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Nur gucken – nicht anfassen: Eye Contact Experiment: Warum sich wildfremde Menschen minutenlang anstarren

Beim "Eye Contact Experiment" starren sich Leute gegenseitig an. Doch manche Männer wollen mehr. Notgeile Typen bleiben notgeile Typen. 

Von Daniel Sippel

Joko-Reporter Daniel Sippel beim "Eye Contact Experiment" in Berlin.

Joko-Reporter Daniel Sippel beim "Eye Contact Experiment" in Berlin.

Als Kind lernt man: nicht in die Hose pinkeln, nicht mit dem Finger auf Leute zeigen und sie nicht zu lange anglotzen. Wundert es da, dass Erwachsene Geld zahlen, um das Verbotene endlich auszuprobieren?

In treffen sich mehrmals im Jahr Hunderte Menschen, um sich gegenseitig anzustarren. "Eye Contact Experiment" nennen sie das. Sie stehen auf der Straße an, zahlen drei Euro Eintritt und sitzen dann in einem Saal. ­Hocken so nah beieinander, dass sich ihre Knie fast berühren. Sie starren ihrem Gegenüber in die Augen – so lange, bis einer aufsteht und keine Lust mehr hat. Reden dürfen sie dabei nicht. Warum tun Menschen das?

Schon bevor ich den Saal in Neukölln erreiche, sehe ich etwa 300 Menschen vor dem Eingang ausharren. Einer sagt: "Boah, die Schlange hier ist länger als vorm Berghain!" Ich schreite an den Leuten vorbei, immerhin bin ich mit einem der Organisatoren verabredet. Ich treffe Sirko Mann, 45 Jahre alt, ein gut gelaunter Typ mit Halbglatze. Er erwartet mich in einem etwa hundert Jahre alten Haus, dem Refugio. Es riecht ein wenig streng, ein paar Teilnehmer sitzen auf Decken. Die anderen rund 200 Starrenden hocken sich auf Stühlen gegenüber. Von draußen dringen undeutlich Stimmen herein, doch im Saal scharren nur Füße auf dem Parkett. Einige tuscheln. Sirko führt mich wortlos auf eine Empore. Von hier aus schaue ich den Leuten auf den Kopf: graue Haaransätze, Hüte von Berliner Hipstern, Dreadlocks und ordentliche Seitenscheitel. Ein Querschnitt der Hauptstadt.

"Das ist ein Schamlachen"

Sirko erzählt mir mit Flüsterstimme, dass er selbst gern Augenkontakte macht. ­Deswegen organisiert er seit drei Jahren die Eye Contact Events mit – ein weltweiter Freizeittrend. Sirko mag die Stille, das Schweigen, das In-sich-Ruhen. "Man kann aber auch ganz gut in dieser Welt leben, ohne so etwas zu machen", sagt er. "Man kann auch gut ohne Eisbaden leben. Leute tun es trotzdem." Plötzlich kichert jemand im Saal. "Das ist ein Scham­lachen", sagt Sirko, als ich ihn fragend ansehe. Man unterschätze die Scheu, die viele Menschen haben, erklärt er. Immerhin starre man Leute sonst nicht so lange an: "Das entspricht nicht den Blickkonventionen." Im Alltag schauen Menschen sich normalerweise zwei bis drei Sekunden in die Augen. "Aber ich zum Beispiel, ich lache nicht, wenn ich Blickkontakte halte", sagt Sirko. "Es gibt aber auch Leute, die weinen", erzählt er. Sie seien gerührt von der intensiven Verbindung, die sie spüren.

Minutenlang sehen sie sich in die Augen. Wortlos, regungslos, ausdruckslos. Schwierig, da nicht vor Scham laut loszulachen.

Minutenlang sehen sie sich in die Augen. Wortlos, regungslos, ausdruckslos. Schwierig, da nicht vor Scham laut loszulachen.

Gerade höre ich niemanden schluchzen. Im Gegenteil, das Kichern ist in Gelächter umgeschlagen. Plötzlich lacht die ganze Halle. "Scham, die sich entlädt", sagt Sirko und wirkt dabei ein bisschen wie ein altersweiser Psychotherapeut. Jetzt soll ich es selbst ausprobieren. Aber Sirko hat noch einen Tipp: "Als ­erfahrener Veteran starrt man nur in ein Auge. Das strahlt Ruhe aus. Sonst flackern deine Augen immer hin und her – zwischen dem linken und dem rechten Auge deines Gegenübers." Ich danke dem Veteran für seine Hilfe, dann gehe ich die Treppen hinunter, dränge mich vorbei an den Starrwilligen. Nicht so einfach, einen freien Stuhl zu finden.

Ich starre. Er starrt. Ich starre zurück.

