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TV-Tipps 23.5: "Funny Games": Dieser Film ist unerträglich

Kluge Medienreflexion oder neuer Höhepunkt für Gewalt-Spanner? Österreichs Antwort auf "Uhrwerk Orange" und "Natural Born Killers" löste 1997 einen Skandal aus. Unser TV-Tipp des Tages.

"Funny Games"
01.39 Uhr, Kabel 1
META-THRILLER Wieso empfehle ich einen Film, bei dem es fast körperliche Schmerzen bereitet, zuzuschauen? Eine Freundin zeigte sich gestern ernsthaft empört, als wir über meine TV-Tipp-Pläne für heute Nacht plauderten. Ja, auch 17 Jahre nach seiner Premiere polarisiert Michael Hanekes Skandalfilm "Funny Games" noch immer. Damals hatten Kritiker dem österreichischen Filmemacher vorgeworfen, die Darstellung von Gewalt unter dem Deckmantel der Medienkritik weiter auf die Spitze getrieben zu haben.

"Die zwei Bubis" nennt Anna (Susanne Lothar) die jungen Männer (Arno Frisch und Frank Giering) arglos, die ihr auf dem Weg in den Urlaub am See begegnen. Einen Tag später stehen die beiden in ihrem Ferienhaus und quälen sie, ihren Mann (Ulrich Mühe) und ihren jungen Sohn (Stefan Clapczynski). Eine Begründung für die gewalttätigen Spiele gibt es keine: Schlimme Kindheit, Drogensucht - alles wird mit einen Augenzwinkern angeführt und sogleich wieder als Lüge entlarvt.

Doch was macht diesen Film so unerträglich? Horrorfilme und Psychodramen, in denen Menschen gequält und gefoltert werden, gibt es schließlich eine Menge. Selbst eine eigene Genre-Bezeichnung wurde dafür erfunden: torture porn (Folterporno). Michael Haneke weiß aber nicht nur wie man Suspense erzeugt und um den Effekt, die gewählte und höfliche Ausdrucksweise der Peiniger in krassen Kontrast zu ihren Taten zu stellen. Im gleichen Atemzug enttarnt er den Gafferdrang in uns Zuschauern.

Wir hassen, finden das Gezeigte abscheulich - aber schalten trotzdem nicht ab. Gleich mehrfach wendet sich einer der Folterer durch die Kamera an uns, zwinkert uns zu, als wären wir eingeweihte Mitwisser: Ihr wollt es doch auch! Mitunter scheint es gar, als wäre Hanekes Kamera einfühlsamer als wir selbst. In den allergrausigsten Momenten wendet zumindest sie sich ab. Und doch können wir diese leise Stimme nicht verleugnen, die perverse Neugier, vor der wir uns selbst schämen, die in uns flüstert und darauf hofft, doch noch einen Blick zu erhaschen.

"Funny Games" ist so grausam, weil uns der Film vor uns selbst zurückschrecken lässt. Die Fratze des Bösen blickt durch die Kamera in ihr Spiegelbild - und sieht uns.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor bei stern.de


Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Die Stadt der Blinden"
22.35 Uhr, 3Sat
FILMKUNSTDRAMA nach dem Roman des Nobelpreisträgers José Saramago. Durch eine Seuche mit Blindheit geschlagen, werden immer mehr Kranke interniert und verfallen in Anarchie. Einzig die Frau (Julianne Moore) eines Arztes scheint immun... Ambitionierte Zivilisationskritik. (bis 0.25)

"Bank Job"
20.15 Uhr, ZDFneo

THRILLER Kleinganoven (darunter "Transporter"- Star Jason Statham) buddeln sich 1971 in eine Londoner Bank. Im Tresor finden sie kein Geld, aber pikante Fotos... Regisseur Roger Donaldson nahm einen wahren Fall zum Anlass, verwegene Verschwörungstheorien zu spinnen. (bis 22.00)