Buchmesse Peking Die nächste Kulturrevolution


Pekings große Sportveranstaltungen haben die chinesische Buchmesse in diesem Jahr nach Tianjin verdrängt. Auch Juergen Boos ist angereist, der Geschäftsführer der Frankfurter Buchmesse. Dort ist China im nächsten Jahr als Gastland vertreten - und wird Zeuge einer Kulturrevolution.
Von Stefan Schomann, Peking

Wegen der zeitlichen Nähe zu den Olympischen Spielen wurde die Pekinger Buchmesse in diesem Jahr ins benachbarte Tianjin ausquartiert. Die Obrigkeit war offenbar der Meinung, dass Sport und Intelligenz nicht zusammengehen. Viele Teilnehmer empfanden das als eine Degradierung, etwa so, als würde die Frankfurter Buchmesse in Darmstadt stattfinden. Mit dem Unterschied, dass Tianjin sechs Millionen Einwohner zählt. Aber Peking ist die große Verlagsstadt in China, hier sitzen all die wichtigen Leute und auch all die, die's gerne wären. Und so legte die Verbannung in die Provinz einen Hauch von Melancholie über die Großveranstaltung.

Doch auf diese Weise kommt man mal nach Tianjin. Eine alte Handelsstadt, im 19. Jahrhundert einer der Vertragshäfen der ausländischen Mächte, ein Tummelplatz für Kolonialnostalgiker also, mit mediterranen Einsprengseln und schattenspendendem Baumbestand. Dorthin gelangt man mit dem schnellsten fahrplanmäßigen Zug der Welt.

Mit dem schnellsten Zug der Welt

Noch zwischen den Wohnburgen im Südosten Pekings nimmt er ordentlich Fahrt auf ... the current speed is 126 km/h … rauscht an Fabriken, Fischteichen und Pappelalleen vorbei ... the current speed is 193 km/h ... immer machtvoller vibriert das Chassis, ein Trommelwirbel mit Crescendo ... the current speed is 260 km/h ... bis er schließlich wie entfesselt dahinrast ... the current speed is 345 km/h ... ein Geschoss, das jeden Moment die Schallmauer durchbrechen wird. Doch dann leitet der Pilot auch schon die Landung ein, umrundet in langgezogener Linkskurve die Wohnburgen im Nordwesten Tianjins und rollt schließlich aus. Die Fahrt hat lediglich eine halbe Stunde gedauert. In Peking braucht man leicht doppelt so lange zum Südbahnhof.

The outside temperature is 35 degrees. Brütende Hitze regiert Tianjin. Die Hallen des Kongresszentrums, bevölkert von 1400 Ausstellern, bieten Kühlung. Chinesische Verlage bestreiten den Hauptanteil, doch auch ausländische Häuser sind zahlreich vertreten, wenn auch viele nur auf Gemeinschaftsständen und ohne persönliche Präsenz. Noch ist das China-Geschäft wenig lukrativ, noch bringen etwa Lizenzen nach Korea, Japan oder selbst für das kleine Taiwan ein Vielfaches ein. Ja, später vielleicht einmal, wenn dieses riesige Leseland sich weiter öffnen sollte (58.000 Neuerscheinungen allein im letzten Quartal!)...

Dafür ist die Frankfurter Buchmesse, ganz im Stil der Gastgeber, mit einer hochrangigen Delegation angerückt. Geschäftsführer Juergen Boos und sein China-Stab sind Stammgäste dieser Messe. Erfolgreich exportieren sie ihr Know-how, organisieren etwa Seminare für Übersetzer und Gestalter oder verkuppeln deutsche und chinesische Verlage miteinander. Vor zehn Jahren, erinnert sich Boos, "saßen uns graue Kader in grauen Anzügen gegenüber, mit undurchdringlichen Mienen und leerem Blick". Heute bestimmen weltgewandte junge Leute die Konferenzen. Sie klappen ihre Laptops auf und kommen ohne Umschweife zur Sache. "Bisweilen wirkt das ganze Volk wie ausgewechselt", staunt er, "und in vielen Fragen haben wir Fortschritte erzielt, die noch vor drei Jahren undenkbar schienen."

So zum Beispiel beim Urheberrecht, bislang eines der Haupthindernisse für die internationale Zusammenarbeit. Mittlerweile widmen sich die offiziellen Stellen geradezu inbrünstig diesem Thema. Auf einem Symposion im Vorfeld der Messe drängte der Leiter des Staatsamts für Presse und Publikationen, Binjie Liu, darauf, China umgehend "zu einem Land mit hohen Standards bei der Schaffung, dem Gebrauch, dem Schutz und dem Management geistigen Eigentums zu machen". Und im großen Forschungs- und Technologiepark im Nordwesten Pekings wird derzeit ein hypermodernes Copyright-Zentrum gebaut, dessen Form an das ©-Zeichen angelehnt ist.

China, das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2009

Boos freut es sichtlich, an dieser Kulturrevolution der anderen Art mitwirken zu können. Vor allem im Hinblick aufs nächste Jahr, wenn China sich als Gastland der Frankfurter Buchmesse präsentieren wird. Was so einzigartig übrigens gar nicht ist: Allein dieses Jahr war das Land Ehrengast der Buchmessen von Moskau, Seoul und Budapest.

