HOME

TV-Kritik zu "Schlag den Raab": Zumbatrainer zu zahm

Der Jackpot lag bei zwei Millionen Euro. Um den Zumba-tanzenden Rechtsanwalt Pio zu besiegen, musste Stefan Raab nicht einmal die Sendung überziehen. Stargast Miley Cyrus blieb überraschend angezogen.

Von Simone Deckner

Die längste Show des deutschen Fernsehens ist aus der Sommerpause zurück: "Schlag den Raab", das heißt immer noch: Absurde Spiele mit absurden Namen, Kandidaten am Rande des körperlichen Verfalls und ein Stefan Raab, der immer alles anfassen und besser wissen will. Weil selbst hart gesottene Zuschauer nicht viereinhalb Stunden aufmerksam zuschauen können, kommt hier unsere Zusammenfassung der nächtlichen Ereignisse: das "Best Of" aus "Schlag den Raab" vom 7. September:

Sympathiefaktor des Herausforderers

Groß. Pio stellt als Rechtsanwalt Produktpiraten nach - okay, das ist jetzt nicht per se sympathisch. Dafür ist es sein Hobby umso mehr. Er lehrt Zumba. Wem das nichts sagt: Fiese, schweißtreibende Trendsportart, ungefähr 1000-mal anstrengender als Bauch-Beine-Po. Außerdem lacht Pio nett. Wenn er gewinnt, will er all seine auf der ganzen Welt verstreuten Familienmitglieder zu einer Party einladen. Sympathisch nervös ist er noch dazu. Schon beim zweiten Spiel unterläuft ihm ein Versprecher, der in die Annalen eingehen wird. Gesucht ist der AC/DC-Song "Thunderstruck", den Pio zu "Stairway To Hell" macht.

Das Spiel, das man am liebsten nachspielen möchte

Eindeutig "Smart DJ". Die Kontrahenten drehen in einem Auto (muss kein Smart sein) Runden über eine überdimensionale Schallplatte auf dem Boden. Wenn sie Gas geben, erklingt der Song, den sie erraten müssen. Je schneller sie fahren desto schneller bewegt sich der imaginäre Plattenspieler. Das führt zu schrägen Tönen und dazu, dass selbst ein Musikfuchs wie Raab teilweise ganz schön alt aussieht. "Pokerface" von Lady Gaga hält er etwa für "Ma Baker" von Boney M. Das Nachmachen wird allerdings an der technischen Umsetzung scheitern. So was geht nur im Fernsehen. Verdammte Axt.

Der beste Buschi-Spruch

Als Raab und Pio sich bei "Handball" die Bälle mit der Wucht von Wattebäuschen zuwerfen: "Pio hat das Handballspielen auch nicht erfunden. Er ist auf einem Stairway to Hell."

Erster Ausschaltimpuls

21:55 Uhr. Werbung. Rüberzappen zu Vox. Die zeigen eine Doku über Karl Lagerfeld. Gerade wird erklärt, dass Lagerfeld am liebsten per Fax (!) kommuniziert. Verleger Gerhard Steidl berichtet: "Wenn ich nicht innerhalb von zehn Minuten antworte, kann der Karl ungemütlich werden." Werbepause bei Raab vorbei. Mist.

Zweiter Ausschaltimpuls

22:08 Uhr. Nach Spiel 5 geht Raab 14:1 in Führung. Den einzigen Punkt hat Pio im ersten Spiel damit geholt, dass er Schnürsenkel schneller zubinden konnte als Raab. Puh. Twitterer zeigen unter dem Hashtag #sdr erste Enttäuschungserscheinungen. Stichworte, die fallen: falsches Pferd, wie die eine Frau damals, was sendet pro7 dann ab 23.15 Uhr? Lieblingstweet: "Was hier fehlt ist Pio-niergeist!"

Der Höhepunkt des Abends

Ein Spiel namens "Eier werfen", in dem rohe Eier über eine Art Stabhochsprunganlage gelupft und heil wieder aufgefangen werden. Führt zu jeder Menge Eiermatsch auf dem Fußboden und anzüglichen Sprüchen. Moderator Steven Gätjen: "Ja, Stefan: Eier werfen, nicht schaukeln". Sportmoderator Frank "Buschi" Buschmann findet es "spektakulär". Raab wacht aus seinem tranceähnlichen Zustand auf, weil Pio endlich mal auf Augenhöhe agiert. Im Sudden Death siegt der Herausforderer schließlich.

Der schönste Wutausbruch von Raab

Passiert beim Spiel "Länder schmecken". Beide bekommen Buchstaben, die sie im Mund abtasten und so Ländernamen zuordnen müssen. Raab dominiert. Dann löst Pio und gibt mit "Nepal" die richtige Antwort. Raab: "Wie, Nepal? Ich hatte nur drei Buchstaben und hab’ mich schon gefragt, welches Land Alp, Pal oder Lap sein soll." Als Gätjen zögert, legt Raab nach: "Ihr könnt mich doch nicht für eure Fehler verantwortlich machen!" Wie sich herausstellt, hängen die fehlenden Buchstaben im Behälter fest. Der Notar erklärt den Durchgang für ungültig. Raab gewinnt das ganze Spiel kurze Zeit später.

Fehlentscheidung des Abends

Selten war Raab so gesittet. Kaum Gezeter, nur selten fragt er nervig nach. Weil er sich sicher fühlt. Zu sicher. Daher muss man leider sagen: Die Fehlentscheidung war es, Pio zu wählen. Er überzeugt weder bei den Sport, noch bei den Wissensspielen. Es fehlt der Biss oder wie Buschi sagt "die Portion Wahnsinn." Der tätowierte Animateur oder der reitende Bierbrauer hätten es besser gemacht. Kann man sich wenigstens einreden.

Der Satz des Abends

"Niederlagen verdränge ich." Stefan Raab spricht sein Erfolgsgeheimnis aus. Er muss aber erst mal nichts verdrängen. Er gewann das vierte Mal in Folge und das 29. Mal von insgesamt 42 Sendungen.

Gefühlte Dauer

Kaugummilang. Obwohl es Raab tatsächlich mal in der offiziellen Sendezeit von viereinhalb Stunden geschafft hat. Zu klar war er dem Kandidaten überlegen.

Merkwürdigster Musik-Act

Miley Cyrus. Trat aus Furcht des Senders vor ähnlichen Schweinereien wie kürzlich bei den "Video Music Awards" erst nach Mitternacht auf. Ihren schlimmen Schaumstoffinger hatte sie zum Glück in Amerika gelassen. Forderte Elton nicht auf, ihr den Robin Thicke zu machen, und wackelte auch gar nicht soooo anstößig mit dem Pop, neudeutsch Twerking genannt. Trat dafür aber mit einer Band auf, die ausschließlich aus Kleinwüchsigen bestand. War emanzipatorisch gemeint. In "We Can’t Stop" geht es darum, zu tun und lassen, was man will. Erkenntnis: Miley kann es halt nur mit der Holzhammermethode.

Sieger der Herzen

Eindeutig der neue Vollbart von Moderator Steven Gätjen. Raab zur Begrüßung: "Wer sind sie?" Nur vereinzelt "Hipster"-Schmähungen. Die Frauen bei Twitter sind mehrheitlich begeistert ob des haarigen Zuwuchses: "Das einzig gute heute an #sdr."

Hier können Sie der Autorin auf Twitter folgen.