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Web-Soap auf MySpace: Süße Mädchen mit bitterem Beigeschmack

Das Fernsehen von morgen? Die neue Form des TV-Konsums? Oder doch nur Unterschichtenfernsehen à la Web 2.0? "They call us Candy Girls" soll die Lösung sein, die junge Zielgruppe, die vom Fernsehen ins Internet abwandert, zu erreichen. stern.de blickte hinter die Kulissen der ersten deutschen Seifenoper auf MySpace.

Von Katharina Miklis

Der Titel klingt ein bisschen so, als würde sich gleich jemand ausziehen. Tut aber niemand. Zumindest nicht in der ersten Folge von "They call us Candy Girls". Trotzdem lassen die Darstellerinnen tief blicken - in den Abgrund des Fernsehens der Zukunft.

In den USA gibt es so genannte Wepisodes schon lange. Als die beliebte junge Zielgruppe nach und nach vom Fernsehen ins Internet abwanderte, zog man mit. Die "Roommates" sind das bekannteste Beispiel für Medienmogul Rupert Murdochs Idee vom neuen Fernsehen. In der US-amerikanischen MySpace-Seifenoper tanzen leicht bekleidete, kalifornische College-Absolventinnen durch ein Appartment in Los Angeles und lassen sich dabei filmen, wie sie feiern, streiten und Jungs mit nach Hause bringen. Mittlerweile wird die zweite Staffel der ersten MySpace-Pseudo-Realityserie produziert. Jetzt sollen auch vier deutsche Szene-Girls dem Trend hinterherstöckeln.

David-Lynch-Mystik statt Softpornoästhetik

An dem US-Vorbild mit Softpornoästhetik will man sich bei MySpace Deutschland allerdings nicht orientieren. "Das würde in Deutschland gar nicht funktionieren. Das ist viel zu oberflächlich, viel zu amimäßig", erklärt "Candy Girls"-Regisseurin Miriam Dehne im stern.de-Gespräch. "Die Mädels räkeln sich doch nur den ganzen Tag halbnackt am Pool rum. Das wollen wir nicht." Und weiter: "Ich möchte eine gewisse David-Lynch-Mystik erzeugen. Keine Seifenoper wie 'Gute Zeiten, schlechte Zeiten'".

Wer jetzt Innovatives erwartet, eine Soap mit vielschichtigen Charakteren und tiefgründigen Dialogen wird allerdings enttäuscht. Bei "They call us Candy Girls", produziert von der Berliner Produktionsfirma MME Entertainment ("Bauer sucht Frau") geht es um vier szenige Clubberinnen und ihr Leben zwischen "Dancefloor, Beziehungen, Liebe, Lügen und Großstadtszene". Und klar, auch hier räkeln sich die Mädels in knappen Outfits. Zugegeben nicht am Pool - aber auf dem Sofa.

Die Charaktere sind Klischee pur, die Dialoge mäßig (Sie: "Musst du immer so nett sein?" Er: "Ob Regen oder Sonnenschein, wer ficken will, muss freundlich sein"). Es erinnert alles ein bisschen an die unterirdische "Abschlussklasse"-Reihe mit der ProSieben vor einigen Jahren seine Zuschauer quälte - in High Definition gedrehter Nonsense.

Es gibt die süße Blonde, die an jedem Strohhalm lutscht, die kühle Brünette, die aber eigentlich ganz zerbrechlich ist, die schwarze Tänzerin und den blonden Vamp auf Koks. Das ganze ist internetgerecht in drei- bis fünfminütige Mini-Soaps gepackt. Neu ist lediglich die Tatsache, dass die 20 Folgen auf dem Online-Netzwerk MySpace.com anzuschauen sind. Auch wenn die Darstellerinnen und die Regisseurin beim Blick hinter die Kulissen im Berliner In-Club "103" zu erklären versuchen, dass sie in ihrer Soap endlich mal zeigen wollen, wie es in Berliner Clubs wirklich abgeht - in Bezug auf Drogen zum Beispiel. Und eine ganz derbe Sprache verwenden wollen. "Da sagt man schon mal verfickte Scheiße - so ist das nun mal".

"Wir wollen nicht nur digital sein. Wir wollen sozial sein"

Beim Launch-Event im Club "103" in Berlin Kreuzberg, der auch gleichzeitig Drehort ist, kündigt Joel Berger, Managing Director MySpace Deutschland, das neue Fernsehen von morgen an. Und greift dafür tief in die melodramatische Floskelkiste: "Wir wollen nicht nur digital sein. Wir wollen sozial sein. Man kann 'Freunde' der Candy Girls werden", sagt er und meint damit die Tatsache, dass man sich auf MySpace.com in die Freundesliste der Clubberinnen eintragen kann. Alle vier Protagonistinnen haben ihr eigenes, fiktives Profil auf der Seite, über das man auch mit ihnen chatten kann. Was man davon hat? Nichts, bis auf einen weiteren Kontakt, in einer weiteren Liste wie StudiVZ oder SchülerVZ. Social Networks, die Berger mit MySpace jetzt gerne überholen will.

Auf der Party zum Launch der neuen Web-Soap, die ab sofort montags und donnerstag auf MySpace.com hochgeladen wird, schaut dann auch Provokations-Poserin Lady Bitch Ray vorbei und steht symbolisch für das "Candy Girls"-Konzept, das Innovatives verspricht und letztendlich doch nur mit altem Wein in neuen Schläuchen enttäuscht: Wenn man ankündigt, etwas Neues, Unkonventionelles zu machen, dann sollte man das auch tun. Mit einmal laut "ficken" in den Raum rufen, ist es nicht getan.

"They call us Candy Girls", ab dem 19. Mai auf www.myspace.com/candygirls

  • Katharina Miklis