HOME

Urs Odermatts "Mein Kampf" im Kino: Tom Schilling überzeugt als junger Hitler

Schwarzer Humor: Regisseur Urs Odermatt stellt in "Mein Kampf" Hitlers Weg zum "Herrenmenschen" dar - frei nach George Taboris gleichnamiger Theaterfarce. Tom Schilling brilliert als junger Hitler.

Darf man sich über Hitler lustig machen? Diese Frage hat Ernst Lubitsch schon 1942 mit "Sein oder Nichtsein - Heil Hamlet!" meisterlich beantwortet. Mehr oder weniger gelungene filmisch-dokumentarische Attacken folgten, so "Hitler - Aufstieg des Bösen" (2003) oder "Der Untergang" mit Bruno Ganz (2004). Dani Levys Groteske "Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" (2006) mit Helge Schneider in der Titelrolle erntete nur wenige freundliche Kritiken: Plump sei der Film und unentschlossen.

Dass sein Film plump sei, kann man dem Schweizer Regisseur Urs Odermatt nicht nachsagen. Der Vorwurf der Unentschiedenheit wird ihm für "Mein Kampf" - nach dem gleichnamigen Theaterstück von George Tabori - indes nicht erspart bleiben. Ist der Film realistisches Entwicklungsporträt oder schwarzhumorige Groteske? Er bedient abwechselnd beide Seiten. Den Sprung in den totalen Aberwitz nicht gewagt zu haben, ist sein Schwachpunkt.

Der junge Hitler reist 1910 nach Wien, um Kunst zu studieren. Er kommt im Männerasyl unter, wo er auf den Juden Schlomo Herzl trifft. Der herzensgute Buchhändler, der dem Gebot der Bergpredigt "Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen" folgt, arbeitet an seinen Memoiren, die den Arbeitstitel "Mein Kampf" tragen. Als Hitler vom Aufnahmegremium der Wiener Kunstakademie abgelehnt wird, rettet ihn Herzls väterliche Fürsorge vor dem Selbstmord.

Herzl wäscht für ihn, putzt für ihn, verkauft gemalte Postkarten für ihn, stutzt ihm den Schnauzer zum berühmten Bärtchen, schlägt ihm eine Karriere als Politiker vor und überlässt ihm den Titel seines Buches. Im Gegenzug hetzt Hitler Schlomos süßes Liebchen Gretchen gegen ihn auf und lässt ihn wegen angeblichen Kindesmissbrauchs verhaften.

Wer durchweg abgründigen jüdischen Humor erwartet, wird enttäuscht werden. Der Witz ist da, aber er verläuft sich in einer Kulisse, die sich um den möglichst "authentischen" Nachbau des Wiener Unterschichten-Soziotops bemüht. Trotzdem bietet der Film einige großartige Szenen, in denen besonders Tom Schilling brilliert, ein in jeder zuckenden Nervenfaser überzeugender egozentrischer, grotesker und gleichzeitig in der Tiefe unsicherer künftiger "Gröfaz". Götz George spielt den Menschenfreund Schlomo warmherzig, Anna Unterberger in einer Nebenrolle das "Tiroler Gretchen" liebenswert und frisch.

Die zentrale Frage lautet nicht: War Hitler eine lächerliche Figur? Oder: Wurde der Mann in Wien zum Monster? Sondern: Kann man durch Güte den Teufel zum Guten bekehren? Nein, kann man nicht. George Tabori nannte sein Stück von 1987 einen "theologischen Schwank", doch ganz gleich ob als Stück oder als Film: "Mein Kampf" ist eine in Teilen groteske, aber im Ganzen sehr traurige Komödie über den (ewigen) Kampf zwischen Gut und Böse.

Margot Ruhlender, DPA / DPA