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TV-Tipp des Tages für den 15.4.: Das Fukushima-Trauma als Tierfabel

Das Trauma sitzt tief: Wie Japans Künstler auf die Katastrophe von Fukushima reagieren. Isamu Hirabayashs Anime "663114" ist unser TV-Tipp des Tages.

Schutzlos den Fluten ausgeliefert: Die Zikade als Sinnbild des Lebens

Schutzlos den Fluten ausgeliefert: Die Zikade als Sinnbild des Lebens

"663114"
21:50 Uhr, ZDFkultur
ZEICHENTRICK-KURZFILM Wenn wir einen Film ansehen, der in einem anderen Land, einem anderen Kulturkreis entstanden ist, geht immer etwas verloren. Auch die besten Synchronsprecher, die genialsten Übersetzer können nicht wettmachen, was eine Gesellschaft an kollektivem Wissen gesammelt hat, welche Bilder und Symbole mitschwingen, die wir entweder gar nicht bemerken oder gar missinterpretieren.

Für Kurzfilme, die schon aufgrund ihrer Zeitbeschränkung auf solche Metaphern setzen, gilt das besonders. So geschieht, zumindest für das westliche Auge, gar nicht viel in Isamu Hirabayashs Anime "663114". Eine alte Zikade klettert einen Baum hinauf. Immer höher, immer weiter. Sie weiß, dort oben wird sie sterben. Aber vorher wird sie ihren schützenden Panzer verlassen, um Nachwuchs in die Welt zu setzen. Eine neue Generation wird ihr nachfolgen. Und wenn die Zeit gekommen ist, wird dieser Nachwuchs seinerseits den Baum erklettern. Es ist der Lauf der Dinge, so war es immer, so wird es immer sein. Doch diesmal kommt eine Katastrophe dazwischen. Das Erdbeben vom 11. März 2011, der Tsunami und schließlich die Strahlung vom beschädigten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. Ausgerechnet in dem Moment, als die Zikade nackt und schutzlos ist.

Ich gebe zu, beim ersten Anschauen hat mich "663114" nicht vom Hocker gerissen. Gerade in den ersten Minuten geschieht auf dem Bildschirm nicht viel. Die Zikade klettert. Und klettert. Und klettert. Auch der Schluss konnte mich wenig überraschen, kam mir gar eine Spur zu patriotisch vor. Normalerweise hätte ich jetzt den Kopf geschüttelt und mich anderen Dingen zugewandt. Aber ich war neugierig, was dieser kryptische Titel zu bedeuten hatte - und wurde, Google sei Dank, fündig: 66 Jahre vor dem Tsunami am 11. März 2011 warfen US-amerikanische Flugzeuge Atombomben auf Hiroshima and Nagasaki ab - das andere, atomare Trauma Japans. Die vier am Schluss beschreibt die Zahl der Reaktoren von Fukushima Daiichi, die beschädigt wurden.

Viel spannender aber war, dass mich die Rezensenten (My Anime List und Nishikata Film Review) an meinem ersten Urteil zweifeln ließen. Offenbar waren in dem Kurzfilm extrem viele Anspielungen versteckt, die ich schlicht nicht verstanden hatte. Warum Hirabayashs ausgerechnet die Zikade als Sinnbild allen Lebens ausgewählt hat, was es mit den roten Stempeln auf sich hat, warum der Hintergrund aussieht wie eine alte Schriftrolle.

Als Parabel auf die Fukushima-Katastrophe hatte "663114" für mich nicht funktioniert, wohl aber als Eintrittskarte in eine faszinierende, für mich fremde Kultur. Vielleicht klappt es ja auch bei Ihnen...

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor bei stern.de

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo