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Neue Serie "Zarah - Wilde Jahre": Die Macho-Welt der 70er - ausgerechnet im ZDF

Machos in Hamburg: Die neue ZDF-Serie "Zarah - Wilde Jahre" dreht sich um eine Journalistin, die in den 70ern den Kampf um Gleichberechtigung auf sich nimmt. Das ist mal witzig, mal erschreckend. Warum das Thema gerade jetzt wichtig ist.

Zarah

Zarah Wolf (Claudia Eisinger) heuert als stellvertretende Chefredakteurin bei "Relevant" an - und beißt bei den Kollegen auf Granit.

Ironisch ist es natürlich schon, dass ausgerechnet das ZDF jetzt eine Serie über den Kampf um Gleichberechtigung am Arbeitsplatz sendet. Im Februar erst sah sich eine Redakteurin des öffentlich-rechtlichen Senders gezwungen, vor das Arbeitsgericht zu ziehen, weil männliche Kollegen in derselben Position deutlich mehr verdienten als sie. Die Frau scheiterte - und musste sich vom Richter anhören lassen, die Männer hätten eben besser verhandelt und außerdem hätten Frauen durch Schwangerschaften weniger Berufserfahrung. Eine Unverschämtheit.

Ein halbes Jahr später zeigt das ZDF nun "Zarah - Wilde Jahre", eine Serie über eine feministische Journalistin in den 70ern. Zarah, gespielt von Claudia Eisinger, ist selbstbewusst, talentiert, ehrgeizig und schreibt Bücher mit Titeln wie "Die ungehorsame Frau". Das passt den vorwiegend männlichen Kollegen beim Hamburger Magazin "Relevant" gar nicht, wo Zarah als stellvertretende Chefredakteurin anheuert. Und auf Granit beißt. Die Herren stehen auf, wenn Zarah sich an den Tisch setzt  - "Wir sprechen hier über Politik, also entschuldigen Sie bitte" - und lassen auch sonst keine Gelegenheit aus, sie zu schikanieren.

"Zarah" zeigt, wie verstaubt Deutschland war

Anfangs wirkt die Serie so, als wolle sie möglichst viele Emanzipations-Klischees abhaken: Das typische Demonstrationsplakate-Malen, der obligatorische Blick zwischen die Beine mit einem Spiegel - das alles hat man so oder witziger schon beim amerikanischen Pendant "Good Girls Revolt" oder aktuell im Kino in der Schweizer Komödie "Die göttliche Ordnung" gesehen. Nur mit mehr Glamour und 70er-Jahre-Charme, denn die Büros bei "Zarah" sehen ganz schön piefig aus. Aber genau diese deutsche Sprödheit ist es, die später der Serie Schlagkraft verleiht. Wenn deutlich wird, wie erdrückend stickig die Atmosphäre damals in der Bundesrepublik war, mit Spießbürgerlichkeit und dem Totschweigen der Nazi-Vergangenheit selbst in der eigenen Familie als Norm. Dazwischen Soundtrack von den Stones oder Aretha Franklin und zahlreiche amüsante Verweise auf die Medienlandschaft von damals, teilweise mit echten TV-Aufnahmen aus den 70ern.

Wo bleibt der Mut, auf die Gegenwart zu schauen?

In der Serie schafft es Zarah, die nackten Brüste auf dem Magazincover heimlich gegen einen nackten Männerhintern zu tauschen. Ein Skandal damals, ein Gag heute. Zum Lachen ist der Blick auf die Macho-Welt der 70er aber auch deshalb nicht immer, weil sich schon beim Pressegespräch zeigt, wie bitter nötig ein Diskurs über Gleichberechtigung noch immer ist. Die arme Claudia Eisinger wurde dort ernsthaft gefragt, warum ihre Figur als Feministin einen Minirock trägt. Hatten wir das Thema nicht gerade dank Emma Watson ein für allemal geklärt? 

"Die Geschichte ist hochaktuell und noch lange nicht abgefrühstückt. Wir haben noch keine Gleichberechtigung", sagte die Drehbuchautorin Eva Zahn. Umso bedauernswerter ist es, dass wieder nur leicht belustigt in die Vergangenheit geschaut wird und niemand den Mut hat, das Thema in der Jetztzeit aufzugreifen. So sehen wir wohl erst in 40 Jahren eine deutsche Serie über eine ZDF-Redakteurin, die sich vor Gericht anhören muss, ihr Gehalt habe etwas mit Schwangerschaften zu tun. Übrigens: Die oben erwähnte Klägerin ist kinderlos.

"Zarah - Wilde Jahre" läuft ab dem 7. September immer Donnerstags um 21 Uhr im ZDF, die erste Folge ist bereits in der Mediathek zu sehen

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