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Pornceptual-Party in Berlin: Eine nackte Utopie: Ich war auf der größten Sexparty Europas

Auf der größten Sexparty Europas eskalieren in Berlin 2500 Menschen zu Techno, Porno und Performancekunst. Was passiert da?

Von Daniel Sippel

Eine Krankenschwester aus dem Paradies? Wohl kaum. Sie sticht gerade mit Nadeln in den Wanst ihres "Patienten". Tut sicher arschweh!

Eine Krankenschwester aus dem Paradies? Wohl kaum. Sie sticht gerade mit Nadeln in den Wanst ihres "Patienten". Tut sicher arschweh!

Der Schlauch passt nicht auf die Gasmaske. Das ist natürlich schlecht. Denn was soll jetzt mit dem ganzen Urin passieren, der durch den Schlauch in eben diese Maske fließen sollte, auf das Gesicht des Maskierten? Eigentlich war es so geplant: Zwei Krankenschwestern, vielmehr zwei Dominas in Krankenschwestermontur, sollten ihren "Patienten" mal so richtig in dem Kellerloch foltern.

Als Kunstperformance auf der Pornceptual-Party in Berlin. Sie hatten ihn auf einer Trage festgebunden, ihn nackt gemacht, seine Eier mit einem Seil abgeschnürt, bis sie rot leuchteten wie zwei Snacktomaten und ihm diese Maske aufgesetzt. Dann pinkelte eine der beiden Schwestern in ein Plastikbehältnis. Neben mir standen eng gedrängt halb nackte Silhouetten, rauchten, schwitzten. Ein Typ sagte: "Das macht noch nicht so geil." 

Und dann begannen die Probleme. Zurück zum Urin, dem flüssigen Gold. Die falsche Krankenschwester werkelt herum, Schlauch auf Maske, Mist, passt nicht. Dann halt kein Waterboarding. The show must go on! Nun zückt die andere Krankenschwester eine Nadel, quetscht sein Bauchfett zur Falte und sticht die Nadel vorsichtig hinein. Nach etwa einem Zentimeter im Wanstfleisch tritt die Nadel wieder heraus. Sie wiederholt das Prozedere mit drei oder vier weiteren Nadeln, zieht einen Bindfaden um sie, das Opfer keucht, und ich schaue weg. Aua.

Sexparty: Pornceptual in Berlin: Eindrücke von der größten Sexparty Europas
Eine Krankenschwester aus dem Paradies? Wohl kaum. Sie sticht gerade mit Nadeln in den Wanst ihres "Patienten". Tut sicher arschweh!

Eine Krankenschwester aus dem Paradies? Wohl kaum. Sie sticht gerade mit Nadeln in den Wanst ihres "Patienten". Tut sicher arschweh!

Es ist Sonntagmorgen, vielleicht zwei Uhr

Zwischen viel zu vielen anderen Körpern dränge ich mich durch das Kellergewölbe der alten Berliner Münzprägeanstalt. Hier, wo früher Pfennige gefertigt wurden, erleben heute Menschen aus aller Welt orgastische Momente. Etwa 2500 Leute feiern auf der Pornceptual-Party. Alle zwei Monate eskalieren sie, tanzen zu Techno bis in den Morgen, schauen sich Kunst-Performances an und Arthouse-Pornos. Jede Pornceptual-Nacht hat ein Motto, damit keine Party der vorigen ähnelt. Heute lautet es "Avant-Garde Porn". Eine Kunstinstal­lation steht herum und eine Foto-Booth. Zwei Etagen erinnern an Wohnzimmer, mit Bänken zum Entspannen und Plaudern. Hier reden Wildfremde halb nackt miteinander, bis die Sonne über der Spree aufgeht. Oder haben Sex im Keller. Wer nackt zur Party kommt, zahlt weniger Eintritt. Und weil wir in Berlin sind, kommen die meisten nackt oder nur spärlich bekleidet. Die Türsteherin nennt es die größte Sexparty Europas. Für die Veranstalter, das Pornceptual-Kollektiv, ist es viel mehr. 

"Wir fragen uns, ob Kunst schaffen kann, wo konventionelle Pornos versagen – uns anzuturnen"

Am Vortag treffe ich Pierre Emö, einen bildschönen Franzosen, das Gesicht von Pornceptual. Er muss noch einige Dinge erledigen: die Liebesschaukel im Darkroom aufbauen. Ein paar Sofas zellophanieren, gegen klebrige Flecken. Solche Sachen. Pierre, 27, blond getönte Haare und in einer Jeans mit großen Löchern, ging als Jugendlicher auf eine christlich-konservative Schule in der Normandie. Heute schauspielert er im Berliner Ensemble, modelt für Marken wie Montblanc, spielt in Pornos mit – und organisiert Kunst-Performances auf den Pornceptual-Partys. Die sollen die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten sprengen und den Horizont der Zuschauer erweitern. 