Aber wird China die Chance überhaupt nutzen, sich ernsthaft als vielschichtige Kulturnation zu präsentieren? Haben nicht die Olympischen Spiele gezeigt, wie sehr diese Gesellschaft noch auf den Staat fixiert ist, und wie ungeschickt der insbesondere mit ausländischen Medien umgeht? "Den Verantwortlichen ist durchaus bewusst, was auf sie zukommt," glaubt Simone Bühler, die Projektmanagerin des Gastauftritts.

Wie frühere Gastländer auch, hat China eine deutsche Werbeagentur damit beauftragt, für gut Wetter in den Medien zu sorgen. Die Messe steht dem Gastland zur Seite, indem sie diplomatisch vermittelt. Selbstverständlich seien auch Taiwan und Hongkong wie jedes Jahr vertreten und würden im Rahmen eines "Parallelprogramms" Gelegenheit zur Selbstdarstellung erhalten. Auch die Exilliteratur und Chinas Minderheiten werden ein Forum bekommen. Aber ein weit weniger prominentes, zeitlich und räumlich getrennt von der Sphäre des großen Gastes. Der soll sich gut aufgehoben wissen, und er muss sein Gesicht wahren können.

Mit der Zeit bekommt man hier ein Gespür dafür - leider fehlt Chinas Regierung umgekehrt oft genug das Gespür für die Sensibilitäten des Westens. Doch der Wunsch nach internationaler Anerkennung sei, so Bühler, stärker als alle Bedenken. Und natürlich sieht auch China Frankfurt als große Verkaufsplattform.

Chinesische Verlage spekulieren

Bereits ein flüchtiger Blick über die Regale der Asienhalle zeigt freilich, dass die Bücher aus Japan, Korea und Hongkong den chinesischen an Ästhetik und Druckqualität deutlich überlegen sind. Das Land, in dem einst das Papier erfunden wurde, hinkt hier noch zwanzig Jahre hinterher. Die es allerdings im Zeitraffer aufholen dürfte. Auch beim Vertrieb und beim Management sucht China nachdrücklich Anschluss. Katherine Lee, Vertriebsleiterin von Random House in Hongkong, leistet dabei Pionierarbeit. Selbst Chinesin, betrachtet sie die Entwicklung jedoch skeptischer als Fachbesucher aus dem fernen Westen. "Viele der hiesigen Verlage interessieren sich nur fürs Geschäft, nicht für die Bücher. Sie fragen immer nur nach unseren Bestsellern - ganz egal, ob sich die auf den chinesischen Markt übertragen lassen. Das Buchgeschäft verläuft nicht weniger spekulativ als das übrige Chinageschäft."

Umgekehrt entwickelt sich manch ausländischer Ladenhüter hier zum stillen Bestseller. Charles Merullo von Endeavour aus London, ein Profi im traditionell internationalen Bildbandgeschäft, wundert sich, wie gut Hochglanzbände über teure Armbanduhren oder enzyklopädische Wälzer zur Weltgeschichte hier laufen. Zu seinem Portfolio gehört auch ein Buch von Jonathan Spence über "Das chinesische Jahrhundert", an dem mehrere Staatsverlage seit Jahren interessiert sind. Dem Professor aus Yale vertrauen chinesische Historiker oft mehr als den eigenen Kollegen. Von den 300 Fotos sind lediglich fünf "der chinesischen Seite" nicht genehm. Eines zeigt Parteikader bei einem lukullischen Bankett. Ein fast alltägliches Motiv, dessen Brisanz aber im Datum der Aufnahme liegt: 1961 - während der schwersten Hungersnot aller Zeiten.

Die anderen vier Bilder dokumentieren die Zusammenstöße auf dem Tiananmen-Platz mit blutüberströmten Demonstranten. Bilder, die im Westen jeder kennt - aber fast niemand in China. Alle wissen natürlich, was dort im Juni 1989 geschah. Doch es wurden nie Fotos davon veröffentlicht, denn offiziell haben die Proteste ja nie stattgefunden. Es wäre nun ein Leichtes, diese fünf Bilder durch weniger drastische zu ersetzen. Das wäre eine pragmatische, profitable und sehr chinesische Lösung. Doch was macht Spence? Er besteht in bester abendländischer Manier auf der Wahrheit. Lieber lässt er sich ein prestigeträchtiges Geschäft entgehen, als dass er die Geschichte retuschieren würde.

Hape Kerkeling bleibt im Regal

Deutsche Autoren tun sich meist schwer in China, mit Ausnahme etlicher höchst erfolgreicher Kinderbücher sowie wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Werke. Ein Indikator für die geringe Nachfrage ist der Umstand, dass nur wenige Raubkopien kursieren. Ein weiterer Indikator ist der noch allzu gut bestückte Stand von Hongjun Cai, dem wohl gefragtesten Agenten im deutsch-chinesischen Verlagsgeschäft. Während seine Bestände an Kinder- und Jugendbüchern schon merklich geplündert wurden, hat sich offenbar noch niemand an der Belletristik vergriffen. Auch die Sachbücher stehen noch weitgehend in geschlossener Phalanx. Die Tatsache, dass dieses Jahr weder Lektoren noch Langfinger in größerem Umfang deutsche Werke an sich brachten, hat auch Herrn Cai einen Anflug der Tianjiner Melancholie beschert. Nachdenklich sitzt er vor seinen vollen Regalen. Selbst Hape Kerkeling ist noch nicht weg.


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