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TV-Kritik zu Maybrit Illner: Grassierende Ängste

Mag der Gehalt von Günter Grass' Gedicht auch dürftig sein - die Wogen schlugen auch bei Maybrit Illner hoch. Neues gab es kaum, aber immerhin sorgten einige nüchterne Betrachtungen für eine interessante Sendung.

Von Christoph Forsthoff

"Braune Armee Fraktion": Maybrit Illner bot den Zuschauern in ihrer Talkshow neue Perspektiven auf den Terror von rechts

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"Ich finde diese Diskussion völlig überzogen" - vielleicht brauchte es wirklich eines weisen alten Mannes, um einmal ganz nüchtern zu sagen, was gesagt werden muss: "Aus einem missratenen Gedicht macht man eine Staatsaffäre", stellte Peter Scholl-Latour fest. "Da ist ein Zustand der Hysterie erreicht um die Person Günter Grass - so wichtig ist er auch nicht." Mehr Worte um die verunglückte Pseudo-Polit-Prosa des Literaturnobelpreisträgers hätte es in der Tat nicht bedurft, denn derer waren in der zurückliegenden Woche seit Veröffentlichung des Textes mehr als genug gewechselt worden.

Nun war Maybrit Illner wohl klug genug, um die Debatte weiterzudrehen und zu fragen "Ist Kritik an Israel wirklich ein Tabu?" Doch auch sie konnte (und wollte?) die damit einhergehende Antisemitismus-Diskussion nicht ausblenden, und so war denn auch in dieser Runde erst einmal die Feststellung zu treffen, dass Grass zwar kein Antisemit sei; in seinem Text spiele er aber "mit antisemitischen Klischees", merkte Michel Friedman kritisch an, wodurch die entsprechenden Assoziationen von selbst abliefen - "und das nimmt er billigend in Kauf".

Kritik an Israel nichts Ungewöhnliches

Das wiederum brachte Franziska Augstein auf die Palme ("eine geradezu poetische Interpretation" - nur sei davon im Grass-Gedicht nichts zu finden) und zog einen scharfen Schlagabtausch der Journalistin mit dem früheren Vorstandsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland nach sich. Und zwang Illner das erste Mal, steuernd einzugreifen, denn ansonsten hätte der der geschliffenen Rhetorik übermächtige Friedman vermutlich den Abend dominiert.

Was schade gewesen wäre: Nicht weil der Publizist nicht messerscharf zu analysieren und vor allem zu kontern verstand, als er etwa dem Grassschen Klagen über die Gleichschaltung der Medien entgegnete, "entweder stimmt etwas nicht mit dem Demokratieverständnis dieses Mannes oder er glaubt, er sei unantastbar". Nein, schade wäre es gewesen um die dann womöglich unterbliebene Offenbarung seelischer Befindlichkeiten: Derart auf den Punkt gebracht wie an diesem Abend stellten diese Psychogramme das eigentlich Neue und Interessante in der Diskussion dar - denn dass Kritik an Israel keineswegs tabu sei, sondern vielmehr längst üblich, darüber waren sich alle recht schnell einig.

Die Iraner fühlen sich diskriminiert

Doch wenn der Diplomat Avi Primor etwa formulierte, "die Israelis haben schlicht Angst, und da macht man sich große Sorgen", dann verdeutlichte dieser Satz des ehemaligen israelischen Botschafters in Deutschland die Seelenlage seiner Landsleute treffender als alle militärstrategischen Interpretationen. Es gehe nicht um einen Erstschlag, sondern darum, dass die Weltgemeinschaft sich um den Iran kümmere und die US-Amerikaner hier Verantwortung übernähmen.

Umgekehrt brachte Scholl-Latour die Gefühlslager der Iraner auf den Punkt: "Die Iraner sehen sich diskriminiert, weil sie keinen Zugang zur nuklearen Technik haben." Und verdeutlichte darüber hinaus, dass es sich hier im Grunde weniger um einen Konflikt zwischen Israel und dem Iran handle als vielmehr zwischen den saudischen Machthabern und dem Schiitentum.

Primor bemühte sich um Kontakt zu Grass

Mochten solche Äußerungen auch eher nüchtern daherkommen, so boten sie doch weit mehr Substanz als das eingespielte Grass-Geschwafel von der "Gefahr eines Dritten Weltkrieges", die von Israel ausgehe oder der deutschen Mitverantwortung durch U-Boot-Lieferungen an Israel. Oder auch die emotionalen pazifistischen Äußerungen Siba Shakibs: Immer wieder meinte die in Deutschland lebende Filmemacherin, für das iranische Volk sprechen zu können - "wir wollen gar nicht angreifen". Irgendwann platzte dann dem sonst sachlichen Primor der Kragen: "Wer sind denn 'wir'? Das iranische Volk herrscht gar nicht!"

Weit nachdenklicher stimmte angesichts der Debatte um die Grass-Äußerungen da eine andere Anmerkung Primors: Als er seinerzeit als Botschafter nach Deutschland gekommen sei, habe er hier den Kontakt zu vielen bedeutenden Persönlichkeiten gesucht - "Grass war der einzige Deutsche, der mich nicht empfangen hat". Auch sein Nachfolger habe sich sieben Jahre lang um eine Begegnung bemüht - vergebens. Scheute da der Dichter, der heute den großen Aufklärer gibt, die Konfrontation mit der eigenen Geschichte?

Christoph Forsthoff