Pierre gehört zum vierköpfigen Pornceptual-Kollektiv. Dessen Idee lebt vor allem online, auf pornceptual.com. Dort pub­lizieren sie ästhetische Nacktfotos, verkaufen ein eigenes Magazin und bieten Fetischmode an. "Wir fragen uns, ob Kunst schaffen kann, wo konventionelle Pornos versagen – uns anzuturnen", sagt Pierre. "Und wir wollen die Welt zu einem besseren Ort machen." Kunst, die anturnen soll? Eine Techno-Nacktparty mit Weltverbesserer-Anspruch? Klingt nach einer Berliner Idee: ein wenig größenwahnsinnig, ein wenig auf Drogen und ein wenig nach Bullshit. Im ersten Moment zumindest. 

"Come on, wir alle wollen mal ein Facial bekommen"

"Ich meine, Porno muss normaler werden. Alle gucken’s in ihren dunklen Kammern an, einsam, aber niemand spricht darüber", sagt Pierre. Ich rücke meine Brille zurecht und frage: "Aber ist unsere Gesellschaft nicht schon total übersexualisiert?" – "Stimmt, nur in der falschen Weise! Quasi alles wird heute sexistisch beworben, mit halb nackten Brüsten zum Beispiel. Dabei sind nackte Körper in der Sauna für viele immer noch schockierend." Pornceptual will also unseren Umgang mit Sex, Porno und Nacktheit verändern, ethischer machen. Pierre redet und redet wie einer, der leidet. Unter dem gesellschaftlichen Umgang mit Sex. Er hört gar nicht mehr auf zu reden: "Come on, wir alle wollen mal ein Facial bekommen." Er macht eine Pause. Ich nutze sie, um bewusst zu schnüffeln. Noch riecht der Darkroom nach Wäscherei. Feucht und nach Waschpulver, mit dem nach jeder Nacht Körpersäfte vom Boden entfernt werden. "Jeder ist manchmal super horny und will slutty sein. Warum ein großes Brimborium darum machen?" Wer mal ausprobieren will, alle Hüllen fallen zu lassen, auch die gesellschaftlich oktroyierten, für den gibt es die Party. "Mit unserer Geisteshaltung tun wir etwas Gutes", sagt Pierre deshalb. "Die Party ist ein schnuckliger Ort. Völlig unaggressiv, niemand wird zu irgendetwas genötigt." Dafür sorgen auch Sicherheitsleute und ein Regelwerk. Wichtigste Vorschrift: Fragen, bevor man irgendwo hingrabscht. 

Ein Phantasialand für sexuell offene Menschen 

Am Tag der Party habe ich keine Grabsch-Intentionen, also bin ich auf der sicheren Seite. Journalistische Ethik und so. Trotzdem ziehe ich mich schnucklig an, mit Fake-Leder-Boxershorts und transparentem Shirt. Ich stelle mich ins Foyer, das als Umkleideraum dient. Menschen jeden Geschlechts ziehen neben mir blank oder entkleiden sich so weit, dass sie an der Türsteherin vorbeikommen. In einer Partynacht lässt sie knapp 800 Leute nicht rein. Ich sehe Körper. Dickere und dünnere, kleinere und größere – und sofort fühle ich mich wohler. Denn was ich sehe, entspricht nur selten dem Schönheitsideal, auf das ich konditioniert bin. Mal ist die Popobacke zu dick, mal die Hüfte zu breit, mal die Geschlechtsorgane eher klein und der Bizeps winzig. Alles egal, jeder hat seinen Körper, und jeder geht entspannt damit um. Ich habe genug gesehen, steige hinab in den Keller. Ein langer, düsterer Gang. Türen links und rechts, weitere Gewölbe.

Im ersten Raum: die Kunstinstallation. Ein Jesusbild hängt an der Wand, daneben ein Schminkspiegel. Auf dem Boden liegt ein Tigerfell, in der Ecke blubbert eine Lavalampe. "Alles cooler Shit, den ich auf Ebay gefunden habe", sagt die Kuratorin des Raums. Ich will gerade weiterziehen, da gibt sie mir noch einen Tipp: "Falls du noch mit Leuten reden willst, beeil dich, bevor sie alle einen Schwanz im Mund haben!" 

Halskrausen like it’s 1595

Je später die Nacht, desto lauter ballern die Techno-Beats durch die Unterwelt. Schweiß tropft von der Decke, der Boden ist feucht. Zwei Typen laufen an mir vorbei, beide tragen Halskrausen like it’s 1595. Zwei junge Menschen vögeln, er hält ihre Oberschenkel, presst sie mit dem Rücken gegen eine Safe-­Tür, hinter der früher Münzen lagerten. Da ist viel Lust zwischen ihnen. Und ein veganes Kondom. Im Pornokino schauen sich ein paar Leute eine Kamerafahrt durch den Enddarm an. Finde ich nur mäßig heiß, aber was weiß ich schon. Alles wirkt wie ein Phantasialand für sexuell selbstbestimmte Menschen. Ich erinnere mich an Pierre, der die Party einen "Ort der Experimente" nannte. Egal ob schwul, queer oder hetero. Ob Student, arbeitslos, Künstler, Beamter. Eine Utopie mitten in Berlin. Als ich diesen magischen Ort um acht Uhr verlasse, sticht die Sonne in meinen Augen. Sie spiegelt sich in den Fenstern der Alten Münze. Es ist so hell, dass ich die kleinen Krater in der Fassade erst kaum sehe. Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg. 

Diese Geschichte stammt aus der fünften Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.

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