HOME

Stern Logo Der TV-Tipp des Tages

TV-Tipp 20.8.: "11 Blumen": Kulturrevolution durch Kinderaugen

Die große Politik berührt ihn nur am Rande. Ein kleiner Junge wächst in Maos China auf. Ein ruhiger Film, der den kindlichen Blick nie verliert - unser TV-Tipp des Tages.

"11 Blumen"
22.45 Uhr, Arte
COMING-OF-AGE Als die Mauer fiel, war ich acht. Ich weiß nicht mehr, ob meine Eltern gebannt vor dem Fernseher saßen. Ob sie sich freuten oder besorgt waren, weinten oder lachten. Wahrscheinlich war ich spielen. Ich weiß nur noch, dass "Tante Mariechen aus der Zone" plötzlich zu jedem Geburtstag meiner Oma kommen durfte. Ansonsten ging das Leben in meinem kleinen Dorf weiter wie bisher. Berlin war fern. Die DDR war fern. Die große Politik und mein Leben teilten keine Schnittmenge.

Der elfjährige Wang Han (Liu Wenqing) wächst zu Zeiten der chinesischen Kulturrevolution auf. Es waren schreckliche Jahre, in denen Mao zwischen 1966 und 1976 Millionen Andersdenkende umbringen oder deportieren ließ. Dichter und Denker wurden massenweise aufs Land verfrachtet, mussten auf Äckern schuften oder Toiletten schrubben.

Wang bekommt davon nur am Rande mit. Die Welt der Erwachsenen ist noch nicht die seine. Wichtiger als alles andere ist ihm sein weißes Hemd - weil es ihn als Vorturner der Schul-Gymnastikgruppe auszeichnet. Ausgerechnet dieses Kleidungsstück wird ihm nun gestohlen - von einem Mörder auf der Flucht, dessen Versteck Wang durch Zufall entdeckt. Aber er beschließt zu schweigen - aus gutem Grund...

Vom Ansatz her erinnert mich der Film, in dem der chinesische Regisseur Wang Xiaoshuais seine eigenen Kindheitserinnerungen verarbeitet, an Marjane Satrapis "Persepolis". Politisch aufwühlende Zeiten werden durch die Augen eines Kindes betrachtet - und gerade dadurch schält sich die Absurdität, mit der die große Weltpolitik Krieg, Leid, Armut, Hunger und Verfolgung rechtfertigt, besonders sichtbar heraus. Zurück bliebt die Frage: Warum ist sie eigentlich so alternativlos kompliziert, diese Welt der Erwachsenen? Vielleicht sollten wir wieder lernen, mit Kinderaugen zu sehen?

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern


Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Playgirl"
23.30 Uhr, RBB


DRAMA Mannequin Alexandra (Eva Renzi) verführt im Berlin der 60er Architekt Joachim und dessen Assistenten Siegbert (Harald Leipnitz). - Journalist Will Tremper drehte Autorenfilme, als es den Begriff noch gar nicht gab: spontan, ohne Drehbuch und "Low Budget". (bis 0.55)

"Welcome – Grenze der Hoffnung"
22.15 Uhr, Einsplus


DRAMA Der frustrierte Bademeister Simon (Vincent Lindon) interessiert sich kaum für das Schicksal der illegalen Flüchtlinge, die in Calais gestrandet sind. Bis er den jungen Iraker Bilal (Firat Ayverdi) kennenlernt, der durch den Ärmelkanal nach England schwimmen will. - Berührend. (bis 23.55)

"Die Wolkenbibliothek"
21.50 Uhr, Arte


DOKU im Rahmen des Arte-Literatursommers. Hoch oben in den peruanischen Anden warten die Bewohner auf neuen Lesestoff. Bibliothekare schleppen in langen Fußmärschen die Bücher in die "Wolkenbibliotheken". Einmal ausgelesen, wandert die Lektüre dann von Dorf zu Dorf. Preisgekrönt. (bis 22.45)