"Germany's next Topmodel" Bitte ausziehen und lächeln!


Zur Halbzeit der dritten Staffel warteten auf die Kandidatinnen im Klumschen Modelcamp zwei besondere Aufgaben: Nacktshooting und ein "Vertical Catwalk". Beides sorgte gewohnt für jede Menge Drama und Tränen, die Eltern und Freunde der Mädchen trocknen konnten, denn sie kamen zu Besuch.
Von Mark Stöhr

Acht lange Folgen mussten im Topmodel-Marathon vergehen, bis der erste Satz mit Erinnerungswert fiel: "Wir haben sie als Mädchen weggeschickt und sehen jetzt eine Frau vor uns." Hier war kein Literat am Werk, sondern ein Vater, der mächtig stolz auf seine Tochter ist. Kann er auch sein, denn Jennifer, das Camp-Küken, hat eine tatsächlich bemerkenswerte Entwicklung hingelegt. Wo einige ihrer Kolleginnen noch wie Hupfdolen über den Catwalk stolpern und beim Fotoshooting die Lippen schürzen, als hätten sie Blitzherpes, besticht die 16-Jährige mit kühler Eleganz. Rolf Schneider würde sagen: ihrem "special something". Die Eltern der anderen Kandidatinnen sahen das natürlich anders. Am gelungensten ist immer die eigene Brut. So viel genetischer Eigensinn muss sein.

Gestern war großer Besuchertag in der ProSieben-Beauty-Farm. Ohne das Wissen der Mädchen füllten ihre Eltern und Freunde die Zuschauerränge beim abschließenden Wettposen auf dem Laufsteg. Und dabei war schön zu beobachten, wie der in den letzten acht Wochen angelernte Glamour Stück für Stück zusammenbrach. Denn es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis die Nachwuchsmodels überhaupt kapierten, wer sich da ihre Show ansah. Blind vor Professionalität spulten sie ihr Programm herunter, dass selbst Heidi Klum die Früchte ihrer Arbeit plötzlich sauer schmeckten. Das Planziel hieß doch: Kollaps durch Emotion! Sieht so der Dank für eine wunderbare Überraschung aus? Also wurde die Verwandtschaft zu noch frenetischerem Applaus angeleitet, einzelne erhoben sich und verstellten fast die Laufwege. Dann endlich fiel der Groschen. Aus Amateurdiven wurden kreischende Mädchen. Der Rest: Tränen, Tränen, Tränen.

Für eine halbe Stunde stellte sich ein, was man in der diesmaligen Staffel bislang schmerzlich vermisst hatte: ein echter Überschwang der Gefühle, der die Herzen drinnen und draußen infiziert. Für eine halbe Stunde auch hatte die Silikon-Welt der spitzen Ellenbogen und das blödsinnige Jetset-Gequatsche der Werber und Fotografen Sendepause. Da sagten Menschen, deren Nasen in keine Agenturmappe passen, entwaffnend schlichte Sätze wie "Meine Tochter ist so hübsch" oder "Ich bin kein Profi, ich bin nur die Mutter" - und meinten sie auch so. Da wurde geherzt und geknutscht, dass es eine Freude war. Das war mal Boulevard, der sein Geld wert war.

Sophia fehlt "das Besondere"

Mit dieser Euphorie und der Verstärkung ihrer Angehörigen im Rücken nahmen die Mädchen sogar den Gang zum Schafott mit einem Lächeln. Selbst Gisele, die derzeit größte Tränendrüse der Nation, genehmigte sich in ihrem leiernden Singsang einen Halbton nach unten und nach oben und trat mit strahlenden Augen vor die Jury. Sie bekam ihr Bild, acht andere auch. Bloß Sophia ging leer aus. Die Begründung aus dem Klumschen Zufallsgenerator: "Dir fehlt das Besondere." Sie hätte auch sagen können: "Dein arrogantes Madame-Getue geht uns und den dreieinhalb Millionen Fernsehzuschauern tierisch auf die Nerven." Sophia quittierte ihren Rauswurf auf die ihr eigene, fischkalte Art: "Natürlich macht's mir was aus. Das war ja mein Traum." Eine Frostfahne bei diesen Worten hätte nicht überrascht.

Überrascht war man jedoch von der Entspanntheit der Klum und ihrem Clan. Die ganze Folge hindurch fuhren sie einen Kuschelkurs, den man so noch nicht gesehen hat. Entweder kam die Order von oben, jetzt mal ein bisschen den Druck rauszunehmen, oder die Modelcoachs sind von ihren Trainingserfolgen dermaßen überzeugt, dass sie ihren Schülerinnen eine längere Leine lassen. Oder Australien, das nächste Reiseziel der Beauties, wird so richtig fies. Die wahrscheinlichste Variante.

Gestern jedenfalls quietschte die Seal-Gattin beim "Vertical Catwalk" mit den Mädchen um die Wette. Wieder so eine Schwachsinnsprüfung, bei der einem beim bloßen Zugucken schlecht wurde. Die Mädchen mussten an einem Seil die Fassade eines 20 Meter hohen Hauses hinunterstiefeln. Die Order: "Wer macht trotz Angstschweiß noch eine gute Figur?" Um es kurz zu machen: Alle bis auf eine. Gisele stand auf dem Dach und heulte sich vor Panik die Augen wund. Von unten kam jedoch nicht der gewohnte Peitschenton, sondern fast schon so etwas wie Mitgefühl und Verständnis. Als Gisele dann in eine Phase der Selbstanalyse eintrat und zu psychologisieren begann, entdeckte selbst der dröge Rolf sein Sanitäterherz: "Nicht runterspringen, okay?" Gisele sprang nicht und nahm wie alle vernünftigen Menschen den Aufzug.

Beim anschließenden Nacktshooting zeigte sie sich gut erholt und wurde für ihre natürliche Erotik gelobt. Das wiederum konnte man auch anders sehen. Wie so manche Beurteilung der Fotos durch die Verwandten und Freunde. Aber da spielten die verdrucksten Posen der Elevinnen bald sowieso nur noch die zweite Geige. Da ging es eher um die "Schönheit von innen". Auch Heidi Klum wollte bei der allgemeinen Brutpflege nicht zurückstehen und gewährte einen tiefen Blick in ihre eigene Familiengeschichte: "Meine Eltern waren immer gut drauf." Zu viel Überraschung wäre des Guten denn auch zu viel gewesen.


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