Nach kurzer Suche setze ich mich gegenüber einem älteren Herrn. Wir nicken uns gegenseitig zu. Dann beginnt das Starren. Ich starre. Er starrt. Ich starre zurück. Nach fünf Sekunden ­denke ich: "Nicht lachen jetzt!" Schon ein kleiner Schmunzler wäre fatal: Er würde zurückschmunzeln. Ich würde noch mehr schmunzeln müssen, er auch, und am Ende würde die Luft ­zwischen uns zerreißen, wir würden losprusten und so schnell nicht wieder aufhören, wahrscheinlich die ganze Halle anstecken … Das gilt es zu vermeiden. Koste es, was es wolle. Also wende ich einen alten Trick aus meiner Schauspielausbildung an: Wenn du nicht grinsen willst, stell dir etwas Trauriges vor. Den Tod deiner Mutter zum Beispiel. Das funktioniert bei mir immer noch ganz gut.

Er beugt sich zu mir und flüstert: "Das war schön." Ich starre also den älteren Herrn an. Und habe das Bedürfnis, mit ihm zu plaudern. Ich will wissen, warum er hier ist, was er im Leben sonst noch macht, wenn er nicht anderen Leuten in die Augen starrt. Aber reden ist nicht erlaubt, nur gucken. Also gucke ich weiter. Alles um sein Auge herum beginnt zu verschwimmen: seine Nase, sein Mund, dann sein Gesicht. Was hinter ihm passiert, habe ich schon ausgeblendet. Nur wenn sich Menschen hinter seinem Stuhl entlang drängen, um neue Starrpartner zu finden, werde ich kurz abgelenkt. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Raubtier: Bewegt sich da etwas? Eine Gefahr? Sofort will mein Auge die Verbindung zu seinem Auge abbrechen. Aber ich kann dem Impuls widerstehen. Es fühlt sich nicht richtig an, jetzt meinen Blick abzuwenden. Sollten wir nicht gemeinsam entscheiden, wann dieser Augenblick zu Ende geht? Es wäre doch kaltherzig, wenn ich diesen intimen Moment einfach so beenden würde!

Er lächelt, beugt sich zu mir und flüstert: "Das war schön."

Nach 15 Minuten erreiche ich einen Zustand, den ich sonst nur aus Meditationen kenne. Ich spüre meine Arme und Beine nicht mehr. Sie hängen noch an mir, aber der Körper hat sie ­abgeschaltet. Ich fühle mich wie im Dämmerschlaf, samstagmorgens um 11 Uhr. Wenn man genau richtig liegt, nichts weh tut, man nichts braucht, keinen Hunger oder Durst spürt. Der Unterschied: Ich sitze zwischen 200 anderen Menschen, und ein Mann starrt mich an. Doch das ist mir egal. Alles ist egal. Dann frage ich mich doch, wie lange ich noch starren sollte. Man muss es auch nicht übertreiben, denke ich. Immerhin könnte ich die Zeit auch anders nutzen. Ich könnte etwas schnabulieren, zum Beispiel. Oder einen Bildungsroman lesen. Es ist an der Zeit, das Ganze zu beenden. Ich nicke meinem Gegenüber zu, strecke meine Hand aus und sage: "Danke." Er lächelt, beugt sich zu mir und flüstert: "Das war schön."

Notgeile Typen bleiben notgeile Typen

Ich steige wieder die Stufen zur Empore hoch. Fühle mich frei und leicht. Doch dann fällt mir auf, dass viele Menschen in dem Saal stehen, obwohl einige Stühle frei sind. Fast alle von ihnen sind . Und gegenüber den leeren Stühlen sitzen auch fast nur Männer. Ich frage mich, warum die einsamen Herren sich nicht einfach auf die freien Plätze setzen. Da sehe ich einen dicklichen Mann, der ein Mädchen zu sich winkt. Er trägt eine außergewöhnlich große Weste und eine Schiebermütze. Ein bisschen sieht er aus wie der kleine Fettmops aus der Serie "Little Britain". Ein leicht zu identifizierender Creep.
Die Frau kommt und setzt sich ihm gegenüber. Er schaut sie einige Momente an, dann steht er auf und umarmt sie. Einfach so. Minutenlang. Kennen die beiden sich? Ich laufe die Treppen herunter und versuche, das Mädchen zu fragen. Schnell finde ich sie in der Masse. Sie verdreht die Augen, als ich sie auf den Mann anspreche: "Während wir uns angeguckt haben, hat der Typ einfach meine Hand genommen. Ich hab den Augenkontakt dann beendet. Die Umarmung ging natürlich auch von ihm aus." Er habe sie dann noch nach einem Date gefragt. "Urgs!", mache ich. "Ab jetzt setze ich mich nur noch zu Frauen."

Ein Kollege von Sirko erklärt, ab und zu versuchten Männer, Frauen zu küssen. Wer andere belästigt, werde aber sofort rausgeschmissen. Dann sagt er noch: "Es sind oft einsame Menschen, die hierherkommen." Als ich den Saal verlasse, bin ich traurig. Nein, eigentlich ärgere ich mich. Beim Eye Contact Experiment könnte man Ruhe finden – wie beim Meditieren.

Doch notgeile Typen bleiben notgeile Typen. Sie sabotieren das Experiment. Sad.

Diese Geschichte stammt aus der zweiten Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu finden auch hier.