagegen fand die Lockerungen verantwortbar und glaubt, dass die Bürger inzwischen genug Kompetenzen erworben haben, sich gegen das Virus zu schützen. Auch die Versorgungskapazitäten seien hochgefahren worden, so dass er optimistisch in die nahe Zukunft blicke. Man solle, so Lindner, nicht nur nach Italien schauen, sondern auch mal nach Schweden schielen. Immerhin "nähern wir uns dem schwedischen Weg an", was Lindner positiv bewertete. Schweden handelt unverantwortlich, die Sterberate in dem recht dünn besiedelten Land ist drei bis viermal so hoch wie in Deutschland, warf Lauterbach ein. Und überhaupt würden viele ältere Menschen "geopfert, um Cafés am Leben zu halten". Lindner konnte über solche Äußerungen nur den Kopf schütteln, für ihn kommen die beschlossenen Lockerungen viel zu spät. Für den FDP-Politiker hat aktuell nur eine Frage Priorität: Wie bekommen wir Leben in die Wirtschaft? Seine Vorschläge: Zusammenlegung der Steuerjahre 2019 und 2020 und massives Investieren in Forschung und digitale Technologien. Das ist insbesondere auch deswegen interessant, weil Lindner sich in einer anderen Talkshow noch über die Virologen und ihre Forschung beschwerte, die sich in Coronazeiten beinahe täglich weiterentwickelt.

Gezielter Schutz für einige wenige

Christian Linder forderte statt drakonischer Maßnahmen für alle den gezielten Schutz für einige. Wie genau dieser Schutz aber aussehen soll, blieb offen. Ebenso unklar: Wer soll denn geschützt werden? Es ist immer nur die Rede von älteren Menschen, nur sind sie ja nicht die einzige Risikogruppe. Was passiert mit all den anderen, die auch ein erhöhtes Risiko haben, an Corona zu erkranken? Müssen sie der Wirtschaft zur Verfügung stehen, komme, was da wolle?

Weitere Themen:

  • Die Fußball-Bundesliga soll ab dem 15. Mai wieder starten. Und das, wo doch jüngst Hertha BSC-Spieler Kaboule in einem Video recht eindrucksvoll zeigte, dass das mit dem Abstand halten so gar nicht klappt. Johannes B. Kerner hielt diese Lockerung für einen schwierigen Weg, insbesondere auch deswegen, weil er Millionen Kinder benachteiligte. Denn die dürfen nach wie vor nicht im Turnverein trainieren und gemeinsam Sport betreiben, wohingegen für die Fußballer andere Maßstäbe gelten.
  • Nochmal zur Wahl, Angela Merkel? Tritt die Bundeskanzlerin doch noch mal zur Wahl an? Die Frage wurde länger diskutiert, auch wenn Merkel immer betont hatte, dass sie für eine weitere Amtszeit nicht zur Verfügung steht.
  • Was passiert mit den Familien? Wieso werden Schwimmbäder und Biergärten geöffnet, bevor die Frage nach Öffnungen von Kitas und Schulen diskutiert wird. Sandra Maischberger arbeitete sich den Talk über mehrfach an dieser Frage ab, kein Gast konnte ihr eine Antwort geben. Das Thema wurde immer wieder ignoriert. Es bleibt der Eindruck, dass Familien hinter der Wirtschaft zurückstehen müssen, obwohl auch sie Teil der Wirtschaft sind. Ein Ausbau der Notbetreuung wird nicht reichen, um Familien zu entlasten.
  • Ist die Exitstrategie geordnet oder wurde sie auf Druck der Politiker und Wirtschaft beschlossen? Es gab keine einhellige Antwort auf diese Frage.
  • Gibt es eine Rezession? Deutschland wird den drohenden Liquiditätsengpass bereinigen, allerdings ist es möglich, dass wir den Anschluss ans Digitale verpassen. Gabor Steingart warnte davor, dass mit dem von der Bundesregierung zur Verfügung gestellten Geld Firmen gerettet werden, die in naher Zukunft von der Digitalisierung sowieso abgehängt worden wären.
#Lockerungen und Angela Merkel: "Schaut ihr auch gerade das Staffelfinale von 'Coronakrise'?"

Sandra Maischberger fragte auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, wie sich Corona auf die Wirtschaft auswirken wird. "Woher soll ich das wissen? Ich bin kein Hellseher", gab Altmaier darauf entnervt zurück. Klar ist also bei allen Lockerungen wohl nur das: Momentan ist nicht absehbar, was diese Öffnung zur Normalität für uns alle bedeuten, es ist trial and error.