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Yanis Varoufakis' #Fingergate: Chronologie einer Medienposse

Hat Yanis Varoufakis den Mittelfinger gezeigt - oder hat Jan Böhmermann das Video nur gefälscht? Darüber herrschte für einige Stunden große Verwirrung. Wir zeigen die Genese des Fakes.

Von Carsten Heidböhmer

Screenshot aus Jan Böhmermanns Video

Screenshot aus Jan Böhmermanns Video

14./15. Mai 2013: Subversive Festival in Zagreb

Der griechische Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis hält auf dem Subversive Festival in Zagreb zwei Reden. Am 14. Mai sprach er zum Thema "Confessions of an Erratic Marxist". Bereits wenige Tage später ist diese Rede auf dem Youtube-Kanal "Skripta TV" abrufbar.

Am 15. Mai tritt Varoufakis ein zweites Mal auf. Knapp 60 Minuten lang spricht er über sein Buch "The Global Minotaur: America, Europe and the Future of the Global Economy". Bei diesem Auftritt zeigt er an einer Stelle den Mittelfinger.

12. Februar 2015: Video wird bei Youtube veröffentlicht

Erst knapp zwei Jahre nach seinem Vortrag wird das Video zu "The Global Minotaur: America, Europe and the Future of the Global Economy" auf Youtube hochgeladen.

25. Feburar 2015: Böhmermann zeigt Stinkefinger im TV

Keine zwei Wochen, nachdem das Video von Varoufakis' zweiter Rede auf Youtube veröffentlicht wurde, verwendet Jan Böhmermann die entsprechende Stinkefinger-Passage für sein Video "V for Varoufakis", das er am 25. Februar auf Youtube veröffentlicht und einen Tag später in seiner Sendung "Neo Magazin Royale" zeigt. Damit taucht die obszöne Geste des aktuellen griechischen Finanzministers erstmals im deutschen Fernsehen auf.

15. März 2015: Jauch konfrontiert Varoufakis

Auch die Redaktion der ARD-Talkshow "Günther Jauch" ist inzwischen auf die Varoufakis-Rede aufmerksam geworden. In seiner Sendung vom Sonntag, 15. März, konfrontiert Moderator Günther Jauch den zugeschalteten griechischen Finanzminister mit der kurzen Passage, in der Varoufakis den Mittelfinger ausstreckt und dazu die Sätze sagt: "And stick the finger to the germans and say: you can now solve your problem to yourself." Dass sich die Passage auf ein Ereignis im Jahr 2010 bezieht, unterschlägt Jauch.

Varoufakis streitet kateogrisch ab, den Mittelfinger gezeigt zu haben. "Dieses Video ist falsch ("doctored"). (...) Ich habe sowas nie gemacht."

16. März 2015: Varoufakis verlinkt Video

Von dem mutmaßlichen Twitter-Account des griechischen Finanzministers wird das Video seiner Rede vom 15. Mai 2013 verlinkt und als "undoctored" bezeichnet. Zu sehen ist darauf allerdings, wie Varoufakis den Mittelfinger zeigt.

17. März 2015: Produktionsfirma besteht auf Echtheit

Die Produktionsfirma "I&U TV", die für die Sendung "Günther Jauch" verantwortlich ist, veröffentlicht auf ihrer Homepage eine Stellungnahme und beharrt auf der Echtheit des Videos. "Nach den Manipulationsvorwürfen gegenüber Günther Jauch hatte die Redaktion von verschiedenen Medienexperten und Netzanalysten das Video analysieren lassen. Die Experten sind sich einig, dass Varoufakis' Vorwurf der Fälschung nicht zutreffe", heißt es dort.

18. März 2015: Böhmermann behauptet Fälschung

Jan Böhmermann veröffentlicht auf dem Youtube-Kanal von "Neo Magazin Royal" ein Video, in dem er behauptet, den Mittelfinger gefaked zu haben. Daraufhin bricht in den sozialen Netzwerken und auf zahlreichen Websites Verwirrung aus.

19. März 2015: Böhmermann legt nach

Nachdem im Laufe des Vormittags Zweifel an Böhmermanns Video aufkamen, legte der Satiriker noch einmal nach und fordert, Günther Jauch und die Redaktion der "Bild"-Zeitung sollten umgehend die Euro-Zone verlassen. Spätestens jetzt sollte klar sein, dass es sich bei Böhmermanns Video um eine Mediensatire handelt.

19. März 2015: Varoufakis bleibt bei Dementi

Der griechische Finanzminister bleibt dabei, dass der bei "Günther Jauch" gezeigte Filmausschnitt gefälscht sei: "Ich habe schon während der Sendung deutlich gemacht, dass es sich um ein manipuliertes Video handelt", sagte Varoufakis am Donnerstagvormittag Reportern der Nachrichtenagentur Reuters. Nun sei klar, dass es sich um eine Fälschung handele. Er habe die Geste noch nie in seinem Leben gemacht.

19. März 2015: Stellungnahme des ZDF

Nachdem die halbe Medienwelt in Aufruhr ist, nimmt das ZDF am Mittag Stellung zum Video: "Wir erwägen künftig bei allen @neomagazin-Ausstrahlungen im TV und im ZDF den Warnhinweis 'Vorsicht Satire!' zu platzieren", verkündet der Sender per Twitter.