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Walter Moers: Hitler-Satire sorgt für Wirbel

Mit seinen "Adolf"-Comics hat Walter Moers das Lachen über den "Führer" salonfähig gemacht. Mit seinem Trickfilm "Der Bonker" über die letzten Tage Hitlers hat er jedoch einen Proteststurm entfacht.

"Darf man das? Man muss!" So beschied Walter Moers vor acht Jahren die Kritiker seines ersten "Adolf"-Comics. In dem Büchlein ließ der durch "Das kleine Arschloch" bekannt gewordene Zeichner Adolf Hitler als weichlichen Verlierer durchs Leben gehen, der von Rechtsradikalen zusammengeschlagen wird und im zweiten Band sogar Selbstmord begehen will, während er über die Fehler seines Lebens nachdenkt ("Äch hätte Rossland besser öber die Flanke angreifen sollen").

"Adolf, die Nazisau" war ein Erfolg und warf die Frage auf, ob man über einen der größten Massenmörder der Geschichte Witze machen dürfe. Inzwischen setzten Satiriker den Diktator in einer fingierten Werbung vor ein Glas Bier ("Polen! Da hatte ich mal ein Lager"), und die Karikaturisten Greser und Lenz brachten sogar die Serie "Der Führer privat", in der Hitler in Pantoffeln und Nachthemd die Nachbarn um Ruhe bittet, "denn morgen wird schon um 5.45 Uhr zurückgeschossen". Das dritte "Adolf"-Buch von Moers, "Der Bonker", schien nichts Besonderes mehr zu sein - wenn da nicht ein Filmchen wäre.

Der "Führer" auf dem Klo

Der Trickfilm, einem Musikvideo gleich, zeigt den computeranimierten "Föhrer" in der Badewanne und beinebaumelnd auf dem Klo. "Chantré"-schlürfend beklagt er sich über die Welt ("Der Zweite Weltkrieg macht keinen Spaß mehr") und gibt sich trotzig: "Kapitulation, nö, da halt ich nix davon, ich habe über mir drei Meter Stahlbeton." Den Refrain singen Badeenten im "Adolf"-Design, Schäferhund Blondie hechelt dazu. Das Video gehört zu den am meisten heruntergeladenen Dateien im Internet, zu hunderttausenden wird die passende Internetadresse oder gleich das ganze Video in E-Mails verschickt. Und es ist umstritten.

Wie beim Comic vor acht Jahren wird in dutzenden so genannter Blogs gefragt: Darf man das? Linke und Rechte scheinen sich einig, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. "Wenn man weiterhin so lax mit diesem eigentlich überhaupt nicht lustigen Thema umgeht, wird es auch kein Wunder sein, wenn wir uns in zehn Jahren wieder in einem Bunker (Atombunker) finden werden", schreibt ein Besorgter. Ein anderer meint, dass man sich nicht über etwas lustig machen dürfe, "wofür tausende Landser ihr Leben gelassen haben".

"Dazu sind die Verbrechen zu gewaltig"

Der jüdische Schriftsteller Ralph Giordano reagierte "eher verstört": "So kann man nicht verfahren mit dem Vater des Holocaust", sagt er. Der Filmemacher Roberto Benigni habe zwar gezeigt, dass man der Diktatur auch mit Humor begegnen könne. "Aber das ist ein schmaler Grat. Hier ist er nicht getroffen." Gerade weil der historische Abstand größer werde, sei eine seriöse Behandlung des Themas wichtig. Und auch Lea Rosh, Mitinitiatorin des Berliner Holocaust-Mahnmals, glaubt nicht, "dass das Thema eines ist, über das man sich lustig machen kann. Dazu sind die Verbrechen zu gewaltig."

Doch die Fans dominieren. Von "supergeil" bis "voll der Hammer" reichen die Kommentare, und manche meinen sogar, "so muss Geschichte verkauft werden". Selbst mancher Intellektuelle ist enthusiastisch: "Das ist heute die einzig richtige Art, mit dem Thema umzugehen", meint etwa der jüdische Publizist Henryk M. Broder. "Dass Hitler ein Mörder war, wissen wir, das muss nicht in jedem Abituraufsatz stehen. Aber Moers zeigt wunderbar, auf was für eine erbärmliche Figur, was für einen Sesselpupser, die Deutschen hereingefallen sind. Und das ist toll."

Sender wollen keine Werbung

Kein Wunder, dass die Wirtschaft auf den Zug aufspringen will. Der Klingeltonanbieter Jamba verkaufte schon zehntausende "Adolf"- Filmchen fürs Handy. "Der Bonker" gehörte zeitweilig zu den fünf am meisten gekauften Downloads, sagt Jamba-Sprecher Niels Genzmer. Einige Sender dagegen, etwa RTL 2, ProSieben und die Musiksender MTV und Viva, weigern sich, Werbung für den "Adolf"-Klingelton zu schalten - worüber sich Genzmer wundert: "Wir bitten doch nicht um einen Gefallen, sondern sind gute Kunden, die bezahlen." Schließlich sei das Filmchen doch "unverfänglich". "Erst hieß es, das sei rechtsextrem, dann, es könne so verstanden werden. Wir können das nicht nachvollziehen."

"Wir senden nicht alles und behalten uns vor auszuwählen", betont RTL2-Sprecher Frank Lilie. Bei "Der Bonker" seien es "inhaltliche Gründe" gewesen. "Wir wollen kein potenzielles Forum für mögliche Missverständnisse bieten." Jamba versucht weiter, seine Spots bei den Sendern loszuwerden. MTV bedauert, dass Werbung eben Werbung sei. Da fehle das redaktionelle, erklärende Umfeld. Deshalb lehnte der Sender das Reklamefilmchen ab. Das Video mit dem falschen Führer in der Wanne sendete MTV hingegen.

Chris Melzer/DPA / DPA